Maximum Conviction

Herbst und Frühling zweier B-Movie-Karrieren: Der große alte Mann des Bewegungskinos Steven Seagal schießt und schlägt sich an der Seite seines designierten Thronfolgers Steve Austin durch einen klassischen Genrestoff.

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Steven Seagal war schon immer der große Solitär des Bewegungskinos, im Grunde stets above the law – auch wenn Andrew Davis uns im gleichnamigen Kinodebüt Seagals noch das Gegenteil weismachen wollte – und doch out for justice. Das Gesetz lässt sich in Seagals Filmen kaum in Buchstaben festmachen und schon gar nicht in Institutionen. Seagal ist ein Metaphysiker des Actionkinos, dessen ganz idiosynkratische Phantasmen der Weltabgewandtheit sich in seinen konsequenteren, egomanischeren Rollen – und das sind nicht wenige! – immer wieder in bizarre Eskapismusfantasien einschreiben. Ein Seagal-Protagonist war einmal Werkzeug eines Machtapparates – Militär oder, häufiger, CIA – und hat sich, lange bevor die Filmerzählung einsetzt, von dessen Strukturen und somit von der Welt losgesagt, um einsam durch die Wälder zu streifen und kranke Tiere zu pflegen. Bis ihn die Vergangenheit einholt.

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Durch diese Durchtränktheit mit Vergangenheit, durch deren selten ganz nachvollziehbare Beziehungsgeflechte die eigentlich recht simplen Antagonismen der Filme seltsam verschlungen, verknotet erscheinen, fallen Seagals Figuren gewissermaßen aus der Zeit und in den Mythos. Der seit Jahren gewaltig in die Breite gegangene Aikido-Meister wird zum Buddha des Bewegungskinos, der Gewaltverzicht predigt und der sich doch dem Auge-um-Auge-Prinzip nicht entziehen kann, das mit jeder einzelnen unbeglichenen Rechnung aus der Vergangenheit wieder Einzug in sein Leben und die fast manisch repetierten Plotkonstrukte seiner Filme hält – „I am not a violent man“, so definiert er seine Rolle einmal selbst, während ihn natürlich jeder einzelne Film Lügen straft.

Als Wandler zwischen den Zeiten, Welten, Institutionen und Hüter des Mythos wird Seagal somit notwendigerweise zum Einzelgänger – er, der Unverletzliche, er, der von niemandem berührt werden wird, auch wenn es da immer einmal wieder ein 20-jähriges love interest gibt, das ihm eine Nacht der Erlösung von den Bedrängnissen weltlicher Konflikte oder gelegentlich auch ein vorläufiges Happy End schenkt. Dieser Sonderstatus unter all den Actionhelden seiner Generation ist es, der Seagal grundsätzlich so ungeeignet macht für das Erzählen in kooperativen Strukturen.

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Auch wenn, an neuralgischen Punkten seiner Karriere, immer wieder einmal versucht wurde, Anschlussmöglichkeiten zwischen Seagal und dem Konstrukt des amerikanischen buddy movie zu schaffen – etwa in der Zusammenführung mit dem Komiker Keenen Ivory Wayans in John Grays The Glimmer Man (1996) oder mit dem Rapper DMX in Seagals letztem großem Kinofilm, Andrzej Bartkowiaks Exit Wounds (2001) –: Stets gerieten diese erzwungenen Konstellationen zu eher würdelosen Angelegenheiten, die vom Nimbus der Seagal’schen Protagonisten mehr abzogen, als sie ihm hinzuzufügen wussten. (Dies macht letztlich auch nachvollziehbar, warum Seagal als einziger unter den großen Actionhelden seiner Generation bei den nostalgischen Söldnerkino-Klassenfahrten von Sylvester Stallones Expendables fehlen musste.)

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Vielleicht markiert Keoni Waxmans Maximum Conviction nun erneut einen entscheidenden Umbruchpunkt in Seagals Schaffen. Der seit zwei Jahren vor allem auf zwei fortlaufende Fernsehreihen – die Reality-TV-Show Steven Seagal: Lawman (seit 2009) und die Serie True Justice (seit 2010) – fokussierte Seagal schränkte seine in der letzten Dekade sehr intensive Spielfilmarbeit zuletzt spürbar ein: Waxmans Film markiert hier seine erste Hauptrolle seit Lauro Chartrands Born to Raise Hell von 2010, und im schnell produzierenden DTV-Segment können zwei Jahre Pause eine Ewigkeit bedeuten. Fast scheint es so, als wollte sich der 60-jährige Seagal fortan vom DTV-Kino abwenden und seine Zukunft im TV suchen – Maximum Conviction müsste man somit vor allem als das Dokument einer Zepterübergabe lesen.

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Es ist also vielleicht folgerichtig, dass Waxman ihn weniger als prototypischen Seagal-Film inszeniert denn als konventionelleres Genrestück, das sich über weite Strecken mehr darauf zu konzentrieren scheint, den Ex-Wrestler Steve Austin an Seagals Seite ins rechte Licht zu setzen. Das funktioniert zwar nicht so recht, wird aber als Strategie der Inszenierung Waxmans, der mit beiden Darstellern bereits zuvor gearbeitet hatte, durchaus transparent. Wahrscheinlich ist Waxman auch einfach der Falsche, um jene Art des klassizistischen Genrestücks zu inszenieren, die Austins massige Präsenz – wie jüngst in Terry Miles’ wunderbarem Rachefilm Recoil (2011) – wirklich effektiv zur Geltung bringt. Schon seine jüngste (und gelungenste) Zusammenarbeit mit Seagal, A Dangerous Man (2009), zielte in ihren schönsten Augenblicken auf eine ganz pragmatische, aber ungeheuer intensive Momenthaftigkeit, die sich dann später in den Konfusionen der nie so ganz im Griff behaltenen Handlungsfäden verliert.

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Leider ergeht es Maximum Conviction über weite Strecken sehr ähnlich. Weder setzt Waxman die Topografie des eigentlich reizvollen Szenarios – ein streng geheimes, von Terroristen gekidnapptes Militärgefängnis kurz vor der Abwicklung, durch das sich die Spezialagenten Steele (Seagal) und Manning (Austin) auf getrennten Wegen schlagen und schießen – jemals nachvollziehbar ins Filmbild, noch gelingt es ihm, die unabdingbare Klaustrophobie dieses kammerspielartigen Aufbaus wirkungsvoll zu evozieren. Waxman ist kein John Carpenter und Maximum Conviction kein Assault – Anschlag bei Nacht (Assault on Precinct 13, 1976), und auch zu den Höhepunkten des Seagal’schen Spätwerks ist er kaum zu zählen. Vielleicht ist es vor allem seine Symbolwirkung, die ihm dann doch ein wenig Geltung verleiht: Steve Austin darf jetzt mit den Großen spielen – seine Zusammenarbeit mit Dolph Lundgren in Jesse V. Johnsons The Package ist bereits abgedreht –, und das ist, allen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz, durchaus als ein großes Glück für das B-Actionkino zu betrachten.

Trailer zu „Maximum Conviction“


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