Mein Freund aus Faro
Eine vermeintlich klassisch-stereotype lesbische Butch-Femme-Liebesgeschichte ist das Zentrum dieses kleinen, zauberhaften Films, dem nichts ferner liegt als die platte Reduktion seiner Geschichte auf Typologien.
„Du hast wirklich jemanden kennengelernt? Wie heißt er denn?“ In dieser einfachen Fragenfolge spiegelt sich Mels Dilemma – denn wer sagt eigentlich, dass „jemand“ ein Mann sein muss?
Für ihren Vater und ihren großen Bruder (Tilo Prückner und Florian Panzner), mit denen sie sich das Haus in der norddeutschen Provinz teilt, ist die 22-jährige Mel (Anjorka Strechel) natürlich Melanie, so sehr sie auch auf der Kurzform insistiert. Und als ihr eines Nachts die Anhalterin Jenny (Lucie Hollmann) vors Auto läuft, kann sie niemandem erzählen, dass sie sich in das junge Mädchen verliebt hat. Zumal Jenny durch ein Missverständnis, das Mel zuerst nicht aufklären möchte und dann gerne weiter ausbaut, den Menschen hinterm Steuer des roten Autos für einen jungen Portugiesen aus Faro hält: Miguel.
„Miguel“ wird dabei zugleich ihr tatsächlich portugiesischer Kollege Nuno (Manuel Cortez), den sie Vater und Bruder als ihren ersten Freund vorstellt – seine schauspielerischen Leistungen lässt er sich ebenso gut bezahlen wie die Hintergrundinformationen zu seinem Herkunftsland; Mels Annäherungsversuchen an Jenny schaut er zugleich wohlwollend und kopfschüttelnd zu.
Oberflächlich weist die Handlungsstruktur von Mein Freund aus Faro einige Ähnlichkeiten mit Boys Don’t Cry (1999) auf, der oscarprämierten Verfilmung des Lebens- und Leidenswegs des transsexuellen Brandon Teena, der 1993 ermordet wurde; hier wie dort wird die als Frau geborene Hauptfigur für einen Mann gehalten.
Mel in Mein Freund aus Faro ist allerdings nicht transsexuell, auch wenn sie mit ihrem burschikos-männlichen Auftreten ein klassisches Vorurteil über lesbische Frauen geradezu übererfüllt. Dass der Film nie Position dazu bezieht, ist vielleicht sein einziges großes Versäumnis. Nie wird so klar, ob ihre „Vermännlichung“ wesentlich mit ihrer sexuellen Orientierung zusammenhängt, ob Mein Freund aus Faro dieses Stereotyp also bestätigen soll oder nur als Startpunkt für ihre Handlung verwendet.
Dabei spricht viel für letztere Variante. Regisseurin Nana Neul, die für den Film den Max-Ophüls-Preis 2008 für das beste Drehbuch erhalten hat, zeichnet ansonsten nämlich ein sehr ruhiges, differenziertes Porträt ihrer Figuren; sie verliert sich nicht in Thesenkino, sondern vertraut erfolgreich und zurecht auf die Kraft ihrer Hauptdarstellerinnen. Vor allem bei Anjorka Strechel hat sich das gelohnt, denn die junge Schauspielerin, die bisher nur in einigen Fernsehproduktionen zu sehen war, spielt hier mit großer Subtilität und Sinn für kleine Gesten.
Ihre Mel bleibt in Gestik und Mimik immer unterschwellig auf der Hut, stets ein wenig linkisch. Und zugleich gelingt es Strechel, Mels Annäherung an einen „männlichen“ Habitus in Körperhaltung und Bewegungen glaubhaft zu machen: Fast ohne Unterschied, aber doch eben immer mit einem Moment des Zögerns und der Unsicherheit, der die Nachahmung, das mühsam Erlernte sichtbar macht. So bleibt fast durchgehend glaubwürdig, was Mels Bruder am Anfang formuliert: „Du könntest wirklich mein Bruder sein, ... wenn Du Dich nicht ausziehst.“
Das tut Mel dann später irgendwann, um der ungläubigen Jenny zu zeigen, inwiefern sie, die eben nicht Miguel heiße, „anders“ sei als erwartet – da setzt sie auf eine Evidenz des phänotypischen Geschlechts, der reinen Äußerlichkeiten, die ihre Figur den ganzen Film hindurch auf die Probe gestellt und für zu leicht befunden hat.
Zu diesem Zeitpunkt weiß man eigentlich schon, dass Mein Freund aus Faro mit keinem echten Happy Ending aufwarten können wird; immerhin gelingt es dem Film, das Coming-of-Age-/Coming-out-Drama für einige Momente ganz zart sogar in die Nähe der Komödie zu führen. Für seine Protagonistin gibt es freilich keinen anderen Weg als den hinaus in die weite Welt, weg aus den provinziellen Beschränkungen ihrer Heimat.
