Melancholia

Die private Apokalypse: Wenn das Verschwinden von Gesellschaft und Welt herbeigesehnt wird.

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Der nackte Frauenkörper als Opfergabe: Ausgestreckt auf einem Felsen liegt Justine (Kirsten Dunst) des Nachts, hell erstrahlt im Licht des Sterns Melancholia. Die Apokalypse naht. Der Planet, den üblicherweise die Sonne verdeckt, rast auf die Erde zu. Justine, oder wer auch immer ihren Körper beherrscht, streicht sich über den Busen. Es ist eine sanfte Geste, Zeichen plötzlicher Ausgeglichenheit der manisch-depressiven Frau im Angesicht des eigenen Ablebens. Die Planetenfusion als ultimative Crash-Fantasie des Melancholikers. Dazu Wagner: die Schönheit in der Trauer, die Romantik der Verzweiflung, das ist die offenkundige Ebene im Vorspiel von „Tristan und Isolde“. Lars von Triers Melancholia geben Wagners Stück und dessen Metaphorik eine versöhnliche Note.

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Zwei Schwestern sind es, die im kosmischen Schaulaufen, in der Kollisionserwartung und -furcht ihre seelischen Strapazen zu verarbeiten scheinen. Und natürlich stimmt es andersherum nicht weniger: So erscheint der Weltuntergang intim verbunden mit Seelenheil und psychosozialen Parametern der Protagonistinnen. Bei von Trier kann man sich leicht dazu verleiten lassen, in Kategorien von Schuld und Sühne über das Schicksal von Frauen nachzudenken. Vielleicht verursachen sie aber gar nicht den „Tanz des Todes“ von Melancholia und Erde und werden auch nicht kosmisch bestraft. Lars von Trier war noch nie ein subtiler Filmemacher, jedenfalls keiner, der die Bedeutungsebenen, die Metaphern, Zeichen und Verweise versteckt. Es ist schon eher der Reichtum an Material und an Fährten, die der Regisseur offensiv zu vermitteln sucht, die immer wieder aufs Glatteis führen und auf dem gleichen Weg zur Erkenntnis, zumindest zu einer über die eigene Seherfahrung. Ein Brecht’sches Prinzip, auch abseits seines expliziten Theater-Meta-Films Dogville (2003). 

Ungleich ist sein Werk vor allem im Maß der Abstraktion und der Stoßrichtung seiner geistigen Eskapaden. Melancholia ist von Mystizismus durchtränkt. Doch der Film zerfällt in zwei Teile, und nach dem Vorspann steht zunächst eine großangelegte Hochzeitsfeier im Zentrum. Lars von Trier führt uns dabei zurück zum ersten großen Dogma-Hit Das Fest (Festen, 1998). Betont amateurhaft, mit ständigen Zooms und Schärfenverlagerungen einer stark wackelnden Handkamera ruft der Film einen Stil in Erinnerung, der bis heute mit den angeblich um Authentizität bemühten dänischen Regisseuren verbunden wird.

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Die an Home-Videos gemahnenden, gelbstichigen Aufnahmen des Hochzeitschaos werden flankiert vom absurden Humor einer Feier, deren Protagonisten alles andere als in Feierlaune sind. Justine ist ganz in ihrem Element, das heißt in den Symptomen einer Manisch-Depressiven. Unter ihrer schnell schwankenden Laune leiden alle Beteiligten, außer vielleicht der Mutter (Charlotte Rampling), die von der Ehe nichts hält: „Enjoy it while it lasts“, ist das Credo ihrer Rede. Und der Hochzeitsplaner, in einem Kabinettstück verkörpert von Udo Kier, entscheidet aus lauter Ärger über die Braut, sie nicht mehr anzusehen. Mehr als einmal läuft er mit vorgehaltener Hand an Justine und der Kamera vorbei. Archetypische Beziehungsmuster werden durchdekliniert und bieten die Folie, vor der sich der zweite, abgehobene Teil von Melancholia entwickelt. 

Justine und ihre Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) wechseln die Positionen, in den Fokus rückt Letztere, die während der Hochzeitsfeier noch für den letzten Rest Ordnung sorgte und sich nun mit wachsender Nähe des geheimnisvollen Planeten immer verängstigter zeigt. In zunehmender Abstraktion, die letzten Nebenfiguren verschwinden nach und nach, stehen sich die beiden Schwestern als Antithesen gegenüber. Das Ende der Erde, wie wir sie kennen, ist nur mit dem richtigen Verständnis der Welt herbeizusehnen … Lediglich in vereinzelten Bildern – wie den extremen Zeitlupen von Ungleichzeitigkeit, die den Film eröffnen – schließt von Trier an die Komplexität seiner besten Filme an. 

