Meatgrinder

Tiwa Moeithaisongs skandalumwitterter Hardcore-Splatterfilm liegt endlich in ungekürzter Fassung vor.

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In Zeiten des Elends blüht die Kunst, so spricht der Marquis de Sade, den Philip Kaufman in seinem unterschätzten Film Quills (2000) zum entschiedenen Vorkämpfer für die Kunstfreiheit stilisiert, und wenn es ein Genre gibt, das geschaffen ist, diese These zu bestätigen, dann ist es unbedingt der Splatterfilm. Immer waren es Zeiten politischer wie sozialer Verwerfungen, in denen sich das Genre zu seinen künstlerischen Höhepunkten aufschwang. Ebenso wie sich der Vietnamkrieg und die zahlreichen militanten Widerstands- und Emanzipationsbewegungen der 1960er und 70er Jahre in das klassische Splatterkino von Wes Craven, Tobe Hooper und vor allem George A. Romero einschrieb, so ist die neuerliche Blüte des harten Splatterfilms in der vergangenen Dekade, die sich an das postmodern-ironische Horrorfilmrevival der 1990er Jahre anschloss, vor allem im Zusammenhang mit dem 11. September 2001, seinen Traumatisierungen und Folgeerscheinungen zu sehen. Terrorangst, Kriegstreiberei, Folterpraxis, politische Lügen: die Angst vor dem Zusammenbruch der westlichen Demokratien einerseits und – als bösartiges Spiegelbild – die Angst vor dem Anderen, Fremden, das jenseits der Landesgrenzen oder im morbiden Kern der eigenen Zivilisation lauern mag.

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So wie die Hauptwerke des neueren Hardcore-Splatterfilms aus den USA und aus Frankreich jeweils eigene gesellschaftliche Konfliktfelder spiegeln – der war on terror einerseits, der Generations- und Kulturkrieg in den banlieues andererseits –, so muss auch Tiwa Moeithaisongs skandalumwitterter Meat Grinder als ein radikal politischer Film gedeutet werden. Seine blutige Fabel ist verortet vor dem Hintergrund brutaler Straßenschlachten, in denen Moeithaisong überdeutlich auf den Militärputsch anspielt, der 2006 den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra entmachtete, und auf die seitdem tobenden gewaltsamen Konflikte zwischen der Regierung, deren Legitimation umstritten ist, und den oppositionellen Rothemden. Diese Bilder, von denen einige dokumentarisch anmuten, durchtränken den im Grunde generischen Plot, der recht offen an einige Klassiker des Hongkonger Exploitationkinos anknüpft. Human Meat Noodles, diesen Titel sollte Meat Grinder ursprünglich tragen, wogegen jedoch die thailändische Zensurbehörde Einspruch erhob, die Moeithaisongs Film im gleichen Zuge auch noch ein paar markante Schnittauflagen verpasste. Dabei waren es, ein Fall von Realsatire geradezu, nicht einmal in erster Linie die tatsächlich überaus extremen Gewaltdarstellungen, die Anstoß erregten. Stattdessen sorgte man sich, die Erzählung um die psychopathische Restaurantbesitzerin Buss (Mai Charoenpura), die ihre zerstückelten Opfer als Grundlage ihrer beliebten Nudelsuppe recycelt, könne dem Ruf der thailändischen Küche abträglich sein (!), und ließ somit den gesamten Film umarbeiten, um den kannibalistischen Handlungsstrang, der für Moeithaisongs Sozialkritik ein zentrales Motiv darstellt, in den Hintergrund zu drängen.

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Kennern des Hongkonger CAT-III-Films wird diese narrative Konstellation durchaus bekannt vorkommen, spielte sie doch das kantonesische Kino in gleich mehreren essenziellen Klassikern seiner Exploitationtradition durch. Von Zukunftsängsten angesichts der nahenden Rückgabe der britischen Kolonie Hongkong an die Volksrepublik China geplagt, war den Chinesen in den 1990er Jahren das Bild einer sich selbst fressenden Gesellschaft offenkundig nicht fremd: Herman Yaus The Untold Story (1993) und Ebola Syndrome (1996) sind nur die populärsten (und interessantesten) Beiträge zu einem sich aus sexualisierter und kulinarischer Gewalt formierenden Subgenre, das sich bis zur großen Krise des Hongkonger Kinos in den 2000er Jahren immer weiter fortschrieb. (Man könnte auch sagen: kannibalisierte.) Im Vergleich zu diesen kantonesischen Filmen, deren krude Inszenierung auf einigermaßen hysterische Weise zwischen Vergewaltigungsfantasien, grenzüberschreitenden Blutbädern und grellem Humor oszillierte, schaltet Moeithaisong jedoch einige Gänge zurück. Meat Grinder ist auffallend kunstvoll inszeniert, nimmt Tempo und Krawall immer in den richtigen Momenten heraus, um für eine Weile kontemplativ, fast trauernd den Schrecken des Gezeigten zu ermessen. Und wird dann immer und immer wieder bestialisch brutal, ohne auch nur einen Funken Humor zuzulassen. Meat Grinder ist keinesfalls einer jener hyperbrutalisierten Splatterfilme, die in ihrer Überzeichnung zum Comichaften neigen. Stattdessen ist er zutiefst grimmig. Seine Gewalt soll wehtun.

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Ein so guter Film ist Meat Grinder wohl vor allem deshalb, weil es ihm gelingt, seine kunstvolle Inszenierung – die edle Kameraarbeit, die sorgfältige Kadrierung, die verschachtelte und doch elegante, um eine Reihe von Rückblenden herum angeordnete Erzählung – mit einer ungebremsten Wucht zu verbinden, ohne dass sich beides gegenseitig in die Quere kommt. Statt als bloßes Gimmick einen schwerfälligen Plot aufzuhübschen – der Fehler, der jüngst in der allzu euphorischen Inception-Rezeption allzu selten bemerkt wurde –, wird die Auffächerung der Erzählweise zum schlüssigen Bild für die manische Wahrnehmung der traumatisierten Protagonistin. Somit funktioniert Meat Grinder auf gleich mehreren Ebenen: als psychopathologische Studie ebenso wie als politische Parabel, die das Pathologische dann wiederum zum Grundmotiv einer radikalen sozialen Diagnose macht. Als Hardcore-Splatterfilm, der Politisches, Psychologisches und Soziales gnadenlos durch den titelgebenden Fleischwolf dreht, ohnehin, denn in Bezug auf seine mit offensivem Sadismus zelebrierten Exzesse macht dem Regisseur Moeithaisong niemand etwas vor. Da diese freilich so essenziell für den inneren Zusammenhalt seines Filmes sind, ist von der um knapp vier Minuten gekürzten deutschen DVD dringend abzuraten. In ungekürzter Form liegt Meat Grinder bisher lediglich in einer britischen sowie in der dieser Besprechung zugrunde liegenden österreichischen Edition vor – aufgrund der verheerenden Umschnitte in den verschiedenen asiatischen Fassungen kann man wohl hier gar von einem Director’s Cut sprechen. In der endlich vorliegenden, ungekürzten und vom Schnittmassaker der thailändischen Behörden verschonten Fassung muss er unbedingt auf Augenhöhe mit Eli Roths Hostel 2 (2007), Darren Lynn Bousmans Saw 3 (2006) oder Xavier Gens’ Frontière(s) (2007) zu den Schlüsselwerken des neuen politischen Splatterkinos gezählt werden.

Kommentare


Slatter-Lord

is doch nurn film^^






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