Mauern der Gewalt

In David Mackenzies Gefängnisdrama wird geschlagen und geschrien, geschlagen und geschrien, geschlagen und geschrien.

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Ein Wort taucht in den Kritiken zu Mauern der Gewalt (Starred Up) besonders häufig auf: „realistisch“. Etwas ketzerisch könnte man fragen, wie viele Filmkritiker denn ernsthaft beurteilen können, wie realistisch ein Gefängnisdrama ist. Denn angesichts der zahlreichen Prügeleien, Stechereien und sonstigen Überfälle kommt ein wenig der Verdacht auf, dass genau das Gegenteil der Fall sein könnte: Dass Regisseur David Mackenzie den Gefängnisalltag hier exzessiver und actionreicher darstellt, als er tatsächlich ist – und genau mit dieser Realitätsverzerrung die bürgerliche Vorstellung vom Leben im Gefängnis bedient.

Um das Verzweifeln an Langeweile etwa geht es an keiner Stelle. Stattdessen wird nahezu pausenlos aus Leibeskräften gebrüllt, gedroschen, getreten, gekopfstoßt, gewürgt, aufgeschlitzt, aufgehängt, niedergeschleudert oder – zur Abwechslung – ein Kopf ins eben benutzte Klo gedrückt. Diese Intensität mag manchen Kritiker dazu verleitet haben, Härte und Trostlosigkeit mit Authentizität zu verwechseln. Dass die Wärter von all dieser Brutalität wenig mitbekommen, sondern die hyper-aggressiven Häftlinge auch noch recht frei in den Gängen herumspazieren lassen oder sie allein – ohne Verstärkung – durch das Gebäude geleiten, macht das Ganze nicht glaubwürdiger. Und auch das Spiel einiger Darsteller wirkt teilweise arg aufgesetzt, vor allem wenn es nicht um körperliches, sondern um seelisches Leiden geht (was in diesem Film allerdings recht selten vorkommt).

Gefährlich und gefährdet

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Im Mittelpunkt steht der junge Häftling Eric (Jack O'Connell), mit dem unheimlich ironischen Nachnamen „Love“ bedacht. Eric ist 19 Jahre alt und gehört damit eigentlich noch ins Jugendgefängnis. Aufgrund seiner extremen Aggressivität haben ihn die Richter jedoch „hochgestuft“ („starred up“), sodass er sich zu Beginn des Films im Erwachsenenknast wiederfindet – und zwar im selben Knast, ja auf derselben Station wie sein Vater (was dem Zuschauer wiederum einiges an „suspension of disbelief“ abverlangt).

Dank der digitalen Handkamera von Michael McDonough wirkt der Beginn fast dokumentarisch, wenn Eric eingeliefert, einer demütigenden Nackt-Untersuchung samt Kurz-Kolonoskopie unterzogen und in eine Einzelzelle verfrachtet wird. Das Doku-Feeling legt sich aber recht schnell wieder, als Eric einen ganzen Wärtertrupp verdrischt und einen Beamten in die Eier beißt. Auch Isolationshaft und Gesprächstherapie bewahren ihn nicht davor, den Rest der Laufzeit mit gewalttätigen Aktionen und Reaktionen zu verbringen. Trotz der wirklich erstaunlichen Energie, mit der Jack O’Connell seine stets kurz vor dem Überkochen stehende Figur spielt, löst die Redundanz des Films irgendwann nur noch Langeweile aus.

Befreiung vom Vater(komplex)

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Einzig Erics Verhältnis zu seinem Vater Neville (Ben Mendelsohn) erhält das Interesse aufrecht, bietet es doch Ambivalenzen und psychische statt bloß physische Konflikte. Einerseits sucht der in staatlichen Heimen aufgewachsene Junge gezielt die Nähe zu seinem lange verschollenen Vater – andererseits ist er unfähig, sich dessen Autorität zu unterwerfen. Und Neville selbst weiß zwar, dass er seinem Sohn allein keinen ausreichenden Schutz bieten kann, weshalb er ihn in eine Therapiegruppe schickt – gleichzeitig aber leidet er darunter, dass Eric sich mit anderen Häftlingen anfreundet und diese die Rolle eines Ersatz-Vaters übernehmen. Erics Coming-of-Age, die Beschäftigung mit und die Befreiung von seinem Vater, vollzieht sich letztlich wie alles in diesem Film: über die körperliche Konfrontation.

Quod erat demonstrandum

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Regisseur David Mackenzie, der vor drei Jahren mit seinem schönen und mitunter experimentellen Apokalypse-Drama Perfect Sense (2011) überzeugen konnte, lässt sein neues Werk zu einem Thesenfilm verkommen: Das britische Gefängnissystem ist ein unmenschlicher Ort, der die Würde von Häftlingen zerstört, Wächter korrumpiert und eher der sozialen Unkrautvernichtung als der Rehabilitation dient. Die im freundlichen Gelb gestrichenen Zellen sind ebenso bloße Fassade wie die im Gang stehenden Pingpong- und Billardtische. Dahinter verbirgt sich ein Apparat, der Individuen platt macht. Im Rahmen seiner Beweisführung arbeitet Mackenzie mit recht plumper Typage, wenn er den aalglatt aussehenden Oberwächter Haynes (Sam Spruell) als eiskalten, empathielosen Schurken inszeniert, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

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Schade ist, dass Mackenzie darüber selbst vergisst, seinem Protagonisten eine zweite Chance zu verleihen. In einer Szene deutet sich an, dass Erics überbordende Aggressionen eventuell durch den Boxsport kanalisiert und entschärft werden könnten – doch leider spürt der Film diesem Hoffnungsschimmer nicht nach. Dafür ist ihm die These vom bösen System einfach zu wichtig.

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