Mazel Tov

„Erst in Deutschland habe ich gelernt, was es heißt, Jude zu sein“. Eine Dokumentation über russische Immigranten in Frankfurt, Juden in der Roten Armee und den Unterschied zwischen Heimat und Zuhause.

Mazel Tov

„Wer mit Hass im Herzen lebt, der ist schon kein Mensch mehr. Der ist ein halbes Tier“. Der Mann, der diese Überzeugung äußert, war während des Zweiten Weltkrieges einer von circa 500.000 jüdischen Soldaten der Roten Armee, die der antisemitische Stalin aus den Geschichtsbüchern streichen ließ. Jetzt sitzt er in Uniform und mit Orden behangen vor verschlossenen Vorhängen in einem deutschen Wohnzimmer und baut nachts Modellkriegsschiffe und -flugzeuge, als Mittel gegen die Einsamkeit. Eine Kinderpistole hat er in eine Maschinenpistole umgebastelt, er bewundert die „Eleganz“ von Waffen. Gegen die Deutschen hege er aber keinen Groll, erklärt er, – „das sind doch Menschen“. Die ihm heute auf der Straße begegnen würden, hätten doch auch keinerlei Verbindungen mehr zum Holocaust.

Der waffenbegeisterte russische Immigrant ist einer der interessantesten Charaktere im Dokumentarfilm von Mischka Popp und Thomas Bergmann (Augenlied, 2003), weil seine Erscheinung und sein Hobby zunächst Unbehagen auslösen, seine späteren Äußerungen aber überraschend vernünftig und versöhnlich erscheinen. Zudem ist er nicht der einzige jüdische Kriegsveteran, der von den Autoren und Regisseuren in Uniform und mit Orden behangen vor verschlossenen Wohnzimmervorhängen in Szene gesetzt wird – ein Bild, das sowohl befremdlich als auch bedrückend wirkt. „(...) Wir modellieren am Menschen“, schreiben Popp und Bergmann in der aktuellen Schnitt-Ausgabe. Aber auch: „Wir glauben an das Ich“. Was die Ichs dreier Generationen in Mazel Tov zu erzählen haben, ist hoch spannend und äußerst sehenswert. Mit ihren vielfältigen Viten und unterschiedlichsten Ansichten trösten sie über das manchmal etwas eintönige und nur bedingt überzeugende Modellieren der Filmemacher hinweg.

Mazel Tov

Zu diesem Modellieren oder Inszenieren zählen immer wieder Aufnahmen der Porträtierten, wie sie aus den Fenstern ihrer Wohnungen oder Häuser blicken, vorzugsweise mit dem Rücken zur Kamera positioniert. In diesen Szenen blicken sie meist auf ihr früheres Leben in der Sowjetunion zurück, auf Einschränkungen oder Diskriminierungen, die sie als Juden erfahren mussten, auf persönliche Schicksalsschläge oder traumatische Kriegserlebnisse. Trotzdem haben sich viele von ihnen Optimismus und Lebensfreude bewahrt, was die Regisseure wiederholt betonen, indem sie durchgängig zu verschiedenen Festen schneiden. So beginnt der Film auch mit einer Feier des 9. Mai in einer Frankfurter Synagoge, auf der die jüdischen Kämpfer der Roten Armee an ihren Sieg über die Nationalsozialisten erinnern und je mit einer roten Rose geehrt werden, während die Band „Mazel Tov“ spielt.      

Mazel Tov

1990 kamen rund 700 jüdische Migranten aus der UdSSR nach Frankfurt am Main. Nicht nur musste ein akuter Wohnungsmangel bewältigt werden, auch offenbarten einige der circa 5.000 alteingesessenen Juden Vorbehalte gegen den enormen Zuwachs in ihrer Gemeinde. Aufgrund des Ausübungsverbots ihrer Religion und Kultur in der Sowjetunion waren die „Neuen“ mit jüdischen Bräuchen und Traditionen nur mäßig vertraut und hatten ihrerseits veraltete oder verzerrte Vorstellungen vom Leben in Deutschland, das heute manche von ihnen als „Zuhause“ bezeichnen, „Heimat“ allerdings definieren sie anders. Ein junger Modedesigner assoziiert mit ihr „gute Freunde“, für einen Musiker ist sie der Ort, mit dem er die erste Liebe oder die erste Arbeitsstelle verbindet. Der Kulturanthropologin und Künstlerin Julia Bernstein, die aus Einwickelpapier russischer Lebensmittel „Migrationscollagen“ herstellt, vermittelt Israel im Gegensatz zu Deutschland das Gefühl „Du kommst nach Hause“.  

Die Leiterin der Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Dalia Moneta, die in Mazel Tov Hintergründe und Zusammenhänge erklärt, wird von einem israelischen Verwandten einmal als „geteilte Persönlichkeit“ bezeichnet – woraufhin die Regisseure sie nicht allzu originell hinter eine Gardine platzieren, die die Hälfte ihres Gesichtes verdeckt. Das Gefühl, zwischen Ländern und Kulturen hin- und hergerissen zu sein, zwischen russischen Wurzeln, jüdischer Identität und deutschem Alltag, kennt die Mehrzahl der Einwanderer. Einige leben fast ausschließlich in „russischen Enklaven“, so Bernstein, und „haben Angst, wenn das Telefon klingelt, weil sie dann vielleicht Deutsch sprechen müssen“. Mancher Kriegsveteran leidet unter der Diskrepanz, sich selbst als „Sieger“ zu empfinden, während er mit Vorurteilen konfrontiert wird, aus einem „zurückgebliebenen“ Land zu stammen, in dem sich „alle den ganzen Tag mit Wodka betrinken“. Ein Ehepaar aus St. Petersburg betreibt ein Lebensmittelgeschäft, weil es als Wirtschaftsassistent und Bekleidungsingenieurin in Deutschland keine entsprechende Arbeit findet.

Mazel Tov

Dass Popp und Bergmann das überqualifizierte, aber dennoch tapfer lächelnde Paar zum Abschied eine Torte in die Kamera halten lassen, zählt eher zu ihren Modellierungsmissgriffen. Der nächtliche Modellbauer muss statt Torte ein gebasteltes Kriegsschiff halten, und der Modedesigner wird mit einem Freund an seiner Seite ein bisschen steif vor die Haustür gestellt. Stark und gar nicht steif sind dagegen die Sequenzen, in denen die Regisseure Blick oder Geste eines Porträtierten einfangen und diese offenbarenden Momente zwischen die Erzählungen eines anderen schneiden, mit den kurzen Einschüben die Berichte ergänzen oder kontrastieren.

Das Spannendste an Mazel Tov sind ohnehin die Kontraste und Widersprüche: ein einsam wirkender alter Mann mit roter Rose auf einem Stuhl unter lauter fröhlich Tanzenden; ein vermeintlich wohlmeinender, aber eigentlich rassistischer Israeli, der die Araber immer bewundert habe, „ihre Würde und Gastfreundschaft – bis sie zu Selbstmordattentätern wurden“; oder der 98-Jährige, der die Leningrader Blockade miterlebt hat und von 900.000 Verhungerten berichtet. Mit Orden geschmückt und sich selbst als Optimist bezeichnend, spricht er ein schönes Schlusswort in einem Film mit vielen Orden und ebenso stolzen wie kritischen Kriegsveteranen: „Das sind Dummköpfe, die sich ums kämpfen reißen.“

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