Mein bester Feind

Jude oder Nazi? – Das Outfit entscheidet. Wolfgang Murnberger inszeniert eine Täuschungskomödie im „Dritten Reich“ mit Moritz Bleibtreu in allen Kostümen.

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Die einst von der Firma Hugo Boss produzierte schwarze SS-Uniform ist das vielleicht meistverfilmte Kleidungsstück der Geschichte. Ein unentbehrliches Requisit für Inszenierungen der NS-Zeit, ein Markenzeichen für die Schnellcharakterisierung böser Figuren und ein machtbesetzter, oft erotisierter Fetisch, mit dem sich die Kulturwissenschaftlerin Susan Sontag schon 1974 in ihrem Aufsatz „Faszinierender Faschismus“ beschäftigte. Der einschüchternde Aufputz mit der Totenkopfmütze ermächtigt zur Gewaltausübung, so wie der gelbe Judenstern Rechtlosigkeit signalisiert. Wenn aber die Uniform über Leben und Tod entscheidet – was passiert dann beim Rollentausch? Genau das ist die Grundkonstellation, aus der Mein bester Feind seine Komik schöpft. „Du Judensau! Du dreckiges Judenschwein, du!“, schimpft da der Nazi, der die KZ-Lumpen tragen muss. Und der als SS-Mann verkleidete Jude sagt: „Selber!“

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Wolfgang Murnbergers Mein bester Feind basiert auf Paul Hengges Roman „Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben“. In der Verfilmung spielt Moritz Bleibtreu diesen Victor Kaufmann, einen Sohn reicher jüdischer Galeriebesitzer in Wien. Rudi Smekal (Georg Friedrich) ist der Sohn der einstigen „Hausbesorgerin“ der Kaufmanns – oder schlichter: der Putzfrau. Nach deren Tod wurde Rudi wie ein Familienmitglied in der großbürgerlichen Welt von Hannah (Marthe Keller) und Jakob Kaufmann (Udo Samel) aufgezogen. Victor ist sein bester Freund – bis zur Annexion Österreichs durch die Nationalsozialisten. Nun sieht der kleinbürgerliche Rudi seine Chance, auf die „Butterseite“ des Lebens zu wechseln und bei der SS Karriere zu machen. Während die Kaufmanns in ein KZ deportiert werden, verlobt sich Rudi mit Victors Freundin Lena (Ursula Strauss), die er schon lange begehrt.

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Damit die Handlung sich dreht, kommt ein klassischer MacGuffin ins Spiel – nach Alfred Hitchcock ein Objekt, das zum Spannungsträger wird, ohne dabei selbst weiter von Interesse zu sein. In Mein bester Feind ist es eine Originalzeichnung von Michelangelo, die die Kaufmanns heimlich besaßen – was Victor Freund Rudi verraten hat. Das Bild soll nun von der NS-Führung an Mussolini überreicht werden, um den Bündnispartner des „Dritten Reichs“ diplomatisch zu umwerben. Da aber der alte Jakob Kaufmann, der die Zeichnung versteckt hatte, irgendwo im Off der Lagerwelt bereits verstorben ist, soll Rudi den KZ-Häftling Victor in einem Flugzeug nach Berlin bringen, um dort den Verbleib des Kunstwerkes aus ihm herauszupressen. Aber der Flieger stürzt ab, und Victor schlüpft in die Uniform seines besten Feindes. Es folgt ein Verwechslungsspiel auf allen Ebenen, das seine lustigen Momente hat. Doch so wie die Handlung am Ende sehr vorhersehbar ist und das Publikum längst weiß, wo der echte Michelangelo steckt, wird auch der Humor nie so böse, wie man es von einem echten Murnberger hätte erwarten können.

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Wer sich nach Wolfgang Murnbergers schwarzen Komödien Komm, süßer Tod (2000), Silentium (2004) und vor allem Der Knochenmann (2008) auf respektloses Retro-Kino, vielleicht sogar vom Schlage eines österreichischen Inglourious Basterds (2009) gefreut hat, gähnt herzhaft über diese halbgare Mischung aus Kostümfilm, Vertauschungsplot und Dreiecksgeschichte. Warum eine Satire drehen, wenn sie sich nicht traut, richtig garstig oder überdreht zu sein? Auf halber Strecke sind schließlich schon die jüngsten deutschsprachigen Lachversuche Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (2006) und Mein Kampf (2009) steckengeblieben. Warum schon wieder der ewig gutgelaunt charmante Moritz Bleibtreu in allen nur möglichen Kostümierungen deutscher Geschichte – zuletzt als Joseph Goebbels (Jud Süß – Film ohne Gewissen, 2010) und Andreas Baader (Der Baader Meinhof Komplex, 2008)? Warum sich immer auf die großen Vorbilder Lubitsch und Chaplin berufen – interessanterweise nie auf den derberen Humor von Mel Brooks –, wenn man die Filmklassiker dann doch nur dramaturgisch plündert, ohne es ihnen annähernd originell gleichtun zu können? In Mein bester Feind bleibt vom Witz der Verwechslungsidee ein spitzbübisches Augenzwinkern: Wer es auf die Butterseite des Lebens schafft, wer das Mädchen und die Millionen kriegt, das hängt ganz vom turbulenten Lauf der Weltgeschichte ab. Und von der jüdischen Schlauheit, die den Holocaust überlebt und dabei noch den Michelangelo rettet.

Das Spiel mit den Uniformen und Identitäten ist reizvoll, weil jeder einmal Täter und Opfer sein kann. Das Plakat zu Mein bester Feind zeigt dementsprechend Rudi in Häftlingskleidung mit Totenkopfmütze und Victor in SS-Aufmachung mit Davidstern. Die Zeichen sind beliebig austauschbar, und das kann nur das Kino. Auch deswegen geht der Film nie unter die Haut, falls er das je sollte. Schließlich noch eine Frage: Weil Rudi lautstark behauptet, kein Jude zu sein, droht Victors Verkleidung als „Herrenmensch“ aufzufliegen. Also muss Rudi vor den deutschen Militärs die Hosen herunterlassen. Er ist beschnitten – „Eine Vorhautverengung!“ – und damit als Jude abgestempelt. Das ist schon komisch. Aber was ist eigentlich mit der Blutgruppen-Tätowierung der SS und der KZ-Nummer auf dem Arm? Vielleicht wären die doch zu sehr unter die Haut gegangen.

Trailer zu „Mein bester Feind“


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Kommentare


Spielmann

Um das Bild im Film handelt es sich um einen Michelangelo und nicht um einen Leonardo da Vinci.


Sonja

Danke - ist korrigiert!






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