Menashe

Berlinale 2017 – Forum: Universelle Sackgasse: Ein paar Gedanken anlässlich eines Films, der sich ein bisschen zu leicht charakterisieren lässt.

Menashe 2

Gerade beim Festival-Talk zwischen den Kinos, wo man mit Filmtiteln, Filmemachern und Inhaltsangaben schnell durcheinanderkommt, reduziert man ein Werk gerne mal auf ein Thema – „na dieses Inzestdrama“ –, einen großen Namen – „na dieses Huppert-Ding“ – oder eine bestimmte Ästhetik – „na dieses Teil ohne Schnitt“. Die Regel geht natürlich nicht immer auf, aber häufig sind solche Filme am interessantesten, die sich am schwierigsten verschlagworten lassen. Menashe von Joshua Z. Weinstein ist da leider keine Ausnahme. Der Film läuft im Forum und lässt sich schnell charakterisieren, spielt er doch in einer vom Kino selten in den Blick genommenen jüdisch-orthodoxen Gemeinde Brooklyns und wurde fast komplett auf Jiddisch gedreht. Regisseur Weinstein war es ein Anliegen, innerhalb dieses Settings eine „universale Geschichte“ zu erzählen, um damit Distanzen zu überbrücken und dem Blick aufs Fremde etwas entgegenzusetzen. Aber kann das gelingen?

Wir lernen also den titelgebenden Menashe (Menashe Lustig) kennen, der nach dem Tod seiner Frau um das Sorgerecht für seinen Sohn Rieven kämpft. Menashe ist in Dingen der Religion durchaus ein gemäßigter Rebell, trägt selbst zu wichtigen Anlässen keinen Hut, will sich nicht sofort wieder binden, sondern sucht nach einer Frau, die zu ihm passt. Schnell sind die Dinge also etabliert: ein Held, ein Konflikt und zum x-ten Mal Tradition vs. Moderne. Weinstein hat Menashe mit Laiendarstellern aus Borough Park gedreht, und auch das trägt zu der eigentümlichen Dynamik aus universalen Themen und konkretem Milieu bei, die Weinsteins hehres Anliegen wieder untergräbt. Denn je universaler der Film, desto eher schieben sich eben doch wieder jene kulturellen Spezifika in den Vordergrund, die man gerade im Universellen zu versenken versucht.

Menashe 1

Über die „Gefahr einer einzigen Geschichte“ hat die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie kürzlich referier, über den Gewaltakt, eine Person oder ein Land oder sonst etwas mit einer einzigen Geschichte zu beschreiben, wo doch eine jede aus unzähligen solcher Geschichten besteht. Das Problem von Filmen wie Menashe scheint zu sein, dass Figuren für sie aus exakt zwei Geschichten bestehen: aus einer universellen, menschlichen und einer identitären, kulturellen. Was uns bleibt nach Abzug der ganzen universellen Themen und Konflikte, das ist dann eben doch nur der interessierte Blick in eine fremde Welt. Menashe ist also beim Festival-Talk zwischen den Kinos „dieser Film mit den Orthodoxen“, „der auf Jiddisch“. Nicht nur, weil er sich so am einfachsten beschreiben lässt, sondern leider auch, weil er sehr viel mehr gar nicht sein will.

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