Menachem und Fred

Eine Dokumentation über außergewöhnliche Annäherungen: zwischen zwei jüdischen Brüdern, die jahrzehntelang voneinander getrennt waren; zwischen Opfern des Nationalsozialismus und den Kindern eines SA-Mannes.

Menachem und Fred

Ist dieser Film eine gute Idee? Oder nur eine lästige Verpflichtung? Fred Raymes ist sich nicht sicher und bereut in einer frühen Szene, mit seinem Bruder eine schwierige Reise in die Vergangenheit antreten zu müssen: „Die Idee, dass wir über 70 Jahre noch einmal durchleben, ohne ein einziges Jahr davon ändern zu können, ist nicht gerade reizvoll“, gesteht er. Trotzdem lässt er sich mit seinen Zweifeln darauf ein. „Aus therapeutischen Gründen“, wie er sagt, und „für unsere Kinder und Enkelkinder. Sie müssen wissen, was geschehen ist“.

Fred Raymes hieß einmal Manfred Mayer, bevor er seine frühere Identität für immer abstreifen wollte. Er ist neun Jahre alt, als er mit seinen jüdischen Eltern und seinem sechsjährigen Bruder Heinz am 10. November 1938, einen Tag nach den Novemberpogromen, aus der Familienwohnung im ersten Stock einer Synagoge in Hoffenheim bei Heidelberg vertrieben wird. Mitglieder der SA werfen den Besitz der Mayers auf die Straße und zerstören die Synagoge. Die Familie kommt zunächst bei Verwandten unter, der Vater erhält als Viehhändler Berufsverbot. Im Oktober 1940 werden die Mayers von der Gestapo in das südfranzösische Lager Gurs deportiert. Als eine jüdische Hilfsorganisation anbietet, Manfred und Heinz in einem Waisenhaus unterzubringen, beschließen die Eltern, sich von ihren Kindern zu trennen, um ihr Leben zu retten. Karl und Mathilde Mayer schreiben ihren Söhnen regelmäßig Briefe, die letzte Nachricht kommt im August 1942. Kurz darauf werden die Eltern in Auschwitz ermordet.

Menachem und Fred

Die Wege der Brüder trennen sich während des Krieges. Fred geht 1946 in die USA, Heinz immigriert 1948 nach Israel und nimmt den hebräischen Namen Menachem an. Beide verdrängen einen Großteil ihrer traumatischen Erlebnisse für Jahrzehnte und haben 26 Jahre keinen Kontakt zueinander. Während Fred seine Herkunft in der neuen Heimat verbirgt, schließt sich Menachem dem orthodoxen Judentum an. Freds Sohn ist mit einer Christin verheiratet, Menachems strenggläubig erzogene Kinder leben als jüdische Siedler in der Westbank.

Die Briefe der Eltern aus den Konzentrationslagern werden schließlich zum Auslöser für eine späte Kontaktaufnahme zwischen den Brüdern, aus der ihre Autobiografie Aus Hoffenheim deportiert. Menachem und Fred. Der Weg zweier jüdischer Brüder (2008) entsteht. Auszüge aus den berührenden Briefen sind bereits im Buch veröffentlicht worden. Im Film sind sie wiederholt als Voice-over zu hören, gelesen von einer Schauspielerin in einem Tonfall, der mit seiner betonten Bedächtigkeit an eine Märchentante erinnert und damit beim Zuhören mulmige Gefühle hervorruft. Scheinbar soll er den Inhalt, der an sich schon bewegend genug ist, emotional noch unterstreichen, lenkt durch seine unpassende Darstellung aber eher von ihm ab.

Menachem und Fred

Auch an anderen Stellen greifen die beiden israelischen Regisseurinnen Ronit Kertsner und Ofra Tevet zu überflüssiger Stimmungsmache. Zwei spekulierende Kommentare dazu, wie sämtliche Anwohner des Lagers in Gurs und die Einwohner Hoffenheims tatenlos zugesehen oder weggeschaut hätten, während sich vor ihren Augen Verbrechen abspielten, bevormunden nicht nur den Zuschauer, sondern simplifizieren und verallgemeinern auch die damaligen Umstände. In Verbindung mit einer melancholischen Musikuntermalung wird man so mehrfach in die Betroffenheitsecke gedrängt. Die Inszenierung ist immer dann am stärksten, wenn sie sich auf die Erzählungen und die häufig unterschiedlichen Ansichten ihrer Protagonisten konzentriert und sie bei ihrer bewegenden Spurensuche in Hoffenheim, Frankreich und Auschwitz begleitet.

Menachem & Fred beleuchtet nicht nur die Wiederannäherung zweier lang entfremdeter Brüder, er porträtiert auch die Begegnung zwischen ihnen und den Nachkommen Emil Hopps. Hopp war als SA-Truppführer einer der Männer, der die Familie Mayer 1938 aus ihrer Wohnung warf und sich an der Zerstörung der Hoffenheimer Synagoge beteiligte. Er war Freds Lehrer im ersten Schuljahr, seine Tochter Karola ging mit Heinz in eine Klasse. Einer seiner zwei Söhne, Dietmar Hopp, ist Mitbegründer der milliardenschweren Softwarefirma SAP und hat mit seinen Geschwistern die deutsche Übersetzung der Mayer-Memoiren finanziell unterstützt, nachdem er als Erwachsener von der Schuld des Vaters erfahren hat – eine Geste, die von Menachems Familie erstmal mit Vorbehalt diskutiert wurde, bevor man sie als Chance zur Versöhnung annahm. Im Film treffen sich die Mayers und die Hopps in Hoffenheim anlässlich der Einweihung einer Gedenktafel für die deportierten Juden der Region.

Menachem und Fred

Kertsners und Tevets Dokumentation thematisiert nicht zuletzt die Schwierigkeiten und die Chancen von Kommunikation. Menachem und Fred können sich nur auf Englisch unterhalten, da Fred seine Muttersprache verdrängt hat und kein Deutsch mehr spricht. Durch das Aufschreiben und publik machen ihrer Vergangenheit ist ein überraschend enger Kontakt zu den Hopps entstanden, der bis heute anhält. In manchen Momenten wünscht man auch dem Film einen stimmigeren Austausch mit dem Zuschauer. Eine schlichtere und leisere Sprache ohne Gefühlsverstärker, die mehr auf die eigenständige Kraft ihrer außerordentlichen Geschichte vertraut hätte.

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Kommentare


Brigitte Scherber

Ich fand den Film sehr emotional. Ob dies der üblichen Machart eines Dokumentarfilms entspricht, weiss ich nicht. Mir hat eine solche Aufarbeitung des schwierigen Themas gut gefallen.






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