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Der filmhistorisch und filmografisch interessanteste Aspekt ist vielleicht die hier irreversibel erscheinende Umdeutung, der die Handkamerabilder der Hochzeitsepisode unterzogen werden. Denn von Trier gesteht mit ihrem Einsatz in einer albtraumhaften Versuchsanordnung implizit ein, dass diese Bilder der angeblich realistischen Vorzeichen nicht mehr dazu taugen, der Lage der Welt habhaft zu werden. Wenn sie etwas können, dann ist es eine Vergangenheit und Rohheit zu evozieren, die maßgeblich durchs Kino geschaffen wurde. In die Erinnerung gräbt sich indes ungleich stärker der zweite Teil ein, der in elegischen Tableaus den Untergang zelebriert. Wie ein langsam den Raum von Melancholia übernehmendes Gift schleicht sich die Manie von Justine in den Mikrokosmos der sie umgebenden Welt ein. Ein willkommenes Gift der privaten Apokalypse – wie weit es reicht, ist die Frage, mit der der Film einen entlässt.

Trailer zu „Melancholia“


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Kommentare


Cineata

Grandios!
Heute bereits im Rahmen NRW_Filmstiftung gesehen.
Für mich der beste Lars von Trier Film.
Kirsten Dunst genial.
Unbedingt anschauen!!!


Sneak

Gestern in der Sneak gesehen.
Unbedingt ausgeschlafen ansehen!
Ein langsamer, aber sehr guter Film!


Dr. Andreas+Jacke

Lars von Trier lässt die Welt wirklich untergehen
(Kurzrezension von Dr. Andreas Jacke)
„No Apocalypse, not now“ hieß ein Vortrag, den Jacques Derrida 1985 in den USA gehalten hat. Dort wurde noch über den Gedanken einer nuklearen Vernichtung spekuliert. Nunmehr, wo nicht mehr die nukleare Katastrophe, sondern die ökö-Logische Katastrophe droht, kann man alle Überlegungen zum Kalten Krieg erst mal vergessen. Es ist nicht der politische Kampf des einen Staates gegen den anderen, es ist die Natur, die uns alle verschlingen wird. Mit anderen Worten: es ist nicht das ödipale Duell es ist eine paranoide Struktur, die das Ausgestoßene in sich zurücknehmen könnte, die uns unterdessen bei Weitem gefährlicher erscheint.
Bei Lars von Trier findet der Weltuntergang, den Tristan und Isolde in Wagners Oper psychisch erleben, deshalb nun in der Form statt, dass ein großer Mutterplanet mit Namen Melancholia die Erde tatsächlich verschluckt. Und diese Konstellation ist nicht nur physisch, sondern zugleich auch psychisch spürbar. Claire und ihre Schwester Justin leiden unter einer schwierigen Mutter, die es ihren Töchtern nicht gerade einfach gemacht hat, den Weg ins Leben zu finden. Der Planet Melancholia ist das überdimensionale Symbol dieser Mutter am traurigen Horizont des Melancholikers.
Der Film ist fatalistisch und in Bezug auf das, was eine Depression auslöst dennoch geradezu vorbildlich. Die Mischung aus planetarischen Konstellationen und Gefühlswelten in Bezug auf die Trauer faszinierte bereits Walter Benjamin in seinem Trauerspielbuch. Er fand heraus, dass das Mittelalter die Trägheit des Herzens im Zeichen des Planeten Saturn gesehen hatte. Es ist der narzisstische Größenwahn des Ichs, der die Melancholie mit dem Weltraum verbindet. Die Anleihen an Stanley Kubricks Film 2001: A Space Odyssey sind in Triers neuem Meisterwerk ebenso schwer zu übersehen. Auch wenn Kubrick das All nicht so negativ gesehen hat.
Dem Regisseur gelingt dann vor allem in zweiten Teil eine Art Kammerspiel, in dem der Weltuntergang psychisch wie physisch weit glaubwürdiger dargestellt wird, als in allen Filmen von Roland Emmerich zusammen. Es bedarf nicht der großen Actionketten, der gigantischen Eindrücke vom Zerbersten der Erde, es reichen das Schicksal von vier Menschen zu zeigen. Es reicht, ihre unterschiedlichen Positionen zu zeigen. Es gibt die ängstliche Claire, die vor Panik nicht mehr weiß wohin. Es gibt ihre Schwester Justin, die dem Szenario gelassen ja sogar hoffnungsvoll entgegen sehen kann. Es bestätigt nur dass, was sie ohnehin wie ihre Mutter fühlt: Die Welt ist schlecht, warum soll sie also nicht untergehen? Und es gibt den Mann von Claire, der nicht daran glauben kann, dass die Katastrophe wirklich stattfinden wird. Er hält fest an einem guten Objekt. Seine Haltung ist die, mit der wir jeden Tag an die Arbeit gehen. Und es gibt das Kind, das den Tod noch nicht so richtig verstanden hat. Melancholia ist der eindrucksvollste Film, den ich bisher über den Weltuntergang gesehen habe. Wagners Ouvertüre von Tristan und Isolde verbindet eine große romantische Untergangsfantasie aus Liebe so eng mit diesem Szenario, dass darin das Schlimmste was uns passieren kann, etwas Schönes bekommt. Vielleicht ist genau das, das wirklich Entsetzliche an diesem Film.


