Métamorphoses

Die Götter neu stylen: Der französische Filmemacher Christophe Honoré tobt in Ovids Metamorphosen und lässt Jupiter und Konsorten auf eine moderne Europa los.

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Als Ouvertüre gibt es eine Leihgabe aus einer anderen Ouvertüre: Métamorphoses wird zu den energischen Klängen von Mozarts Zaide eröffnet, während Aufnahmen von Wasseroberflächen einander ablösen. Eine Ouvertüre in trauter Übereinstimmung also mit dem, was der Film tut und wovon er handelt: Christophe Honoré schöpft kräftig aus dem Weltkulturerbe und erzählt von der Verwandlung, das heißt: Er unterwirft Ovids Verwandlungen einer eigenen Verwandlung. Denn er findet nicht so sehr eigene Bilder für die Verwandlung als solche – die anfänglichen Aufnahmen, die das Element Wasser in seiner Beständigkeit und seiner doch so stetigen Wandelbarkeit heraufbeschwören, zeichnen sich nicht gerade durch Originalität aus –; vielmehr setzt er auf die Verwandlung der Metamorphosen, ihre Verfremdung, ihre Verheutigung.

Götter in Sneakers

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Es ist eine sehr eigenartige Verheutigung. Christophe Honoré hat sich nicht überlegt, wer heutzutage das verkörpern könnte, was damals die Götter verkörperten, und so irgendwelche Äquivalenzen suggeriert, sondern er hat die Götter aus Ovids Metamorphosen ohne Umwege und Bedenken in diesen Wald hinter den öden Sozialbauten gepackt, ihnen allenfalls moderne Kleidung und einen südländischen Akzent übergestülpt, sonst aber nicht an ihrem Wesen gerüttelt. Métamorphoses ist nicht der Einbruch unserer Zeit in die Mythologie, sondern der Einbruch der Mythologie in unsere Zeit. Getragen werden soll der Film wohl von eben dem Einbruch, vom Brechen mit unseren Vorstellungen von den römischen Göttern, unseren Vorstellungen vom Göttlichen, unseren Vorstellungen vom Erzählen.

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Christophe Honoré macht sich einen Spaß daraus, sie neu zu stylen, die Zuschauer mit einer Ästhetik des – zugegebenermaßen einfachen – Kontrastes zu provozieren. Der Lebensraum dieser Götter hat gleichermaßen etwas von einer sinnlichen Landpartie und einem anarchistischen Biwak, dazu abwechselnd Klassik und Pop: Die Bakchantinnen sind nackt, tragen aber Sneakers und lümmeln in Schlafsäcken, die direkt auf dem Boden liegen; bei der verhängnisvollen Begegnung zwischen Aktaion und Diana badet Diana nicht erhaben in einer Quelle, sondern schüttet sich einen Plastikkübel überm Kopf aus. Doch damit nicht genug; Diana stellt sich hier – nach dem vom Kino so häufig ausgekosteten Moment des Umdrehens – als Zwitter heraus. Der verstörte Blick des Jägers ist der des Publikums: die Herausforderung, Mann und Frau gleichzeitig zu denken, die antiken Götter in dieser Vorstadtumgebung zu akzeptieren, sie nicht gedanklich als Fremdkörper auszustoßen.

Fantastik hinter den Sozialbauten

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Auf diese Spannung kommt es dem Film offenbar an, auf ein Aufeinanderprallen, das nicht geglättet, ausgebügelt wird, sondern als Prall empfunden werden soll, als willkürliches – und mit einem Schmunzeln versehenes – Aufeinanderstoßen von stilisierter Fantastik und erdrückendem Vorstadtleben. Das einzig wirklich verbindende Element ist die Figur der Europa (Amira Akili), bei Christophe Honoré eine normalsterbliche Teenagerin, der Bacchus (Damien Chapelle) in einer klischeebeladenen Szene die Inhaltsleere eben dieses, ihres Lebens vorführt. Aber Europa will mehr. Sie ist Ausgangs- und Drehpunkt des Films, diejenige, die sich von Jupiter (Sébastien Hirel) entführen lässt, weil sie – wie sie nur zu deutlich mit aneinandergereihten Steinen auf den Boden schreibt – „eine Geschichte erleben will“. Die Neuinszenierung der Entführung gehört zu den interessanteren Szenen des Films: Es ist kein Stier, der Europa umkreist, sondern ein rätselhafter Lkw, dessen Fahrer wir nicht sehen können; und tatsächlich hat die Begegnung zwischen Mensch und Maschine, das Aufeinander-Zugehen und wieder Voneinander-Gehen, etwas von Balz und von Kräftemessen zugleich. „Du musst mir glauben, sonst bringt dir das alles nichts“, warnt sie Jupiter, der sich als der Fahrer herausstellt, und man ist geneigt, darin ein Plädoyer für die Fantasie zu lesen, so wie der ganze Film auch ein exaltiertes Plädoyer für die Entdeckung oder Wiederentdeckung von Ovids Metamorphosen ist.

Alte Götter im Multikulti

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So wie sich Europa aus Abenteuerlust auf Jupiter einlässt, müssen sich die Zuschauer auf einen Film einlassen, der auch auf erzählerischer Ebene mit Brüchen arbeitet. Ein halbes Dutzend Episoden greift Christophe Honoré aus den Metamorphosen auf, reiht sie aneinander, mal sorgfältiger an den Plot angebunden, mal dezidiert grob dazwischengeschoben; Métamorphoses kommt daher wie ein Potpourri aus den Metamorphosen, sehr künstlich zusammengehalten, aber nicht minder unterhaltsam. Man vermutet hier und da ein Fünkchen politischen Sendungsbewusstseins – Europa, Heldin und Gesicht des Films, wurde sicherlich nicht zufällig als algerischstämmige Schauspielerin für die Verkörperung der Figur Europas und eines seiner größten Erbstücke auserkoren –, aber nichts wahrlich Flammendes.

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Doch eines muss man Métamorphoses zugutehalten, das ist die ausgiebige Beschäftigung mit einer anderen Form des Göttlichen. „Das ist es also, Gott zu sein?“, fragt Europa Bacchus mit Geringschätzung und vergegenwärtigt das gängige Verständnis vom Göttlichen als das Heilige, das Würdige, das Erhabene. Bei Christophe Honoré sind die Götter triebgesteuert, morden, huren, rasten aus, Frauen und Männer gleichermaßen; interessanterweise sind es nicht selten die Frauen, die dem Mann die unerwiderte Lust aufzwingen. In einer der gelungensten Szenen des Films treffen beide Gottesbilder aufeinander: Atalante und Melanion haben Sex in einer Moschee. Götter, die das Göttliche entweihen – zweifelsohne eine großartige Provokation, die aber, ähnlich wie die Anachronismen, von denen der Film nur so wimmelt, von keiner Reflexion aufgenommen wird, sondern lediglich Gefallen findet an der Überschreitung. So kommt Métamorphoses selbst daher wie ein kleiner, selbstgefälliger Gott, „weil ich’s eben kann“.

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