Mauer

Eine hunderte von Kilometern lange Grenzmauer, die größte Baustelle in der Geschichte Israels, soll Israelis und Palästinensern voreinander „schützen“. Durch die Konfrontation mit Einzelschicksalen denunziert der Dokumentarfilm subtil die Blindheit des sicherheitspolitischen Superprojekts.

Mauer

Zum Thema Nahostkonflikt wird in diesem Sommer gleich eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher und mutiger Filme in die deutschen Kinos kommen: Eytan Fox’ Walk on Water (Lalecet Al Hamaim, 2004) setzt die Krisensituation in Israel in Bezug zum Deutschland der dritten Nachkriegsgeneration. Saverio Costanzos Private (2004), auf einer realen Begebenheit basierend, schildert in einer bestechend eindringlichen Dokufiktion den Alltag einer palästinensischen Familie, deren Haus von israelischen Soldaten als Militärstützpunkt genutzt wird. Hany Abu-Assads hochgelobter Paradise Now (2004) wiederum verfolgt zwei junge Männer, die dazu bestimmt sind, sich als Selbstmordattentäter in Tel Aviv in die Luft zu sprengen, und deren Operation gehörig missglückt. Den Auftakt zu dieser Reihe macht der Dokumentarfilm Mauer (Mur) der französisch-israelischen Filmemacherin Simone Bitton, der durch ihre doppelte Identität als Jüdin und Araberin eine privilegierte Perspektive auf den kulturellen Konflikt in Nahost zu Gute kommt.

Mauer

Bittons filmisches Prinzip ist einfach: sie geht mit ihrer Kamera auf die Straße, beobachtet, fragt Menschen, lässt sie erzählen: den enteigneten palästinensischen Bauern, den um Annäherung bemühten israelischen Siedler, den resignierten Kibbuzbewohner, den irakischen Bauarbeiter, den Betonfabrikanten, der sich an dem Mauerbau eine goldene Nase verdient. Die Autorin selbst ist die gesamte Zeit des Films nur aus dem Off zu hören, übrigens genauso wie einige ihrer Interviewpartner, die einen Auftritt vor der Kamera aus Angst vor Repressionen meiden wollen. Interessant und aufschlussreich werden die einzelnen Aussagen in ihrer Zusammenschau, die durch den filmischen Schnitt geleistet wird. Auf der einen Seite stellt der Abteilungsleiter im israelischen Verteidigungsministerium, an seinem Schreibtisch flankiert von zwei Nationalfahnen, das gigantische Bauprojekt in technischen und finanziellen Superlativen vor und schildert mit einer erschreckenden Präzision das ausgeklügelte Zusammenspiel von Kameras, elektrischen Sensoren und Radar in einem Ernstfall. Und der Betonfabrikant beschreibt stolz den Wachtturm, in dem sogar ein chemisches WC und eine Klimaanlage für den Komfort der Soldaten integriert sind, als technisches Meisterwerk. Diese offiziellen Macht- und Souveränitätsbekundungen konfrontiert Simone Bitton mit den Aussagen der einfachen Menschen auf der Straße, die in ihrem Alltag permanent an dieser Betonmauer abprallen. Eine Bewohnerin beklagt sich, weil ihr Stadtteil seit dem Mauerbau von essentiellen öffentlichen Diensten wie der Müllabfuhr abgeschnitten ist. Ein jüdischer Siedler schildert, wie er nach der heldenhaften Rettung zweier jüdischer Kinder durch einen Araber zum ersten Mal seine Nachbarn auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns besucht hat, um ihnen seine Dankbarkeit zu erweisen – einen Tag später wurde diese Annäherung durch den Beginn der Intifada zunichte gemacht. Der irakische Vorarbeiter auf der Baustelle ist froh, dass wenigstens der Lohn stimmt. Hätte er ein Ausreisevisum, wäre er sowieso schon längst über alle Berge. Man kennt sich nicht und geht sich aus dem Weg, weil man Angst voreinander hat. Die Mauer markiert somit nicht nur die physische, sondern auch eine mentale Grenze, die das Versagen der beiden Bevölkerungsgruppen in der gegenseitigen Annäherung repräsentiert.

Mauer

Um das Motiv der Grenze konstruiert sich auch die visuelle Ästhetik des Films. Es gibt keine Vor- oder Rückwärtsbewegungen, sondern nur eine seitlich fahrende oder statische Kamera, die vergeblich einen Weg nach Vorne zu suchen scheint. In unzähligen lateralen Fahrten gleitet die Kamera an der endlos wirkenden Mauer entlang. Häufig behindern Beton und Stacheldraht den Blick. Doch jede Grenze, auch die imposanteste, hat ihre Schwachstellen und ist permeabel. Die letzte Sequenz des Films zeigt Leute, die über die Mauer steigen, Babys über den Stacheldraht heben und sich durch Betonschlitze hindurch unterhalten. Die menschliche Freiheit ist wie Wasser, das sich immer seine Wege bahnt, egal wie groß die physischen Widerstände sein mögen. Das ist die Hoffnung, mit der der Film seinen Zuschauer aus dem Kinosaal entlässt.

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