Meeresfrüchte

Sommerurlaub an der Côte d’Azur, und der Mistral weht: Das Leben einer Familie wird in dieser liebenswerten Vaudeville-Komödie mit Valeria Bruni-Tedeschi kräftig durchgepustet.

Meeresfrüchte

Die Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi hat eine Art zu lächeln, bei der die Unterlippe einen Teil der oberen Zahnreihe verdeckt. Gleichzeitig spannt sie die Mundwinkel leicht an, was ungemein charmant aussieht, und auch immer einen etwas spöttischen Ausdruck ergibt. In Meeresfrüchte (Crustacés et coquillages), dem neuen Film von Olivier Ducastel und Jacques Martineau, ist dieses Lächeln oft zu sehen. Man könnte meinen, die wunderschöne Komödie, die den südfranzösischen Sommer ins Kino bringt, sei um dieses Lächeln herum geschrieben worden.

Bruni-Tedeschi, die zuletzt in 5x2 (2004) von François Ozon zu sehen war und dort die Hölle einer gescheiterten Ehe durchmachte, spielt Béatrix, eine aus den Niederlanden stammende attraktive Mutter, die mit ihrer französischen Familie Urlaub an der Côte d’Azur macht.

Béatrix lacht, wenn sie mit ihrem Mann Marc (Gilbert Melki) schläft, sie schwärmt vom hübschen Hintern des Freundes ihrer Tochter, und als sie vermutet, dass ihr Sohn Charly (Romain Torres) schwul ist, zündet sie sich erst einmal einen Joint an, und ihr Lächeln wird noch breiter. Als ihr Liebhaber (Jacques Bonnaffé) am Urlaubsort auftaucht, ist das nur der Beginn einer Kette von Verwicklungen, die die ganze Familie wie in einem Reigen durcheinander bringen.

Meeresfrüchte

Darum geht es: um das Durcheinander bringen, das Durchpusten, das auf den Kopf stellen. Der Mistral, dieser heftige südfranzösische Wind, pustet durch den ganzen Film. In der allerersten Einstellung wird ein Fenster aufgestoßen – Filmsprache für: jetzt bläst ein frischer Wind. Das war schon die erste Einstellung in Truffauts Antoine und Colette (L’Amour à Vingt Ans: Antoine et Colette, 1962), in der Jean-Pierre Léaud ein Fenster zu einem belebten Pariser Platz aufstößt, um sich dann in das Abenteuer des Erwachsenwerdens zu stürzen.

Béatrix, die tolerante Holländerin, schaut dem verwickelten Treiben, das viel Türenschlagen und einige Missverständnisse beinhaltet, vergnügt zu, steht aber selbst vor mehr Veränderungen, als ihr zunächst recht ist. Ihr Liebhaber erhebt Ansprüche: „Ich habe es satt, dein Ersatzpimmel zu sein“, sagt er forsch; der Dialogwitz des Films ist zuweilen derb, manchmal auch regelrecht albern, aber immer sehr lustig. Und ihr Mann gibt, zunächst widerstrebend, fast schon homophob, dann aber wie befreit, einer vergessen geglaubten Leidenschaft nach: einem von Jean-Marc Barr gespielten schwulen Klempner. „Man muss der Natur ihren Lauf lassen“, sagt Marc einmal und meint den Garten, aber eben auch die Beziehungen unter den Menschen: Wer schwul ist, soll schwul sein dürfen, und wer es nicht ist, ebenso, und nichts davon ist so wichtig, dass man deshalb schlechte Laune bekommen müsste. Die Kamera begleitet das Geschehen schwungvoll, amüsiert, aber nicht distanziert. Am Ende, wenn Valeria und Marc sich aussprechen wollen, haben Ducastel und Martineau eine Parallelmontage gesetzt, in der beide auf einer Landstraße laut nachdenkend aufeinander zu gehen, geschwind und nervös, und sich – sozusagen wie in einer Synthese – in der Mitte treffen. Die Konflikte haben sich aufgelöst, das Gleichgewicht ist wiederhergestellt.

Meeresfrüchte

Ducastel und Martineau haben zuvor schon bei Projekten wie Felix (2000) und Mein wahres Leben in der Provinz (Ma Vraie Vie à Rouen, 2002) zusammengearbeitet, die immer das Schwulsein in den Mittelpunkt stellten. In gewisser Hinsicht ist auch Meeresfrüchte ein schwuler Film. Dennoch geht es nicht vordergründig, wie sonst bei dem Regiepaar, um homosexuelle Identität oder Selbstbehauptung. Dieses Mal haben sie eine Komödie gedreht. Schwulsein ist nur eine unter mehreren frei wählbaren Möglichkeiten, mit der alle Beteiligten am Schluss weitaus weniger Probleme haben als es außerhalb eines so charmanten Films wohl möglich wäre. Sex bestimmt die gesamte Handlung, nicht nur das darüber Reden (und manchen sprachlichen Kalauer), sondern auch das Tun. Valeria Bruni Tedeschi, die einzige Frau in diesem von Männern bevölkerten, aber nicht dominierten Film – die Tochter der Familie verabschiedet sich schon nach den ersten Minuten zu einem amourösen Motorradurlaub mit ihrem Freund – bildet da den ganz natürlichen Mittelpunkt; und weil es sich um eine Komödie handelt, ist der Sex nicht destruktiv, wie in 5x2, sondern Quelle von Fröhlichkeit und Lachen. Die Meeresfrüchte, die Schalen- und Krustentiere des französischen Originaltitels, fungieren als symbolisches Aphrodisiakum.

Auch in der Schlussszene, wenn alle Beteiligten zum glücklichen Ende und in neuer Paarung tanzen und singen, ist Béatrix diejenige mit dem meisten Spaß an der Sache, die herumhüpft und über das ganze Gesicht strahlt. Das ist sehr ansteckend, und zumindest für die 90 Minuten des Films möchte man daran glauben, dass es so eine Utopie der Gemeinsamkeit, der Sinnlichkeit, der berauschenden Sexualität, der Wahlverwandtschaft, der Entspanntheit wirklich geben könnte.

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