Die Nacht ist jung

Schwarz. Weiß. Rot. Liebe. Gebändigte Ästhetik und ungebändigte Gefühle.

Mauvais Sang 01

Die Zukunft bringt im Kino meist nichts Gutes. In Die Nacht ist jung (Mauvais sang, 1986) ist es ein sich langsam ausbreitender Virus, der die Menschen nach moralischen Kriterien dahinrafft. Zur Entstehungszeit des Films haben verwirrte Christen die neu aufgekommene Krankheit AIDS als Strafe Gottes an den Unzüchtigen interpretiert. Die Seuche in Die Nacht ist jung folgt einer ähnlichen Logik. Denn der Virus entsteht nur dann, wenn zwei Menschen Sex haben, die sich nicht lieben. Selbst wenn zumindest die Liebe des einen aufrichtig ist, sind trotzdem beide verloren. Für Alex (Denis Lavant) und Anna (Juliette Binoche) stellt diese Tatsache durchaus ein Risiko dar. Es ist nicht so, dass sie sich nicht lieben, die Tragik ihrer Beziehung besteht eher darin, dass sie es nicht gleichzeitig tun.

Leos Carax, der sich mit seinen exzessiven und überkandidelten Filmen gerne in romantisch surrealen Parallelwelten verliert, hat für seine zweite Regiearbeit ein Drehbuch geschrieben, das klassischer nicht sein könnte. Irgendwo zwischen Heist Movie, Liebes- und Science-Fiction-Film angesiedelt, erzählt Die Nacht ist jung von zwei in die Jahre gekommenen Gangstern, die um ihr Leben bangen müssen, weil eine übermächtige Amerikanerin eine große Summe Geld von ihnen fordert. Bei einem Einbruch sollen sie nun das Gegenmittel zu besagtem Virus stehlen, und Alex, der Sohn eines ehemaligen Kollegen, soll ihnen dabei helfen. Was darauf folgt, sind eine Reihe emotionaler und beruflicher Verstrickungen, in denen Anna, die junge Freundin eines der Gangster, ebenso eine Rolle spielt wie archetypische Genrestandards über Geldgier und Verrat.

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Obwohl einem als Zuschauer jeder Schritt, den die Handlung nach vorne macht, aus herkömmlichem Erzählkino von Frankreich bis Hollywood vertraut ist, schafft es Die Nacht ist jung, etwas sehr Eigenes daraus zu machen. Das liegt vor allem daran, dass über der geradlinigen Geschichte ein ungebremster Gestaltungswillen thront, der das Bekannte in völlig neue Formen bringt. Gemeinsam mit seinen damals noch weniger berühmten Landsmännern Jean-Pierre Jeunet und Luc Besson wurde Carax in den 1980er Jahren als Vertreter eines neuen Kinos angepriesen, dem Cinema du look. Wie der Name verrät, spielte Ästhetik hier eine entscheidende Rolle. Bei Carax steht jede Pose der Darsteller im Dienst der Bildkomposition, jede Einstellung ist auch ein Ereignis aus Farben und Formen. In einer langen Einstellung der ätherisch wirkenden Juliette Binoche manifestiert sich etwa die minimalistische Farbdramaturgie des Films: porzellanweißer Teint, leuchtend rote Weste und pechschwarzes Haar.

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Jedes Bild distanziert sich entschieden von thematisch verwandten Genrefilmen und lässt genug Platz, um zwischen den Zeilen neue Räume zu eröffnen. Allein dass die Liebesgeschichte in einer hermetisch abgeriegelten Studiowelt mit Miniaturhochhäusern und Spielzeugflugzeugen angesiedelt ist, verleiht dem Film eine märchenhafte Künstlichkeit. Und wie so oft bei Carax bietet Die Nacht ist jung auch eine Bühne für Denis Lavant, der zu diesem Zeitpunkt noch ein seltsam aussehender Junge mit hässlichen Zähnen und zu hoch gezogenen Hosen war. Carax lässt ihm immer wieder Platz, um seine Vergangenheit als Straßenkünstler einzubringen, mit akrobatischen Kunststücken, Spielereien mit Karten oder Zaubertricks. Um sich von Lavants viel gepriesener Körperlichkeit zu überzeugen, muss man sich nur ansehen, wie er sich zu David Bowies „Modern Love“ von Krämpfen geplagt eine Straße entlang windet, zu ekstatischem Ausdruckstanz übergeht und schließlich mit einem Flickflack auch noch die Beschränkungen der Schwerkraft hinter sich lässt.

Nicht nur Lavants Spiel, der gesamte Film lässt sich auf ein rhythmisches Konzept zuspitzen, ein Wechselspiel aus gebändigter und ungebändigter Energie. Bei den Darstellern gehen stark kontrollierte Augenblicke in scheinbar ungerichtete Ausbrüche über, die an Slapstickszenen aus der Stummfilmzeit erinnern. Dabei beschränkt sich die Körperlichkeit nicht nur auf die Darsteller. Der Ideenreichtum ist grenzenlos. Da wären etwa die seltsamen kurzen Schwarzblenden, deren Einsatz keiner bestimmten Logik zu folgen scheint und die wie ein Blinzeln der Kamera wirken.

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Die Nacht ist jung ist ein Film der Extreme, gleichermaßen statisch und dynamisch. Abrupt ändert sich der Erzählrhythmus von stakkatohaften und fragmentarischen Momenten zu langen ruhigen Einstellungen, in denen die Figuren in poetischen Monologen ihre Gefühlswelt erforschen. Es wirkt wie ein kontinuierlicher Kampf zwischen dem Formwillen des Regisseurs und der grenzenlosen Leidenschaft der Figuren. Wie ein Muskel, der ständig zwischen An- und Entspannung wechselt, bis er schließlich der Erschöpfung erliegt.

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Kommentare


Martin Zopick

Das ist Arthouse pur und dazu noch at its best. Die Promiriege lässt den Zuschauer den Atem anhalten. Das liegt zum einen an der komplexen Story und zum anderen an der Art und Weise wie sie erzählt wird. Es geht um Geld und Liebe, um Lust und Frust, eventuell sogar um Raub und Tod. Die anspruchsvollen Dialoge und die teils willkürliche, überraschend ungewöhnliche Abwechslung der Szenen erleichtern das Verständnis nicht. Sie führen zu einem Verfremdungs-Effekt, den wir bei eingefahrenen Sehgewohnheiten schwerlich überwinden können. Hinzu kommt noch eine Gangsterballade mit Verrat, einem Bruch und einem Operntod.
Zentrales Thema ist: Wenn Liebe ohne Liebe ist, wird man von einem tödlichen Virus befallen.
So ergeht es einem jungen Pärchen (Denis Lavant verliebt sich erneut und Julie Delpy ist ahnungslos auf der Flucht). Ein anderes ist im gemischten Alter (Michel Piccoli und Juliette Binoche). Er ist cool und wohlwollend, sie traurig und unwissend verliebt. Amor schießt überkreuz. Das kann ‘böses Blut‘ machen (Originaltitel) oder ist etwa das Blut der Betroffenen verseucht? Die Deutung geht in Richtung AIDS, der deutsche Titel voll daneben. Schwer vorstellbar, dass Léos Carax versucht hat, die Lyrik von Rimbaud zu verfilmen. Hier haben die üblichen Kriterien wie Spannung und Handlungsverlauf ihre Gültigkeit verloren. Bleibt die Optik als letzte Bastion auf hohem Niveau. Anspruchsvoll!






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