Mein langsames Leben
Angela Schanelecs dritter Spielfilm verfolgt eine Handvoll Figuren im bürgerlichen Berlin während des Verlaufs eines Sommers. Mein langsames Leben ist einer der herausragenden deutschen Filme dieses Jahrzehnts.
„Im Sommer ist es schön hier“, sagt Sophie (Nina Weniger). Doch ausgerechnet den Sommer wird sie nicht in Berlin verbringen, sondern in Rom. Der Film bleibt – meistens – in Berlin, bei ihrer Gesprächspartnerin Valerie (Ursina Lardi), einer jungen Frau mit kurzem, brünettem Haar. Aber ob der Berliner Sommer tatsächlich schön ist, das weiß man am Ende von Mein langsames Leben genauso wenig wie am Anfang.
Angela Schanelecs Filme sind so etwas wie das heimliche Zentrum des neuen deutschen Autorenkinos. Seit ihrem Langfilmdebüt Das Glück meiner Schwester aus dem Jahr 1995 entfaltet sich das Werk der gelernten Theaterschauspielerin mit einer hierzulande beispiellosen ästhetischen Konsequenz. Ihr Kino positioniert keine psychologisch ausgearbeiteten Charaktere als Identifikationsfiguren, sondern beobachtet Menschen in alltäglichen Situationen, die sich keiner dramaturgischen Struktur im klassischen Sinne unterordnen, wohl aber einer filmischen.
Die Hauptfiguren in Mein langsames Leben sind Anfang zwanzig bis Mitte dreißig, sie sind verheiratet oder denken ans Heiraten, sie bekommen Kinder oder reden übers Kinderkriegen, manchmal wollen sie Sex und manchmal betrügen sie sich gegenseitig. Im Zentrum steht Valerie, doch eigentlich ist sie eine Figur vom Rand. Sie hat anders als ihr neuer Freund Thomas kein Kind, sie ist nicht verheiratet wie dessen Schwester Marie, und sie hat als freie Schriftstellerin keine solide berufliche Laufbahn vor sich wie ihr Bruder Ben, der Boote baut. In einer Gruppe ist sie meist die, die von außen kommt und nie ganz dazugehört. Ganz bei sich ist sie nur in der Einsamkeit, in Schanelecs langen, starren Einstellungen, an ihrem Schreibtisch, vor dem Fenster ihrer Wohnung.
Unaufdringlich organisiert Schanelec ihr Material entlang diverser Motive. Die Cafészene aus der Eingangssequenz wird am Ende wieder aufgegriffen, die Italienreise ebenso. Mein langsames Leben ist ein Film von beeindruckender formaler Geschlossenheit, doch diese enthält keine Aussagen über ihre Figuren und die Welt, in der sie leben.
Oder doch? Ist Schanelecs Kino vielleicht ein durch und durch bürgerliches gerade in seiner Betonung der Form und seiner Abstraktion von Inhalten? Dreht sie Filme über das und im Bürgertum? Aber dreht sie überhaupt „Filme über“? Dann müsste am Ende des Films eine Aussage stehen, und jede Einstellung könnte als Teil eines Arguments gelesen werden. Das entspräche zumindest nicht der Intention hinter den Bildern, die etwas zeigen und sichtbar machen wollen, anstatt etwas auszusagen oder gar zu beweisen. Andererseits lässt sich der Diskurs nicht restlos aus ihnen entfernen. Denn in jedem Fall ist Mein langsames Leben, darin vergleichbar nur mit Schanelecs neuestem Werk Nachmittag (2007), ein Film, der ganz dezidiert das Bürgertum ins Bild setzt.
Starr bleibt die Kamera oft, und wenn sich die Figuren aus ihrem Blickfeld entfernen, folgt sie ihnen selten. Umgekehrt richten sich die wenigen Kamerabewegungen nicht an den Figurenbewegungen aus, zumindest nicht ganz. In einer wundervollen Sequenz, die in jedem anderen Film den emotionalen Höhepunkt darstellen würde, schwebt die Kamera flüssig und gleichmäßig durch einen Park, vorbei an Bäumen, während im Hintergrund Marie Valerie von ihren Eheproblemen und einer Abtreibung erzählt. Die semiautonome Kamera eilt den beiden manchmal voraus und bleibt manchmal hinter ihnen zurück. Dass so etwas nie prätentiös wirkt, ist vielleicht das größte Wunder in diesem Film.
Wunderschön sind auch die Dialoge. Mit großer Genauigkeit präpariert Schanelec Elemente der Alltagssprache, Redewendungen ebenso wie funktionale Mitteilungen und legt sie ihren Figuren in den Mund. Nicht Authentizität oder Lebendigkeit ist das Ziel, aber doch eine Form von Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die den Zuschauer eher distanziert als vereinnahmt, da sie zwar sicht- und hörbar, aber nicht les- und interpretierbar ist.
Systematisch zu untersuchen wäre, welche Rolle der Tanz im deutschen und – noch stärker – im österreichischen Gegenwartskino spielt, von Barabara Alberts Sonnenflecken (1998) bis zu Valeska Grisebachs Sehnsucht (2006). Tanz hat in diesem Kino oft wenig mit Erotik zu tun, Tanz ist keine Befreiung im romantischen Sinn, keine Befreiung von gesellschaftlichen oder psychischen Zwängen. Dennoch setzt der Tanz die Körperlichkeit der Schauspieler frei, aber nur in ganz unmittelbarer Weise in konkreten Bewegungen auf der Tanzfläche. Man könnte vielleicht sagen: nur im Bild.
In Mein langsames Leben finden sich gleich mehrere solcher Tanzsequenzen, die eindrucksvollste verlegt Schanelec in eine süddeutsche Provinzdisco: Valerie besucht ihre Familie in der Heimat und wagt sich mit ihrem Bruder auf die Tanzfläche. Minutenlang beobachtet der Film die beiden Körper und ihre eher ungelenken Bewegungen, ohne sie mit Bedeutung aufzuladen. Ihr einziges Echo finden sie in einer weiteren, späteren Tanzsequenz.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 28.05.2008
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Film-Angaben
Titel: Mein langsames Leben
Deutschland 2001
Laufzeit: 85 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Angela Schanelec
Drehbuch: Angela Schanelec
Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber
Bildgestaltung: Reinhold Vorschneider
Montage: Angela Schanelec, Bettina Böhler
Darsteller: Ursina Lardi, Andreas Patton, Anne Tismer, Wolfgang Michael, Sophie Aigner, Devid Striesow, Maria Simon
Kinostart: 20.09.2001
DVD-Angaben
Titel: Mein langsames Leben
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 80 Minuten
Extras: Booklet, Interview
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 23.05.2008
Copyright Mein langsames Leben
Fotos: © Peripher
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