Lutz Granert

Ich weiß nicht, ob ich Lars von Trier nach seinen anstrengenden Dogma-Filmen und seinem noch anstrengenderen Metaphorik-trifft-auf-Ästhetiszismus-Brocken "Antichrist" lieben oder hassen soll. Aber ich weiß, dass ich "Melancholia" genau deswegen - weil er mit dem Mainstream im Arthouse-Kino bricht - sehen will.


Frédéric Jaeger

"Anstrengend" scheint mir kein geeignetes Wort um von Trier zu beschreiben und schon gar nicht, um seine Filme zu bewerten.


Stefan

Ich finde, die Kurzrezension von Dr. Jacke argumentiert zwischen Extrempolen (Emmerich, Kubrick, Trier) und verliert dadurch an Überzeugungskraft - auch wenn ich die Begeisterung für von Triers neuem Werk uneingeschränkt teile. MELANCHOLIA - der Titel passt perfekt zur Stimmung des Films.
Die (sicherlich bewusste) Wiederholung desselben Themas von Tristan und Isolde fand ich ein wenig monoton, die Hervorhebung der Bässe dagegen beispielhaft und äußerst effektiv!

Dennoch habe ich etwas den 'Biss' vermisst, der z.B. FESTEN oder DOGVILLE ausgemacht hat; versteht mich nicht falsch, MELANCHOLIA hat mich durchaus in seinen Bann gezogen. Ich freue mich aber auch wieder auf von Triers nächsten Film, der nach eigener Aussage wieder substanzieller und direkter sein wird.

Übrigens: in der SZ vom gestrigen Donnerstag war ein überaus bemerkenswertes Interview zu lesen über den Menschen und Künstler von Trier. Ich finde dabei weiß Gott nicht alles gut, was der Mann sagt... ein brillanter Filmemacher ist er aber ohne jeden Zweifel!


Herr K

m Groben und Ganzen sehr guter Film. Er hat zwar so seine Längen, aber da muss man halt mal durchhalten. Duchhaltefilme sind sowie so das beste, da kommen vielleicht mal andere Filmfassetten zum Vorschein, die den Einen oder Anderen Standartfilmliebhaber stören könnten. Die sehen Kirsten Dunst aber wenigstens mal nackt und am Ende gibst auch aktionmässiges Feuer. Jedenfalls spürt man teilweise eindrucksvoll die Unsicherheit und Bedrückung Einiger sowie die Coolness und Selbstsicherheit Anderer. Das sich im Zweiten Teil bei den Protagonisten völlig umkehrt (Kinder sind davon natürlich ausgeschlossen). Die ganze bröckelnde Fassade des menschlichen Daseins wird eindrucksvoll durch das Hochzeitsfest offenbart. Wer sollte nun in die Klapsmülle, wohl doch alle „Normalen“! Und was bleibt – wie würden Sie sich verhalten im Angesicht des jüngsten Gerichts? Gott zum Gruße all euch elitären Cineasten


Lotte

Der Film beginnt mit einem riesigen und verheißungsvollen Sound-und Bildspektakel. Man hat den Eindruck nun an einem großartigen Film teilzuhaben. Doch die Ernüchterung kommt schnell sobald der erste Teil des Films beginnt. Dieser zieht sich und wird zur Geduldsprobe. Im zweiten Teil des Films beginnt sich nun der erwartete (erhoffte) Spannungsbogen zu spannen und mündet schließlich in wieder beeindruckenden Sound-und Bildspektakel. Resümee: der Anfang und das Ende sind großartig und rechtfertigen den Kinobesuch; der Mittelteil =naja .


Asura

Ich finde den Film gelungen. Es fällt oder dürfte jedem auffallen, was von Trier erschaffen wollte, als er am Anfang, die zwei Planeten ineinander krachen lässt. Mir und vielen anderen geht es dabei nicht um's Ende der Welt, sondern um's Ende unserer Persönlichkeit, das verlieren des eigenens Ich. Es wird gut dargestellt, wie die Krankheit Herrschaft ergreift und nicht mehr davon ablässt. Zu sehen ist das am Schluss mit für mich aber nicht ganz so perfekter musikalischer Untermalung. Denn in Wirklichkeit müsste die Musik vielmehr dramatischer sein, um auch das auszudrücken was Betroffene fühlen. Aber Nobody is perfect. Deswegen gibt es dem ganzen einen nicht ganz perfekten Abgang. Man hätte besser zum Finale etwas wirklich Desaströses abspielen sollen, denn das Ende ist alles andere als schön, ich spreche vom Ableben.
Aber wie gesagt, Nobody is perfect. Trier hatte wohl selbst schwer zu kämpfen, aber dieser Kampf wird wie ein Kampf ohne kämpfen dargestellt. Es ist dann fast auch schon wieder zu kitschig!






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