Menschliches Versagen
Michael Verhoeven lässt nicht los vom „Dritten Reich“ und legt den Finger weiter in die Wunde.
Am Anfang steht die Aussage des Historikers Götz Aly, beim Nationalsozialismus habe es sich um eine Gefälligkeitsdiktatur gehandelt. Die Enteignung der Juden habe für einen Profit gesorgt, an dem die gesamte Restbevölkerung beteiligt war. Das Geld wurde unter anderem für Rentenerhöhungen und Kindergeldzahlungen genutzt. Besonders beliebt waren die Auktionen „nicht-arischen Besitzes“.
Die Enteignung war das erste Glied in der Kette, die sich mit Vertreibung, Deportation und Vernichtung fortführte. Selbst dafür zahlten die Opfer. Mit einem Sammelfahrschein nach Auschwitz – einfache Fahrt. Michael Verhoeven ist bemüht, den bekannten zynischen Bürokratismus des NS-Regimes weg von „Hitlers Helfern“ immer wieder auf die Profiteure zu beziehen – in Alys Worten: „alle“. Das „Dritte Reich“ wird als grundsätzliches, flächendeckendes, komplettes, kapitales Versagen einer ganzen Nation begriffen. Im Zentrum steht die gar nicht weiter ausformulierte These, wonach es vielleicht Protest gegeben hätte, wäre nicht jeder einzelne durch persönlichen Profit zum Stillschweigen animiert gewesen.
Verhoeven nimmt sich viel Zeit, um seinen Ansatz mit Einzelschicksalen zu illustrieren. Dabei fungiert Prof. Dr. Wolfgang Dreßen als eine Art Alter Ego, das Akten und Fakten ans Tageslicht fördert, die eben immer von Schicksalen sprechen. Besonders eingängig ist dabei das Bild eines vermutlich mit jüdischen Besitztümern gefüllten Koffers auf einem fremden Dachboden. Als die rechtmäßige Erbin ihn nach Jahrzehnten öffnet, ist er leer. Und der Überbringer ahnt, worauf der Wohlstand seiner Familie gründet.
Verhoeven ist also wohltuend ganz und gar nicht nur vergangenheitsorientiert, sondern findet vielmehr immer wieder Anknüpfungspunkte im Hier und Jetzt. Da ist die Rede von dem Beamten, der nicht nur Enteignung, sondern auch Restitutionen zurückgekehrter Juden durchführte, genauso wie von Oberfinanzdirektionen, die bestimmte Akten heute noch immer nicht freigeben wollen.
All dies verhandelt Menschliches Versagen ohne Emphase, gänzlich ohne Pathos, scheinbar sehr lose und langsam. Eine dem Gegenstand angemessene Herangehensweise, die zusätzlich Konzentration fordert beim Zuschauer und sich angenehm von reißerischen Formen der fiktionalen und nicht-fiktionalen NS-Filmbearbeitung distanziert.
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 02.03.2009
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Film-Angaben
Titel: Menschliches Versagen
Deutschland 2008
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Michael Verhoeven
Drehbuch: Michael Verhoeven, Luise Lindermair
Produktion: Michael Verhoeven
Bildgestaltung: Britta Becker, Matthias Boch
Montage: Gabriele Kröber
Musik: Sami Hammi
DVD-Angaben
Titel: Menschliches Versagen
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,33:1, 4:3
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 90 Minuten
Extras: Interview mit Michael Verhoeven, zusätzliche Szenen, Biographie Michael Verhoeven, Das Buch „Betrifft: ‚Aktion 3‘. Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn“ (Autor: Wolfgang Dreßen), Information zur Wanderausstellung und Presseheft als PDF, Trailer, Wendecover
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 06.03.2009
Copyright Menschliches Versagen
Fotos: © Kinowelt
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