Men on the Bridge

Eine Gesellschaft in der Schwebe: Men on the bridge ist vieles zugleich, nichts wirklich und dadurch wunderbar frei.

Men on the Bridge

Die Brückenmetapher wird häufig und gerne herangezogen, wenn von der Türkei und ihrem Sonderstatus in der globalen, politischen wie religiösen, Landschaft die Rede ist. Orient und Okzident, Anatolien und Thrakien, Islam und Demokratie, Tradition und Moderne ... Aus dem Bild der Brücke purzeln die Gegensatzpaare nur so, und nicht wenige haben gerade in Istanbul die konkrete Vergegenständlichung dieses allegorischen Raumes gefunden. Keine andere Stadt der Welt kann von sich behaupten, auf zwei Kontinenten errichtet worden zu sein.

Meist begegnet man zwei grundverschiedenen Ausdeutungen der Brückenmetapher: Die einen betonen die Brücke selbst, die anderen die Pole, zwischen denen sie gespannt ist. Über eine Brücke fährt man für gewöhnlich von hier nach dort, und so erschöpft sich unser Verständnis ihres Wesens im Allgemeinen darin, sie als kürzeste Verbindungslinie zwischen zwei Seiten aufzufassen. Aber die Brücke, an und für sich betrachtet, hängt unablässig zwischendrin. Präziser auf Istanbul bezogen: Auf den Bosporusbrücken ist fast ununterbrochen Stau. Und so hängen die Menschen in ihren Autos und am Straßenrand, auf und zusammen mit der Hängebrücke, wollen wohl auf die eine und auf die andere Seite, sind aber dazu verdammt, zu warten. Kein Crossing the bridge: die in Berlin lebende Istanbulerin Aslı Özge zeigt uns stattdessen Men on the bridge (Köprüdekiler, 2008), die mitten im Leben hängen.

Men on the Bridge

Ihre Schauspieler hat die Regisseurin von der Straße weg gecastet, Authentizität ist Trumpf. Unwichtig, ob Fikret (Fikret Portakal) wie im Film wirklich Blumen auf der Brücke an wartende Autofahrer verkauft, ob Umut (Umut İlker) auch im „echten Leben“ Sammeltaxis durch die Staus manövriert, Murat (Murat Tokgöz) in der Montur des Ordnungshüters Strafzettel verteilt: Men on the bridge funktioniert so gut, weil in den Gesichtszügen der Hauptdarsteller schon ihre ganze Existenz und die gesamte Filmhandlung versammelt scheint. Man kann sie sich in keinen anderen Umständen vorstellen als in denen sie uns hier begegnen.

Men on the Bridge

Men on the bridge beobachtet den Stillstand inmitten der Millionenstadt, oder all die kleinen Handlungen und Erschütterungen, die sich zum Stillstand des Lebens addieren. Der Film ist eine Symphonie des Harrens und Wartens, das Aufspannen einer vielfach geteilten, im Ganzen aber ohne Veränderung sich hinziehende Dauer. Alles hier ist in der Schwebe, die Inszenierung, das Schauspiel, die Ereignisse. Özge zeigt uns Menschen, die haltlos ihrer Existenz ausgeliefert scheinen, unzufrieden mit sich und ihrem Schicksal, aber ohne Kraft (oder Willen) zum Wagnis.

