Melinda und Melinda

Zwei Geschichten in einem Film: Woody Allen beweist mit seinem intelligenten Spiel um Tragödie und Komödie einmal mehr, dass er zu Recht zu den Großen seines Fachs gezählt wird.

Melinda und Melinda

Langsam bewegt sich die elegante Kamera Vilmos Zsigmonds durch den New Yorker Regen. Eine Kranfahrt, die uns mit hinein nimmt in ein Restaurant und ganz gezielt auf einen bestimmten Tisch zusteuert: Hier sitzen zwei Frauen, ihren Männern zuhörend, die über das Wesen von Komödie und Tragödie reden. Der eine – das ist vorhersehbar – schreibt „Comedy“ für das Fernsehen, der andere ist ein kaum noch aufgeführter Tragödien-Autor. Ihre Diskussion droht zu entgleisen und so wählen sie sich eine Beispielgeschichte – eine junge Frau, beladen mit zwei schweren Koffern, steht im New Yorker Regen (wo sonst?) vor einer Tür und ist sich nicht sicher, was sie machen soll. Das ist der Ausgangspunkt.

Nun spinnen sie diese Geschichte fort – der eine mit komischen, der andere mit tragischen Akzenten und der Film zeigt uns, immer ineinander verschränkt, beide Versionen. Als Filmzuschauer stehen wir hier also mehr als jemals zuvor im Atelier des Drehbuchautors und Regisseurs Woody Allen, der ganz deutlich macht: Beide Geschichten sind erfunden! Empathie wäre fehl am Platz! Es ist nur eine Filmwelt! Seit jeher gehört Allen zu den selbstreferenziellsten Regisseuren Amerikas, d.h. er betont mit und in seinen Filmen, dass es sich um etwas Gemachtes handelt; aalglattes Hollywoodkino ist ihm fremd. Schon in seinem Stadtneurotiker (Annie Hall, 1977) gibt es diese herrliche Sequenz, in der sich Alvy (Woody Allen) und Annie (Diane Keaton) über Möglichkeiten der Kunst unterhalten und die gleichzeitige Untertitelung beider wahre Interessen enthüllt, denn während sie sich wirklich für das Thema interessiert, denkt er nur daran, sie ins Bett zu kriegen. In fast jedem Allen-Film gibt es zudem die Situation, dass die Hauptfigur für einen Moment aus der Filmwelt heraustritt, mit einem Blick den Zuschauer ganz direkt adressiert und z.B. fragt: „Und, was halten Sie davon?!“

Melinda und Melinda

Diesen Stilelementen ist Allen immer treu geblieben und sie finden sich jetzt auch in Melinda und Melinda wieder. Schon dass die beiden Geschichten so dezidiert als „Kopfgeburten“ vorgestellt werden spricht dafür. Natürlich gibt es in ihnen auch eine Handlung im herkömmlichen Sinne. Melinda hat in beiden Versionen ihren Mann und die gemeinsamen Kinder verlassen und wagt in New York einen Neuanfang. Es ist vorhersehbar, wie dieses Unternehmen in der jeweiligen Geschichte enden wird – schon dem Gesetz der entsprechenden Gattung zufolge. Allen reichert beide Geschichten natürlich noch mit passenden Zutaten an: Während es in der komischen Version mit dem liebenswürdig-tollpatschigen arbeitslosen Schauspieler Hobie (Will Ferrell) eine typische, ständig redende Allen-Figur gibt, wird in der anderen Version ein kompletter Satz aus Béla Bartóks Streichquartett Nr. 4 gespielt. Aber immer dann, wenn wir fast ganz in eine der Geschichten eingetaucht sind, und etwa mit der „tragischen Melinda“ leiden – kommt ein Schnitt und wir sehen wieder die beiden Herren mit ihren Frauen im New Yorker Restaurant, die sich diese Geschichte ja nur ausgedacht haben. Der Film hat dadurch durchaus etwas Theoretisches, Diskursives; dass er dennoch funktioniert – und vor allem nie langweilig wird – verdankt sich zuallererst dem Humor des „Allen-Kosmos“ und der Ironie seiner Erzählung.

Melinda und Melinda

Es gab einmal eine Zeit, da war ein „Woody-Allen-Film“ ein Markenzeichen. Wann immer einer anlief, sprach alle Welt von ihm und die Kinos (nicht nur in Deutschland) waren mitunter mehrere Wochen voll. Heute ist das anders. Man sieht dies schon daran, dass sich kaum noch ein deutscher Verleih für Allens Filme interessiert und die deutschen Aufführungen Monate hinter den Uraufführungen hinterherhinken – Hollywood Ending von 2002 wartet noch immer auf eine deutsche Aufführung! Sicher liegt diese Entwicklung auch an einer Anzahl schwächerer Filme Allens, vor allem in den späten Neunzigern (Celebrity, 1998; Schmalspurganoven, Small Time Crooks, 2000), aber spätestens mit Anything Else (2003) wurde deutlich, dass der Regisseur ohnehin immer weniger Wert auf eine originelle Story legt und statt dessen die Erzählkonstruktion selbst thematisiert. Mit ihr experimentiert er jetzt erneut in Melinda und Melinda und dennoch wiederholt sich Allen nicht, vielmehr differenziert er auf überraschende und gelungene Weise seinen Erzähl-Kosmos noch weiter aus.

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