Memelland

Schweigen als Erinnerungsarbeit. Memelland ist ein weiterer Ausschnitt aus einer langen filmischen Reise Volker Koepps in den Osten Europas.

Memelland

Immer wieder hat der Dokumentarfilmer das ehemals deutsche Ostpreußen bereist. Kalte Heimat (1995), Kurische Nehrung (2001) oder zuletzt Holunderblüte (2007) erzählen von deutscher Geschichte durch Porträts von Menschen und Landschaften in der Gegenwart. In Memelland begegnet er Menschen aus Preußisch-Litauen, einer Grenzregion an den Niederungslandschaften des litauischen Ufers der Memel.

Nur wenige Deutsche sind nach dem Zweiten Weltkrieg in der Region geblieben. Während ein Großteil westwärts flüchten musste oder später ausgewandert ist, haben die Schwestern Edith, Erna und Berta, die zu dritt einen kleinen Hof unterhalten, ihre Heimat nie verlassen. Unter sich reden sie mittlerweile Litauisch, in Richtung der Kamera sprechen sie in gebrochenem Deutsch mit einem ostpreußischen Akzent.

Memelland

Edith und Erna sitzen auf einer Bank in ihrem Garten, schweigend. Die Kamera verharrt, etwas auf Distanz, abwartend, fordernd. Dann ertönt die Stimme des Filmemachers, ruhig, fast träge: „Bleibt das Wetter trocken jetzt?“ Edith blickt in den Himmel. „Morgen muss schon Regen kommen.“

Sie erzählen nicht viel. Fragmente, Andeutungen von Geschichten. Die Menschen in den Filmen Koepps sind keine „Talking Heads“, Zeitzeugen, deren einzige Rolle – wie in vielen TV-Dokus üblich – in der Vermittlung von Informationen besteht. Statt mit einem fertigen Konzept ins Gespräch zu gehen, stellt Koepp meist schon kurz nach dem ersten Treffen die Kamera auf, um den Menschen quasi vor den Augen des Zuschauers kennenzulernen.

Memelland

Die Menschen schweifen ab. Ihre Erzählungen mäandern, verlieren sich. Sie halten inne. Sie beobachten die Landschaft um sich herum, überlegen. Sie blicken in den Himmel, dann in das Auge der Kamera – ein direkter, mal fragender, irritierter, mal offener, fast vertrauter Blick. Sie beginnen von Neuem zu erzählen.

Es werden Spuren gelegt. Dem Zuschauer bleibt offen, welcher dieser Spuren er folgt, bei welcher Geschichte er innehält, welche er für sich weiter erzählt. Ein Vogelkundler, der bereits sein ganzes Leben den Himmel über dem Memelland beobachtet und Vögel beringt. Ein zugereistes, junges litauisches Paar, das in der Region aus hundert Jahre alten Ziegelsteinen ostpreußischer Häuser ein Hotel gebaut hat. Eine BWL-Studentin, die ein Tourismusgeschäft aufziehen möchte. Eine Geschichtslehrerin, deren Mutter nach Sibirien deportiert wurde. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Sprachen und Dialekte – Litauisch, Deutsch mit ostpreußischem oder russischem Akzent – erzählt von den Widersprüchen einer durch Teilungen und Kriege immer wieder neu strukturierten Region.

Memelland

Die Eigenheit von Koepps dokumentarischem Blick liegt nicht nur darin, dass er dem Nichtgesagten, den Passagen des Schweigens Raum gibt, sondern sich auch der Natur mit der gleichen Offenheit nähert. In fast jedem seiner Filme gibt es so einen Moment: Eine Person läuft durch das Bild, die Kamera schwenkt langsam mit, dann erscheint eine Kuh, ein Pferd, eine Katze. Die Kamera löst sich von der Person, folgt dem Tier in einer langen Einstellung. Dann entsteht ein poetischer, komischer Augenblick. Das Tier dreht sich um und blickt lange in die Kamera, ähnlich wie die Menschen zuvor.

Während der Kamerablick über die in silbergraues Licht getauchten Seen, Flüsse und Wälder Klein-Litauens wandert, sie förmlich abtastet, sind es die Geräuschlandschaften, die den eigentlichen Raum des Films bilden. Je nach Material – Weidenblätter, Schilf – klingt der Wind anders. Nur selten wird dieser Raum von einem Off-Kommentar gerahmt. Koepp selbst spricht nur kurz, mit einem historischen Abriss über die Geschichte der Region, eine spröde, unausgebildete Stimme, die ganz anders als die körperlosen und anonymen Schauspielerstimmen, die gewöhnlich Dokumentarfilm-Bilderwelten überlagern, von einem persönlichen Blickwinkel erzählt. Die Stimme Koepps bildet einen nüchternen Kontrapunkt zu den gemäldehaften Naturimpressionen, die in ihrer Schönheit fast stilisiert wirken, melancholisch eingefärbt durch die Musikuntermalung des Memellandes.

Memelland

Gegenüber Koepps letzten Filmen wirken die Menschen aus Memelland verschlossener, erzählen nicht so offen und frei. Vielleicht äußert sich gerade in dieser Verschlossenheit das Prozesshafte von Koepps groß angelegtem Projekt einer filmischen Begehung fast vergessener Regionen an den Randbereichen Europas. Das Konzept, Landschaften, Tiere und Menschen sprechen und schweigen zu lassen, ist ein nicht endender Prozess der Erinnerungsarbeit.

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