Mein Leben Teil 2

Asynchron: Erinnerung ist eine Audiokassette. Angelika Levi redet mit Geistern und mit ihrer Mutter.

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Eine Kindheitserinnerung. Bundesrepublik Deutschland, Weihnachtsabend 1976. Mutter Ursula hat für ihre Kinder Angelika und Thomas einen Umschlag unter den Christbaum gelegt. Darin befinden sich Dokumente und der Zugang zu einem Schweizer Konto, für den Fall, dass die Geschwister aus Deutschland fliehen müssen. Ein Geschenk der Paranoia? Ursula Becker Levi ist „Halbjüdin“, in Hamburg geborene Tochter eines jüdischen Vaters, die mit ihrer nichtjüdischen Mutter die NS-Zeit in Deutschland durchlebte. Diese Mutter wiederum, Karla Levi, mittlerweile im hohen Alter, beginnt nach der deutschen Wiedervereinigung, Stimmen zu hören. Es ist die Zeit neuer nationaler Rhetorik und gut sichtbar auftretender Neonazis. Neue und alte Nazidrohungen setzen sich in Karla Levis Kopf fest und verhöhnen sie: „Arme ab, Beine ab und rein in den Teich!“ Die Stimmen werden erst friedlicher, nachdem sie ihren Nachnamen ändert: zu Heins. Das klingt in Deutschland ungefährlich. Ihre Enkeltochter Angelika Becker geht den umgekehrten Schritt. In der vereinigten Heimat nimmt sie den Namen Levi an, um ihre Differenz auszudrücken. Mit Mein Leben Teil 2 (2003) untersucht Angelika Levi ihre Familiengeschichte, in der Name, Herkunft und Deutschlands Nazigeister so wichtige Rollen spielen.

Konservierte Stimmen

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Film ist für die biografische Familienforschung besonders gut geeignet, weil er alle übrigen Medien in sich aufnehmen kann. In Mein Leben Teil 2 sind die Stimmen dreier Frauengenerationen zu hören, die beiden ältesten sprechen in einem unterschiedlich breiten Hamburgisch. Seinen Titel übernimmt der Dokumentarfilm von einer Audiokassette aus den 1970er Jahren, die Angelika Levis Mutter Ursula  mit ihren Erinnerungen besprochen hat. Alte Aufnahmen auf Schmalfilm und in unterschiedlichen Videoformaten sind ebenso integriert wie Familienfotos, Tagebücher, Zeichnungen, Notizen, gepresste Pflanzenstiele. Ursula Levi hat als Biologin nicht nur die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen unter Extrembedingungen erforscht, sondern auch das eigene Leben und dessen extreme Erfahrungen schriftlich dokumentiert. Obwohl die Mutter vor Beginn der Dreharbeiten starb, fand ihre Tochter unendlich viel Materialien vor, aus denen sie in siebenjähriger Arbeit einen Film collagierte, der in viele Richtungen offen ist, ein von Angelika Levis Gedankenstrom begleiteter Essay, der alle Artefakte, alle Spuren, Erzählungen, alle guten und bösen Geister für sich sprechen lässt.

Jüdisch in Deutschland

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Ein besonderes Spannungsfeld entsteht immer dort, wo das „Jüdische“ auf das „Deutsche“ trifft, wo einerseits Traumata hochkommen, andererseits Ressentiments fortbestehen und Identitäten miteinander verschlungen sind. Angelika Levis Eltern agieren mit ihrer Familienkonstellation eine Art interreligiöse Versöhnung im Kleinen aus. Die Mutter kehrt nach dem Studium in Chile ins Deutschland der 1950er Jahre zurück und heiratet einen evangelischen Geistlichen – von der jüdischen Wissenschaftlerin zur Pfarrersfrau. Ein Misstrauen gegenüber den deutschen Menschen bleibt ihr, das sich nach einer schweren Krebserkrankung mit anschließender Einweisung in die Psychiatrie auf die eigene Familie ausdehnt. Sind nicht alle Nazis? Und sie nur die verhasste Judensau? Die Filme machende Tochter wiederum sucht nach ihrer eigenen Rolle. Ist sie die Antwort ihrer Eltern auf den Holocaust? Eine gelungene Antwort? Würde ihr mehr Jüdischsein helfen? Und was ist mit Deutschland?

L’Chaim

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Neben das Private, Familiäre stellt Mein Leben Teil 2 gezielt einige Aufnahmen deutscher Alltagsgeister. Im Fernsehen läuft neben Dalli Dalli der Walser’sche Schlussstrich und Vergangenheits-Hauruck mit Guido Knopp. Auf dem Rummel dürfen die Besucher auf lustige Puppen mit schwarzem Gesicht oder Hakennase zielen. Wer dreimal trifft, gewinnt. Seine große Stärke bezieht der Film aus seiner Multiperspektivität und seinem klugen, intimen Nachdenken über die vererbten Bilder, Töne und Ängste, die alle umarmt und in die persönliche Erzählung aufgenommen werden. Angelika Levis Blick bleibt zärtlich – im Verstehenwollen, im Hin- und Herschieben der biografischen Fundstücke und besonders ihrer Mutter gegenüber. Der Rabbi sagt, eine jüdische Antwort auf das Unglück sei immer: Chaim. Leben. Wie komplex, traurig und erstaunlich die Beschäftigung mit den großen Fragen sein kann, zeigt Mein Leben Teil 2.

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