Merida – Legende der Highlands

Das neue Abenteuer aus dem Hause Pixar bringt Wunderdinge in der Animation von Haaren zustande und ist so realistisch, wie ein feministischer Märchen-Trickfilm nur sein kann.

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Vor einem Vierteljahrhundert schuf John Lasseter für Pixar einen Kurzfilm, in dem eine große und eine kleine Schreibtischlampe sich gegenseitig einen Ball zuschießen (Luxo Jr., 1986). Die Lampe wurde später Teil des Pixar-Logos und die Firma berühmt für ihre Meisterschaft, Unbelebtes zum Leben zu erwecken.

Das begann in Kurzfilmen mit Blechspielzeug (Tin Toy, 1988), einem Einrad (Red’s Dream, 1987) sowie einer Figur in einer Schneekugel (Knick Knack, 1989) und wurde mit Toy Story (1995) zur Weltsensation. Pixar erschuf Autos mit Minderwertigkeitskomplexen (Cars, 2006) und einen chaplinesken Roboter mit Frühlingsgefühlen (Wall-E, 2008). Wenn es um Lebendiges ging, dann um fantastische, zottelige Ungeheuer (Die Monster AG, 2001), verirrte Fische (Findet Nemo, 2003) oder bürgerliche Superhelden (Die Unglaublichen, The Incredibles, 2004) – kurz, die Fantasie dieser Geschichtenerzähler war so weit weg von der physikalischen Welt wie nur irgend möglich. In Oben (Up, 2009) spielen zum ersten Mal einigermaßen normale Menschen die Hauptrolle, und mit Merida – Legende der Highlands (Brave, 2012) macht Pixar einen weiteren, sehr großen Schritt in Richtung Realismus.

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Selbst Ort und Zeit sind historisch ziemlich genau zu bestimmen, ein Novum in der Filmografie der Firma: Die Geschichte spielt im mittelalterlichen Schottland, dessen Landschaft überzeugend und wunderschön daherkommt, ganz offensichtlich als Ergebnis intensiver Recherchen und Vorstudien. Die Figuren reden in diesem seltsamen schottischen Akzent (was in der deutschen Synchronisation, in der Nora Tschirner die Hauptrolle spricht, natürlich verloren geht), und die Musik greift auf Dudelsack, Geige, Flöte und Harfe zurück.

Ein weiteres Merkmal für den Realismus, der Merida ausmacht, ist eher technischer Natur, rot und stets ungekämmt: die perfekt animierte Haarpracht der Titelheldin, einer Prinzessin mit sehr eigenem Willen irgendwo zwischen Roter Zora, Pippi Langstrumpf und der jungen Katherine Hepburn.

Meridas rote Lockenpracht ist das eigentliche Zentrum des Films, eine schier unüberschaubare Masse hervorquellenden Haares, das so detailliert daherkommt, dass sich der Blick darin verlieren kann, indem er dem Verlauf einzelner Locken zu folgen versucht. Äußeres Erkennungsmerkmal der inneren Rebellion, ein Wischmopp der Widerstandes.

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Haare waren jahrzehntelang die größte technische Schwierigkeit in der Trickfilmproduktion; was Pixar hier – übrigens auch in der Animation der Mähne von Meridas Pferd – mit seinen Hochleistungsrechnern erreicht hat, stößt neue Türen auf.

Die Frisur des Mädchens gerinnt dabei natürlich zum Symbol: Wenn Merida, eingezwängt in Korsett und Haube, potenziellen Ehemännern vorgestellt wird, lugt eine einzelne Locke hervor und legt sich über ihre Stirn. Wenn sie ihre Kapuze abwirft, dem Haar seinen freien Lauf lässt und mit Pfeil und Bogen in der Hand auf ihrem Selbstbestimmungsrecht beharrt („I am Merida, and I’ll be shooting for my own hand!“), dann tut sie das mit einer Kopfbewegung, die den größten Diven der Filmgeschichte zur Ehre gereichen würde. Zum ersten Mal ist die Hauptfigur in einem Pixar-Film weiblich, und sie ist perfekt frisiert.

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Das Maskuline dagegen ist reduziert auf eine Überdosis Testosteron, in Gestalt tumber, ewig essender und raufender Männer, von denen keiner eine Rolle spielt in dieser Geschichte. Einzig Meridas Vater, der seiner Tochter das Bogenschießen beibrachte, strahlt bei aller Bärbeißigkeit auch etwas Würde aus. Ihre drei kleinen Brüder immerhin sorgen mit anarchischer Energie für den Humor. Die Welt, von der Merida erzählt, mag den Frauen nicht gehören, der Film aber ist gänzlich der ihre. Und auch die Konflikte sind rein feminin: Merida muss sich mit ihrer Mutter auseinandersetzen, gegen deren Beharren auf die Tradition sie aufbegehrt.

Es sind also viele neue Wege, die beschritten wurden. Das Ergebnis gehört jedoch leider nicht zu den besten Pixar-Filmen. Merida ist wunderschön animiert, flott erzählt, mit einer originellen Heldin und alles andere als langweilig. Aber gemessen an dem, was man von Pixar gewohnt ist, bleibt die Geschichte jenseits ihrer visuellen Attraktivität und gewohnt einfachen Moral seltsam trüb. Und das hat durchaus etwas mit dem Realismus zu tun.

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Moderne Zeichentrickfilme sind meist auch Ansammlungen von wild umherspukenden kulturellen Verweisen, gewagten Gedankenexperimenten oder originellen Erzählhaltungen. Das gilt besonders für Pixar-Filme: die Stummfilmreferenzen in Wall-E, das Spiel mit den Klischees aus 60-er-Jahre B-Movies in Die Unglaublichen, die ergreifende Montage eines gesamten Ehelebens innerhalb weniger Minuten in Oben und die geniale Idee in Toy Story, die auf Spielzeuge gerichtete kindliche Fantasie zum Handlungsmotor zu machen – wegen solcher Einfälle sind die Filme auch für Erwachsene interessant.

In Merida gibt es nichts von alledem. Die Geschichte wird ganz stringent erzählt, wie ein simples Märchen, eine Fabel. Es gibt eine einzige Szene, die mehr Esprit versprüht. Darin agiert ein brodelnder Hexenkessel als Anrufbeantworter, eine gelungene Sequenz, die aber ganz allein steht in der ansonsten in sich geschlossenen Welt dieses Films. Und die deshalb wirkt, als hätten die Drehbuchautoren vergessen, sie zu streichen.

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Es ist toll, was man heutzutage mit einem Schopf roter Haare in einem Animationsfilm alles anstellen kann. Wenn nur der Rest von Merida nicht so glattgebürstet wäre!

Trailer zu „Merida – Legende der Highlands“


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