Mein halbes Leben
In seinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm erforscht Marko Doringer die Befindlichkeit und die Werte der Generation um die dreißig – vergnüglich, selbstironisch und mit eigentherapeutischem Ansatz.
Marko hat die dreißig überschritten, er ist Dokumentarfilmer und lebt in Berlin. Er hat kein Geld, keine abgeschlossene Berufsausbildung, keinen Führerschein – noch nicht einmal eine Freundin. Er hat mithin nichts, was zählt. Diese Erkenntnis stürzt Marko in eine erhebliche Sinnkrise: „Wenn man es mit dreißig nicht geschafft hat, ist alles vorbei“ – lautet die neurotische These, der Marko Doringer in Mein halbes Leben nachgeht. Am eigenen Leib und mit ironischer Selbstreflexion porträtiert der Regisseur das ungute Gefühl, noch nichts geleistet und nur vage Vorstellungen von dem zu haben, wer man ist und was man eigentlich will.
Introspektiv konfrontiert der Filmemacher den Zuschauer zu Beginn mit eigenen Ängsten und Zweifeln und bringt mit der Frage nach der eigenen Standortbestimmung im Leben die Geschichte in Gang. Doringer will untersuchen, wie Menschen seiner Generation und ähnlicher Sozialisierung im Leben stehen. Hierzu porträtiert er alte Freunde und Weggefährten: eine Modedesignerin, einen Sportjournalisten und einen Jungmanager.
Mit der von ihm selbst geführten Kamera begleitet und beobachtet Doringer seine Protagonisten im Alltag, bei der Arbeit und im Kreise von Freunden oder Eltern. Er befragt zu Erwartungshaltungen und Ansprüchen, Ängsten und Hoffnungen. Dabei gelingt es, den Protagonisten im Zuge des zwanglosen Parlierens auch selbstreflektive Einsichten zu entlocken, die aufzeigen, dass Marko nicht der Einzige ist, der offensichtlich Probleme hat.
Zum Beispiel steht Katha - die Modedesignerin - kurz vor dem erhofften internationalen Durchbruch und arbeitet Tag und Nacht dafür. Eigentlich will sie auch irgendwann mal ein Kind mit ihrem Freund, denn das gehört zum Leben ja dazu. Jetzt aber will das nicht so recht passen – dazu ist der selbstauferlegte Erfolgsdruck zu groß. Katha konstatiert, dass sich Karriere und Mutterschaft in ihrer konkreten Situation eigentlich gar nicht vereinbaren lassen.
Schwierigkeiten mit der Selbstentfaltung hat auch Martin. Der Sportjournalist, hat es eigentlich geschafft, er hat einen gut bezahlten Job, eine nette Freundin und finanzielle Sicherheit. Aber Martin ist unglücklich. Er erwartet von sich selbst mehr: er will seinen Job kündigen, ein Buch schreiben oder vielleicht auswandern.
Zwischendrin immer wieder Marko, der Filmemacher, als Protagonist. Mal beim Motivationscoach („Können Sie den Wert Ihrer Leistung definieren?“), mal im Generationskonflikt mit seinem Vater, der nur das Beste für seinen Sohn will, aber keinerlei Verständnis für Markos Probleme hat.
Die Schwierigkeit individuelle Ansprüche und soziale Verankerung in der Leistungsgesellschaft zu vereinen – das ist das Kernproblem, welches gleich einem roten Faden Mein halbes Leben durchzieht. Dass es sich dabei vornehmlich um Probleme des Teiles der Generation „30+“ handelt, die einem sozial gesicherten, behüteten oder bürgerlichen Elternhaus entstammt, blendet Doringers Film allerdings aus.
Die Porträts und angestellten Betrachtungen gelingen durchweg leicht und amüsant, was vor allem an der Bereitschaft der Protagonisten liegt, sich gegenüber der Kamera selbstkritisch zu öffnen. Die große Vertrautheit mit dem Regisseur ist deutlich spürbar, was Doringer auch – zum Teil merklich – ausnutzt, um Situationen seinem dramaturgischen Ansinnen entsprechend zu organisieren. Geschickt kommentiert der Regisseur die gewonnenen Erkenntnisse und Positionen, indem er sie zu sich selbst in Bezug setzt. Hierzu begibt er sich auf die Therapiecouch und lauscht der Stimme des Therapeuten, der abstrahiert, verallgemeinert, kommentiert und so Lebenshilfe zu erteilen versucht.
Eine der wesentlichen Stärken des Films ist, dass er sich nicht auf die Darstellung von fixen Positionen beschränkt, sondern auch Entwicklungen in den Figuren zulässt, Haltungen durch ungeplante Ereignisse oder durch Reflexion der Protagonisten verändert, relativiert oder zurücknimmt und auf diese Weise das Leben im Film dynamisiert.
Offengelegte Erwartungshaltungen stellt Doringer den Werten und Ansprüchen der zu Wort kommenden Elterngeneration gegenüber, die ein wesentlicher Bestandteil der Porträts ist, da sie sämtlich den Hintergrund der Sozialisierung der Protagonisten vermittelt. Das Leben ihrer Kinder kommentierend, kritisierend oder belehrend, vermitteln die Eltern den Paradigmenwechsel zwischen den Werten der Nachkriegsgeneration und der schnelllebigen Gegenwart. Die Elterngeneration kennzeichnet sich durch einen soliden Pragmatismus, basierend auf Werten wie Familie, finanziellem Auskommen und mithin Sicherheit. Das endlose Selbstentfaltungsstreben der Kinder ist für die Elterngeneration obskur und steht als Ursache dafür im Verdacht, dass die Generation „30+“ nicht „erwachsen“ werden will. Nicht zu unrecht.
Vielleicht mag man Marko Doringer den Leidensdruck seiner postulierten Sinnkrise, die den Film in Gang hält, nicht ganz abnehmen, denn dann wäre das Projekt mangels Distanz wohl kaum möglich gewesen. In jedem Fall jedoch ist Mein halbes Leben ein nachdenklicher und durchaus vergnüglicher Film über zeitgenössische Lebensmodelle von vier Menschen jenseits der magischen Dreißig im Besonderen und den Sinn des Lebens im Allgemeinen.
Filmkritik von Robert Zimmermann
Veröffentlicht am 12.08.2009
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Film-Angaben
Titel: Mein halbes Leben
Österreich, Deutschland 2008
Laufzeit: 97 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Regie: Marko Doringer
Drehbuch: Marko Doringer
Produktion: Marko Doringer, Markus Glaser, Michael Kitzberger, Nikolaus Geyrhalter, Wolfgang Widerhofer
Bildgestaltung: Marko Doringer
Montage: Marko Doringer, Martin Hoffmann
Musik: Kristof Hahn, Viola Limpet
Darsteller: Katha Harrer, Martin Obermayr, Thomas Berger, Marko Doringer
Kinostart: 08.10.2009
Copyright Mein halbes Leben
Fotos: © Movienet Film
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