Meine schöne Bescherung

Der Film zur Familiendebatte: Pünktlich zur Weihnachtszeit kommt Vanessa Jopps (Vergiss Amerika, 1999) Komödie über Kinder, Küche und künstliche Befruchtung ins Kino.

Meine schöne Bescherung

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1,33 Kinder pro Frau? Für die gebärfreudige Sara ist der deutsche Durchschnitt nicht genug. Einer ihrer Ex-Männer sagt über sie: „Sara muss nur an Sex denken und schon ist sie schwanger.“ Frei nach dem mittlerweile Partei übergreifenden Motto „Familie ist, wo Kinder sind“ sammelt sie nicht nur Nachwuchs, sondern auch Männer. Ihre drei Töchter stammen von drei verschiedenen Lebensabschnittsgefährten. Jan (Heino Ferch) ist ihr vierter Mann, und da er ein Kind aus erster Ehe mitbringt, handelt es sich um einen recht lebhaften Haushalt.

Noch nicht lebhaft genug für Sara, die Jan freudig eine neue Schwangerschaft verkündet, endlich ein gemeinsames Kind der Liebe. Jan aber weiß, es kann nicht von ihm sein. Große Krise, und das zu Weihnachten. Ein Weihnachten übrigens, zu dem Sara, die Matriarchin, außerdem sämtliche Verflossene sowie deren neue Frauen eingeladen hat. Von Wahlverwandtschaften kann aber keine Rede sein, eher von unfreiwilliger Patchworkfamilie, denn Jan kann seine Vorgänger nicht besonders leiden.

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Vanessa Jopp hat sich nach Komm näher (2005), der von Einsamkeit und auch schon von zusammengewürfelten Gemeinschaften erzählte, aber vorwiegend im Arbeitermilieu spielte, in ihrer neuen Komödie dem Bürgertum genähert. Jan und Sara wohnen in einem großen Haus, er ist Psychologe, die Gäste am Heiligen Abend sind allesamt gut situierte Männer und Frauen jenseits der 40, Akademiker wohl. Und die Kinder, die da um den Weihnachtsbaum herumspringen, sind verwöhnte kleine Monster. Vielleicht sind ihre zarten Kinderseelen auch deformiert durch die zwar materiell bequeme, emotional aber wenig heile Familienwelt, in die sie hinein geboren wurden. Jopp hat jedenfalls keine Hemmungen, die Kleinen als schienbeintretende Idyllzerstörer zu zeigen, was zusammen mit den Gemeinheiten, die die Erwachsenen sich sprachlich gegenseitig an den Kopf werfen, für eine überaus willkommene Abkehr von allzu lauterem vorweihnachtlichem Harmoniestreben sorgt.

Mitten in die deutsche Debatte über Familie, Bürgerlichkeit und sinkende Geburtenraten platzt dieser Film, der wohl am Ende vielleicht etwas zu versöhnlich die Harmonie sucht und auch findet, aber immerhin eher nach Art der Ursula von der Leyen, und nicht nach den Vorstellungen der CSU. Familie ist zwar auch in Meine schöne Bescherung ein hohes Gut, wird aber großzügiger definiert. Das Weihnachtsfest, gemeinhin Zeitpunkt größtmöglicher Gemeinsamkeit und des Rückzugs in die Keimzelle der Blutsverswandtschaft, öffnet sich dem Patchwork-Konzept, und der Film zelebriert mit großem Vergnügen die dabei auftretenden Konflikte.

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Heino Ferch macht seine Sache als Jan sehr gut, der einen ganzen Abend lang den hinterhältigen Spitzen seiner Vorgänger ausgesetzt ist. Ähnlich wie kürzlich Ulrich Noethen in der Walser-Verfilmung Ein fliehendes Pferd (2007) muss er die Rolle des Prügelknaben übernehmen, selbst eine vor Testosteron triefende Begegnung unter Männern in der Sauna bleibt ihm nicht erspart. Martina Gedecks Muttertier macht aus ihrem dem Kinderkriegen zugewandten Gefühlshaushalt fast schon eine Ideologie. Aber Sara, diese Traumfrau der Bevölkerungsstatistiker, würde wohl das christlich-soziale Betreuungsgeld, auch „Herdprämie“ genannt, entrüstet zurückweisen. Das restliche Ensemble – darunter Meret Becker und Jasmin Tabatabai – deckt sozial und psychologisch das gesellschaftliche Spektrum weit gehend ab, und auch eine zur Weihnachtsparty mitgebrachte Nachbarin (Alexandra Neldel), jung, hübsch und allein stehend - oder, wie man in diesen Kreisen sagt: single - ist dabei.

Insgesamt 14 Darsteller bilden das Ensemble dieses Kammerspiels. Die größte Leistung Jopps dürfte es gewesen sein, diese Figurenfülle unter Kontrolle zu behalten, ohne die Struktur des Films zu überfrachten, und die Schauspieler zu einer Gemeinschaft zu formen. Das ist schwierig, vor allem, weil alle Personen am gleichen Ort, hauptsächlich dem Wohnzimmer von Sara und Jan, agieren. Meine schöne Bescherung würde auch als Theaterstück funktionieren. Schon in Komm näher zeigte die Regisseurin eine Vorliebe für Multi-Personen-Plots, dort aber noch über eine ganze Stadt verteilt und unabhängig voneinander. Hier aber ziehen sämtliche Figuren mit vereinten Kräften an demselben Handlungsstrang, was jedem einzelnen weniger Raum zur Entfaltung gibt. Dass man in diesem bunten Reigen den Überblick behält und sich zudem gut unterhalten fühlt, dafür haben alle Beteiligten eine Herdprämie verdient.

Filmkritik von Thorsten Funke

Veröffentlicht am 07.12.2007

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Film-Angaben

Titel: Meine schöne Bescherung

Deutschland 2007

Laufzeit: 92 Minuten

 

Regie: Vanessa Jopp

Drehbuch: Monica Rolfner, Richard Reitinger

Produktion: Manuela Stehr

Darsteller: Martina Gedeck, Heino Ferch, Jasmin Tabatabai, Meret Becker, Rainer Sellien, Roeland Wiesnekker, Andreas Windhuis, Matthias Matschke, Ursula Doll, Alexandra Neldel, Petra Kelling, Bjarne Ingmar Mädel, Rosa Enskat

 

Kinostart: 22.11.2007

 

DVD-Angaben

Titel: Meine schöne Bescherung

Vertrieb: Warner Home Video

Bild: 1,85:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Spieldauer: 89 Minuten

 

Extras: keine

 

Verleih ab: 07.11.2008

Verkauf ab: 07.11.2008

 

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Copyright Meine schöne Bescherung

Fotos: © X Verleih

 

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