Das ist eigentlich schon in den ersten Momenten des Films klar: Da liegt Mel auf dem Dach ihres roten Autos, dessen Farbe so leuchtend aus den grünbraunen Tönen der Landschaft heraussticht, und sieht den Flugzeugen nach, für die sie in einer Fabrik die Essenstabletts zusammensortiert. Alles ist nur Second-Hand-Erfahrung von Ferne; deutlicher wird das nur noch am Nordseestrand, an den es Mel und Jenny verschlägt. Zwar bietet die Nähe zum Meer den beiden zumindest für Stunden ungeahnte Unbeschwertheit, aber Ort der Sehnsucht bleibt für Mel doch ein Strand in Portugal, den ein von Nuno stibitztes Foto zeigt.
Es gibt schließlich auch noch so viel zu entdecken in der Welt. Selbst Jennys Mädchenzimmer erscheint Mel wie eine fremde, rosa Welt, und mit staunendem Blick öffnet sie eine Spieluhr.
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 30.10.2008
Kommentare zu Mein Freund aus Faro
Steeeff 12.06.2010 21:46
Ein wunderbarer Film, der leider noch nicht auf DVD herausgekommen ist. Ich würde es mir sehr wünschen, da er leider viel zu selten im fernsehen kommt
Kim 13.06.2010 20:25
"des transsexuellen Brandon Teena, der 1993 ermordet wurde; hier wie dort wird die als Frau geborene Hauptfigur für einen Mann gehalten." Falsch. In Boy's Don't Cry geht es um einen als transsexuellen Mann geborenen Menschen, der für eine Frau gehalten wird - und deswegen ermordet wurde. Ein peinlicher Verdreher in eurem Text...
Sarita 21.06.2010 18:41
Nein Kim, das war wohl ein Verdreher deinerseits...
Kathrin-Daniela-Maria 22.06.2010 19:36
Ein echt Super film ! Denn mir selbst ist so eine ähnliche Geschichte in meiem Leben passiert und ich bin nicht lesbisch. Ich liebe diese Anjorka Strechel denn sie ist eine grossartige Schauspielerin. Mein Freund in Faro,mein absouluer lieblingsfilm !!!
planb 23.06.2010 01:51
"Dass der Film nie Position dazu bezieht, ist vielleicht sein einziges großes Versäumnis."
Ich würde eher sagen es ist die große Stärke.
Mel definiert sich selbst nicht, warum auch?
Solveigh 23.06.2010 10:54
Der beste Film seit langem, und eine unglaublich gute Schauspielerin, diese Anjorka Stechel. Chapeau.
Mich hat schon gewundert, einen solch großartigen Film in der Soap-bekannten ARD sehen zu dürfen...Aber der Wermutstropfen folgte auf den Fuß:
die Sendeverantwortlichen stellen manche Filme in die Video-Mediathek ein, ohne darauf hinzuweisen, dass ein Film evtl. 15 Min. früher endet. Das ist sowas von frustig! Und gestern abend eben wieder mit diesem Film! Ich würde so gern die Auflösung sehen, es fehlen ca. 10 Minuten.
Wer weiß was und wo?
Danke im voraus ;-))
Sabine 29.06.2010 12:14
Der Film war einfach toll. Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Was für eine tolle Geschichte. Ich möchte gar nicht mutmaßen, wie vielen Mädchen da draußen es ähnlich ergeht.
Marilou 05.03.2011 13:14
Ich finde den Film auch einfach Klasse!
Ein Film, der über eine sehr realistische Geschichte handelt. Es ist in der Tat sehr schade, dass der Film noch nicht auf DVD herausgebracht wurde!
♥
maggi 06.06.2011 18:33
Der film ist absolut super! BIn absolut verrückt nach ihm. Freu mich schon wahnsinnig wenn es ihn auf dvd gibt.
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Film-Angaben
Titel: Mein Freund aus Faro
Deutschland 2008
Laufzeit: 87 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Nana Neul
Drehbuch: Nana Neul
Produktion: Ralph Schwingel, Stefan Schubert, Hejo Emons, Kristina Löbbert
Bildgestaltung: Leah Striker
Montage: Dora Vajda
Musik: Jörg Follert
Darsteller: Anjorka Strechel, Lucie Hollmann, Manuel Cortez, Tilo Prückner, Florian Panzner, Isolda Dychauk, Kai Malina, Philipp Quest, Julischka Eichel
Kinostart: 30.10.2008
Copyright Mein Freund aus Faro
Fotos: © Tom Trambow
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