Die Laienschauspieler eröffnen ein Feld in der Schnittmenge zwischen Dokumentation und Fiktion, in dem sich der ganze Film ereignet. Während des Drehs haben Özge und ihr Team scheinbar ganz spontan auf das Tagesgeschehen reagiert: als 2007 bei einem Anschlag auf einen Militärbus 15 Soldaten von der PKK getötet wurden, erbebte die nationalstolze Türkei. Fahnenschwenkende Prozessionen zogen durch das Land und über die sonst streng für Fußgänger gesperrte Bosporusbrücke. Und Özge war mit Kameramann Emre Erkmen mittendrin, zeigt uns Aufnahmen, die man auch mit dem dicksten Hollywoodbudget nicht ohne Computertrickersei hinbekommen hätte. Immer wieder injiziert sie ihrem Film so Wirklichkeit in kontrollierten Dosen, schneidet von Aufnahmen der Militärparaden anlässlich des Nationalfeiertages auf Fikret und seine Kumpels, wie sie am Straßenrand „Wie glücklich, wer sich Türke nennen kann“ grölen. Solche Momente sind im jüngeren türkischen Kino, dass sich im Verhältnis zu Obrigkeit und Politik meist recht vage hält, selten anzutreffen, und sie verleihen Men on the bridge einen Solitärstatus in der Filmlandschaft des Landes. Wer das paranoide Geschachere der türkischen Autoritäten um Drehgenehmigungen einmal kennen lernen durfte, kann abschätzen, wie viel Einsatz solche Bilder erfordern.

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Men on the bridge oszilliert auch im Detail zwischen den Paradigmen der Fiktion und des Dokumentarischen, jede Einstellung deutet in mehrere Richtungen zugleich. Mal sitzt die Kamera bei den Streitereien zwischen Umut und seiner Frau (Cemile İlker, ihr nervöses Stottern ist wie ein Pfeiler, der die Wirklichkeit im Film verankert) wie ein dritter Gesprächspartner mit am Tisch, zielt erst direkt in ihre Gesichter und dann wieder irgendwo knapp daneben. Mal ist die Aufnahme eines Hauseingangs geradezu expressionistisch komponiert, statisch, kontrastreich und schmal, kurz darauf flackern die Leuchtstoffröhren und das Bild wackelt umher. Özge spielt mit Gegensätzen, mit sich abzustoßen scheinenden Inszenierungsentscheidungen. Nie jedoch triumphiert eine Sichtweise über die andere, Özge ist stattdessen interessiert an deren gegenseitiger Abhängigkeit. Und so zeigt sie uns eine Gesellschaft, die sich unablässig selbst blockiert und sich so immer wieder als Baustelle und Raum unerreichbar scheinender Möglichkeiten neu erschafft. Men on the bridge gleicht einem Jonglieren mit verschiedentlich geformten, verschiedenfarbigen, unterschiedlich großen Bällen, die auf wundersame Weise doch unablässig in der Luft kreisen.

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Kommentare


Martin Zopick

Das titelgebende, symbolische Band, das die Akteure miteinander verbindet, ist die Brücke über den Bosporus. Hier bekommen wir anhand von drei gut gewählten Figuren (Rosenverkäufer, Taxifahrer und Polizist) einen interessanten Einblick ins ganz normale Leben in der heutigen Türkei. Wir werden mit allzu menschlichen Schwierigkeiten konfrontiert, wie sie fast überall auf der Welt existieren. Es geht um Jobsuche ohne Ausbildung, Eheprobleme wegen finanzieller und sexueller Meinungsverschiedenheiten und Heiratswünsche via Internet.
Aber auch typisch türkische Phänomene werden beleuchtet: wie etwa der Nationalismus, dem mit Militärparaden und Feuerwerk gefrönt wird. Und es gibt Gespräche darüber, was man im Lande so allgemein von der PKK hält. Auch die weitverbreitete Ansicht, dass die Feinde der Türkei die westlichen Imperialisten sind, die vom zionistischen Kapital finanziert werden, kommt zur Sprache.
Regisseurin Asli Özge kann das gelassen distanziert von ihrem Berliner Domizil aus so sehen. Die Laiendarsteller aus seiner Heimat sollten dem Film wohl Authentizität verleihen, agieren aber etwas hölzern. So wird der dokumentarische Charakter noch stärker unterstrichen. Es entsteht auch kein neues Bild vom kleinasiatischen Staat. Wir sehen, was wir bereits kennen, vielleicht hier global eingefärbt.






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