Mein Kampf

Und noch ein Hitler. Urs Odermatt hat George Taboris Bühnenstück „Mein Kampf“ fürs Kino inszeniert. Beim Balancieren zwischen Realismus und Farce bleibt die Komik auf der Strecke.

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Zwei Schächer hängen am Kreuz. Der eine ist am Stöhnen. Fragt der andere: „Tut’s weh?“ – „Nur, wenn ich lache.“ Galgenhumor und die Autonomie des Witzes in auswegloser Situation charakterisieren die Werke von George Tabori. Und generell zeigt sich jüdischer Humor oft schwarz und respektlos. Sein 1987 uraufgeführtes Stück „Mein Kampf“ nannte Tabori gar einen „theologischen Schwank“. Darin fristet der junge Adolf Hitler 1910 ein kümmerliches Dasein im Wiener Männerasyl und träumt von der großen Künstlerkarriere. Faul, untalentiert und selbstmitleidig bleibt er ein orientierungsloser Einzelgänger, bis sich der jüdische Bibelverkäufer Schlomo Herzl seiner annimmt. Herzl, der sich übertrieben mütterlich und geradezu masochistisch um Hitler kümmert, ist davon überzeugt, dass man seine Feinde lieben muss. Also rettet er den unsympathischen jungen Mann vor „Frau Tod“, stutzt ihm den Bart zur charakteristischen Bürste und bringt ihn auf die Idee, Politiker zu werden. Auch den Titel zum späteren Bestseller „Mein Kampf“ liefert Schlomo. Was folgt, wird zum bitteren Witz der Weltgeschichte. Ausgerechnet ein Jude spielt den Geburtshelfer der Vernichtung.

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In Urs Odermatts Adaption des Stoffes hat sich Tom Schilling in die Paraderolle eines blassen, dürren Hitlers gehungert, dem er einen flatternden Blick und eine zwischen Großmannssucht und Unbeholfenheit schwankende Ausstrahlung verleiht. Götz George tritt mit wirrem Haar und narbigem Gesicht als unverbesserlicher Menschenfreund Schlomo auf, der zum beschützenden Mentor wird. Der Geschichtenerzähler und tragische Clown als Protagonist ist eine Figur, die auch Holocaust-Komödien wie Jakob der Lügner (1974), Das Leben ist schön (La vita è bella, 1997) und Zug des Lebens (Train de vie, 1998) antreibt. Immer opponiert der Held mit Fantasie gegen die unzumutbare Realität. Und immer endet er im KZ, weil seine Waffe der anarchischen Lüge gegen das Morden nicht ankommt.

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Auch in Mein Kampf geht die Geschichte nicht gut aus. Hier allerdings stimmt etwas nicht im Verhältnis zwischen poetischer Groteske und Tragik, denn Taboris schwarzhumorige Allegorie auf das Gebot der Feindesliebe verträgt sich nicht mit dem zwanghaften Naturalismus des historischen Nachgestaltungskinos. Während sich die oben genannten Filme als märchenhafte Fabeln ausweisen, will Mein Kampf auch ein emotional nachvollziehbares Drama über die innere „Hitler-Werdung“ des labilen Österreichers sein. Die Handlung müht sich zäh am psychologischen Realismus ab, wenn in Rückblenden Kindheitstraumata erscheinen und Hitler weint: „Niemand liebt mich!“ Tom Schilling macht das sehr gut – nur eben in einer ganz ernsthaften Darstellung.

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Es ist der gleiche Spagat, der von Dani Levys Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (2006) nur ein müdes Lächeln übrig ließ, weil der Lust an der Übertreibung und der politisch inkorrekten Geschichtsfabuliererei eine schwer dramatische Haupthandlung gegenüberstand. Plötzlich will die Satire gleichzeitig Emo-Drama sein. Auch Mein Kampf traut sich nicht so recht ins Absurde, ins Surreale oder Anarchische. Stattdessen stellte die Produktion Tom Schilling einen Hitler-Sprachcoach und einen Hypnosecoach zur Verfügung, drehte an Wiener Originalschauplätzen und montierte zu guter Letzt noch NS-Propagandamaterial in den Abspann. Vielleicht sollte so das berühmte Lachen entstehen, das einem „im Halse steckenbleibt“? Aber dafür müssten die Pointen zunächst einmal sitzen. Und Mein Kampf fehlt durchweg das Timing für Taboris trockene Absurditäten, die für sich genommen eigentlich komisch sind: „Die Juden und die Radfahrer sind an allem schuld.“ – „Warum die Radfahrer?“

Trailer zu „Mein Kampf“


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