Meek's Cutoff

„We’re not lost, we’re just finding our way.“ Kelly Reichardt dreht ihren ersten Western. 

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Stephen Meek (Bruce Greenwood) ist ein unangenehmer Zeitgenosse. Ein Aufschneider, der seinen Gesprächspartnern gerne die Welt erklärt und keinen Widerspruch duldet. Wer auf so einen Trapper angewiesen ist, sollte sich zumindest auf ihn verlassen können. Die drei Familien in Meek’s Cutoff können das nicht. Als Siedler in den frühen Tagen des Oregon Trail  folgen sie Meek nun schon seit Wochen über eine vermeintliche Abkürzung. Die Kräfte schwinden, das Wasser wird knapper und immer noch ist weit und breit kein Ziel in Sicht.

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Die amerikanische Independent-Regisseurin Kelly Reichardt zieht es in ihren Filmen immer wieder in zivilisationsferne, von der Außenwelt abgeschirmte Gebiete. Mal ist es die Provinz, in der die Zeit scheinbar stehen geblieben ist (Ode, 1999), dann ein Wald, der zum Schauplatz eines transzendentalen Ausflugs wird (Old Joy, 2006 ). Häufig scheinen ihre Figuren der Vergangenheit anzugehören, einem ursprünglicheren Amerika. Da ist es nur konsequent, dass sie jetzt ihre eigene Version eines Westerns gedreht hat. Schon das Format ist ganz klassisch: 1:1,33, so wie Western vor dem Aufkommen der Breitwand-Ära eben gedreht wurden. Dabei wirkt es so, als wolle Reichardt in erster Linie die Versäumnisse des Genres nachholen.

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Meek’s Cutoff wirft einen betont realistischen Blick auf den „Wilden Westen“. Ein vermeintlicher Held wie die historische Figur Stephen Meek  wird hier als geltungsbedürftiger Säufer entzaubert. Statt spektakulären Duellen oder Verfolgungsjagden befinden sich die Figuren durch ihren Mangel an Essen und Trinken vor allem in einem Kampf mit der Natur. In der weiten, vertrockneten Landschaft wirken sie verloren. Lediglich die bunten Kleider der Frauen bilden noch einige farbliche Akzente in der von Brauntönen dominierten Ödnis. Reichardt bleibt dem minimalistischen Stil früherer Filme treu und ordnet atmosphärische Betrachtungen nicht der ohnehin sehr reduzierten Handlung unter. Geredet wird nur das Nötigste, ansonsten ist vor allem das Knattern der Wägen, das Pfeifen des Windes und ab und an wenige Klänge einer unheilvoll anmutenden Musik (Jeff Grace) zu hören.

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Der Western ist ein klassisch männlich-chauvinistischer Mythos. Reichardt versucht ihn um eine weibliche Perspektive zu bereichern, ohne die damalige Rolle der Frau zu beschönigen. Die Entscheidungsgewalt liegt in dieser Welt ausschließlich bei den Männern. Mehrere Szenen zeigen die Frauen, wie sie abseits von den Männern stehen, während diese über das weitere Vorgehen diskutieren. Reichardt bleibt in solchen Momenten bei den Frauen, beobachtet sie, wie sie neugierig nach drüben blicken und versuchen, einige Gesprächsfetzen aufzuschnappen.

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Umso radikaler ist es dann, wenn Emily (Michelle Williams) sich zunehmend gegen die Anweisungen von Meek auflehnt. Der Konflikt spitzt sich schließlich zu, als die Gruppe auf einen Indianer (Rod Rondeaux) trifft und ihn als Geisel nimmt. Mit kleinen Gefälligkeiten versucht Emily ihn auf ihre Seite zu ziehen. Doch obwohl er der Einzige ist, der zu wissen scheint, wohin die Reise geht, behält er es für sich. Auch wenn Reichardt zwischen Emily und dem Indianer nie eine wirkliche Verbindung zulässt, zieht sie doch eine deutliche Parallele. Wie die Frauen ist der amerikanische Ureinwohner letztlich ein Unterdrückter, der sich mit subtilen Mitteln gegen den weißen Mann auflehnt.

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Wie freundlich oder feindlich der Indianer der Gruppe gesinnt ist, lässt Meek’s Cutoff im Unklaren. Es ist durchaus eine Stärke des Films, die häufige Schwarzweißmalerei des Genres durch eine ambivalentere Sichtweise zu ersetzen. Irgendwo in den Wirren der Vieldeutigkeit verliert Reichardt aber den Überblick. Die beharrliche Weigerung sich festzulegen, wirft irgendwann die Frage auf, wohin sie überhaupt will.

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Vermutlich war genau das auch Reichardts Absicht. So könnte man Meek’s Cutoff durchaus als Rache für die stereotype Darstellung von Indianern im Western interpretieren. Schon der Sprachunterschied zwischen den Siedlern und ihrer Geisel, deren Monologe ganz bewusst nicht untertitelt werden, machen jede Form von Kommunikation unmöglich. Wenn sich die Machtverhältnisse dann zunehmend verschieben, sind Zuschauer und Siedler dem Indianer gleichermaßen ausgeliefert. Wohin die Reise führt, weiß letztlich nur er. 

Trailer zu „Meek's Cutoff“


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