Merry Christmas

In einer außergewöhnlichen Weihnachtsfeier 1914 an der Westfront begegnen sich Deutsche, Franzosen und Briten mit Champagner statt mit Gewehrsalven. Der Erste Weltkrieg spielt hier jedoch weniger eine Rolle als vielmehr die Macht – oder Ohnmacht – des kleinen Mannes im Allgemeinen.

Merry Christmas

Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Was ist Krieg? Wie entsteht er? Und warum? Was passiert, wenn tatsächlich keiner mitmacht, wenn ein Soldat einfach wieder nach Hause geht – oder erst gar nicht mitzieht? Cristian Carion schildert in Merry Christmas ein außergewöhnliches Weihnachtsfest von Deutschen, Franzosen und Briten 1914 an der Westfront. Anstatt sich – wie noch einige Stunden zuvor – mit Feuersalven zu begegnen, mit Pistolen, Maschinengewehren und Bajonetts, stoßen die eigentlich sich feindselig gegenüberstehenden Militärkompanien mit Champagner an und reichen sich Schokolade. Eigentlich ein wunderbarer Beginn für eine Freundschaft – wären da nicht die tragischen Umstände.

Alles beginnt mit einem Dudelsack, den die Schotten an Heilig Abend hervorholen. Leise und wohlig warm erklingt er durch die eisige Nacht. Kurz darauf fängt Benno Fürmann alias Tenor – oder nun Soldat – Nikolaus Sprink zu singen an. „Stille Nacht“ ertönt durch das Niemandsland irgendwo zwischen Nordsee und Schweiz. Es dauert nur wenige Minuten bis dann nicht nur Weihnachtsbäume – die die Deutschen als Zeichen der Normalität haben herankarren lassen – aus den Schützengräben zum Vorschein kommen, sondern auch Soldaten langsam, anfangs noch misstrauisch, dann immer enthusiastischer hervor kriechen. Aus der schüchternen Begegnung der Feindestruppen entwickelt sich rasch ein freudiges Beisammensein.

Merry Christmas

Höhepunkt der Annäherung ist der Auftritt der Geliebten des Tenors, der dänischen Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), die die gesamten Soldaten zum Abschluss einer Messe an Heilig Abend im Freien mit ihrer Stimme verzaubert. Ein wenig erinnert diese Szene an die Auftritte Marlene Dietrichs vor den amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg und an Fassbinders Film Lili Marleen (1981), in dem Soldaten überall gleichzeitig dem wehmütigen Lied aus dem Radio lauschen, welches ihre Herzen weiter schlagen lässt.

Wie die heilige Jungfrau Maria ist die Sopranistin inszeniert. Mit ihrem goldenen Haar und ihrem roten Samtumhang bildet sie den einzigen Glanzpunkt in der kargen schneebedeckten Landschaft. Insgesamt ist alles recht klar und unmissverständlich in dem Film definiert: Hetz-Gedichte am Anfang, die von deutschen, englischen und französischen Schülern vorgetragen werden und zur Vernichtung der Feinde aufrufen, sollen die Schärfe des Krieges unterstreichen; bronzefarbene Fotos zuvor das Ereignis als ein historisches, längst vergangenes hervorheben. Und dann ist da noch die alles vereinende Musik, die zeigen soll, welche Kraft in künstlerischem Tun steckt und was diese bewirken kann. Nicht ohne Grund zeichnet der gutherzige französische Leutnant in stiller Stunde und singt der friedliebende deutsche Soldat. Und das alles passiert an Weihnachten, dem heiligen Fest, welches – ähnlich wie Fußball – weltweit zur Verbrüderung beiträgt. Und natürlich sind es die Franzosen, die bei der Einheitsfeier für das leibliche Wohl sorgen, Kaffee und Champagner offerieren.

Die fast schon skizzenhaft inszenierten Menschen und die grob umrissene Geschichte lassen den Ersten Weltkrieg als historisches Ereignis in den Hintergrund treten. Vielmehr wird die Absurdität der Situation und überhaupt eines Krieges klar; wenn beispielsweise die Armeen – je nach Angriffsziel ihrer Truppen – gemeinsam von Schützengraben zu Schützengraben ziehen. Die Soldaten führen Befehle aus, von denen sie nicht überzeugt sind oder deren Sinn sie nicht verstehen, genauso wenig wie deren größeren Zusammenhang.

Merry Christmas

Möchte man an den Film Fragen stellen, kann man das Verhältnis zwischen äußeren, scheinbar mehr oder weniger zufällig-fatalen Umständen und dem Einzelnen anhand der Darstellung des Ereignisses untersuchen. Inwiefern steht der einzelne Soldat – oder Mensch – den allmächtigen Herren oder dem Lauf der Geschichte machtlos gegenüber? Möchte man einfach nur nette Unterhaltung finden, steht dem ebenso wenig entgegen. Zu Beginn wirkt Merry Christmas eher banal, als wollte er bloß unverbindlich Heiterkeit erzeugen, beispielsweise als ein Weihnachtsbaum nach dem nächsten den Graben verlässt; mit der Zeit jedoch gewinnt der Film etwas mehr an Tiefe. Trotzdem bewegt er sich eher an der Oberfläche, nach zwei Stunden bleibt nicht viel zurück. Daniel Brühl und Diane Krüger tragen dafür eine gewisse Verantwortung; ihr etwas ungelenkes Schauspiel vermag nicht ganz überzeugen.

Am Ende werden die für kurze Zeit unfreiwillig rebellisch gewordenen Truppen wieder zu bloßen Gliedern der Geschichte und fügen sich den Befehlen von oben. So führen ihre menschlichen Aktionen nicht in die Freiheit und in den Frieden, sondern nach Verdun und an andere Fronten. Einzig ein seltsam hoffnungsfrohes Summen bleibt zurück, wenn die deutschen Soldaten in Güterwagons nach Russland transportiert werden. Der Film endet mit einer in sattes Grün getauchten Landschaft, die schon für wenige Sekunden am Anfang zu sehen war.

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