Metamorphosen

Nichts sehen, nichts wissen. Es strahlt im Ural.

Die Entstehungsgeschichte von Metamorphosen (2012) beginnt in Japan. Nach dem Kraftwerk-GAU in Fukushima reist Regie-Student Sebastian Mez kurzerhand nach Tokio, findet dort so kurz nach der Katastrophe aber weder als Tourist noch als Filmemacher Antworten. Stattdessen wird zurückgefragt: Wie war das damals mit Tschernobyl? Wieder zu Hause beginnt Mez zu recherchieren und stößt auf einen Umweltskandal, von dem kaum jemand auf der Welt zu wissen scheint.

Metamorphosen 01

Im südlichen Uralgebiet, zwischen den großen Industriestädten Tscheljabinsk und Jekaterinburg lässt Stalin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Plutoniumfabrik Majak errichten. Unter unzulänglichen Arbeits- und Sicherheitsbedingungen wird hier Material für die sowjetische Atombombe produziert, werden radioaktive Abfälle einfach in die umliegenden Gewässer geleitet. 1957 explodiert ein Stahltank und setzt große Mengen an radioaktivem Material frei. Die Geheimhaltung des sowjetischen Regimes gelingt, die meteorologischen Umstände lassen die Messgeräte im Westen nicht ausschlagen, vor den Einheimischen der betroffenen Gebiete wird der Vorfall heruntergespielt. Es geht weiter wie zuvor, zahlreiche Unfälle und Störungen folgen, auch heute noch dient die Anlage der Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen.

Metamorphosen spürt den Ereignissen rund um das Kraftwerk und ihren Folgen für die Menschen vor Ort nach. Spüren ist das richtige Wort: Mez geht es um eine emotionale Sichtbarkeit. Bis auf einige kontextualisierende Texttafeln verweigert er sich mit seinem dokumentarischen Material konsequent einem verbissen aufklärerischen Gestus, verlässt sich ganz auf das Zusammenspiel fragmentiert erzählter Schicksalsgeschichten und der Poesie starker Bilder. Kontrastreiche Schwarzweiß-Aufnahmen fangen die karge, unwirtliche Landschaft ein, legen Strukturen frei, Gesichter, entlarven Posen. Die fast ausschließlich im Off ablaufenden O-Töne erzählen schockierende Einzelheiten: das langjährige Baden im zutiefst verseuchten Fluss, fehlende oder falsche Kommunikation der Verantwortlichen, Krankheiten, ein fast schwarz geborenes und wenig später verstorbenes Baby. Diesen auditiven Nadelstichen – auch der laut eingefangene, omnipräsente Wind schmerzt regelrecht – stehen ästhetisch hoch aufgeladene Bilder gegenüber. Man bekommt ein Gefühl für den unsichtbaren Horror, auch weil Mez es versteht, ihn dann doch subtil, aber wirkmächtig ins Visuelle diffundieren zu lassen: Ein Schaf wird geschlachtet, schreit und wehrt sich verzweifelt. Ein Fisch erstickt in Nahaufnahme.

Metamorphosen 02

Zur zentralen Stelle in Metamorphosen wird denn auch eine Szene, in der vor der Kamera versucht wird, die radioaktive Strahlung sichtbar zu machen. Eine subjektive Einstellung startet etwa 20 Meter vom Fluss entfernt und bewegt sich langsam in Richtung Ufer. Mittig ist ein in der Hand gehaltener Geigerzähler zu sehen. Das typisch unrhythmische Knacken des Messgeräts wird immer stärker, die Anzeige auf der Skala verzehnfacht, verhundertfacht, vertausendfacht sich. Der Poltergeist – ein Mitarbeiter des Kraftwerks gibt im Verlauf eines Interviews der Strahlung diesen Namen – ist nun maximal anwesend. Diese Sichtbarkeit ist zwar im doppelten Sinne durch Kamera und Messgerät technisch vermittelt, aber aufgeladen mit dem Horror des vorher Gehörten. All die Anordnungen des Films, seiner Protagonisten und seines Zuschauers, zwischen Abstraktheit und Konkretem, zwischen (Nicht-)Sehen und Spüren, zwischen Beobachten und Zeigen, zwischen Sagen und Wissen wankend, implodieren auf einmal. Sie sind zutiefst kinematografisch, reichen dann aber doch auch weit über das Kino hinaus: als Anklage an ein politisches System der UdSSR und ihres Nachfolgestaats, dessen Verständnis von Kollateralschäden fassungslos zurücklässt: Die Bewohner des eine Stunde Autofahrt von Majak und nur wenige Meter vom Tetcha-Fluss entfernt liegenden Dorfes Musljumowo wurden mittlerweile umgesiedelt – in ein drei Kilometer entferntes Alibidorf.

Trailer zu „Metamorphosen“


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Kommentare


P. Höcker

Endlich gibt es einen Film zur Atomkatastrophe von

Majak.

Der 1. große eigentlich bis heute geheimgehaltene Atomunfall von den 3 großen Unfällen fand in Majak in Russland am 29.09.1957 statt (1. Majak INES 6, 2. Tschernobyl INES 7, 3. Fukushima INES 7).

Lest dazu bitte auch den Eintrag zu Majak bei wikipedia und schaut

"Albtraum Atommüll"

hier auf youtube.

In Teil 4 des Filmes sieht man die einzigen Filmaufnahmen des radioaktivsten See der Erde,

des Karatschai-Sees

südlich von Majak. Danke für die Aufmerksamkeit.


Urs Bender

Nun auch gesehen. Würde ihn unter der Rubrik "Ludwigsburger Gradingopfer" eintüten. Sorry, aber bei der Bildsprache gingen wohl alle Pferde durch. Konnte dem Film nicht mehr folgen, so groß war der Unmut über die "Style Over Substance" Bilder.






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