Mathilde – Eine große Liebe

Ein Mädchen sucht ihren Verlobten, der im Krieg gefallen sein soll. Nach Amélie ist in Mathilde erneut Audrey Tautou Zentrum eines Films Jean-Pierre Jeunets. Sein epochal angelegtes Werk verliert sich leider streckenweise in den Details der Nacherzählungen der Ereignisse.

Mathilde – Eine große Liebe

Wenn Hollywood anruft… Jean-Pierre Jeunet hatte bereits 1997 mit Alien: Die Wiedergeburt (Alien: Resurrection) einen amerikanischen Film gedreht. Wie bei einer solchen Auftragsarbeit üblich - was man kürzlich auch bei Mathieu Kassovitz mit Gothika (2003) beobachten konnte - hatte er sich dabei weitestgehend den dortigen Produktionsstandards angepasst. Mit seinem neuesten Werk ist Jeunet etwas viel Selteneres gelungen: Er hat einen französischen Film mit amerikanischen Mitteln hergestellt. Sein neuer Film, hierzulande mit Mathilde – Eine große Liebe betitelt, ist zwar zum jetzigen Zeitpunkt rechtlich gesehen amerikanisch, so hat ein französisches Gericht befunden, weil er mit amerikanischen Mitteln unter dem Deckmantel einer neugegründeten französischen Firma produziert worden sei. Aber mit einer Französin in der Hauptrolle - dem Star Audrey Tautou - ist der Franzose Jeunet seinem Stil treu geblieben, der auch in den USA viele Anhänger findet, wie der Erfolg seines Vorgängerfilms Die Fabelhafte Welt der Amelie (Le Fabuleux destin d’Amélie Poulain, 2001) hinlänglich gezeigt hat.

Mathilde – Eine große Liebe

In Mathilde – eine große Liebe (Un long dimanche de fiançailles bzw. A very Long Engagement) wird die Geschichte eines verliebten Mädchens erzählt, das auf ihren Verlobten wartet, der im Ersten Weltkrieg wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und für Tod erklärt wurde. In Mathilde wächst das Bedürfnis aktiv zu werden und nach ihm zu suchen. Mit Hilfe eines Detektivs (Ticky Holgado) und eines Anwalts (André Dusollier) folgt sie unterschiedlichen Quellen, trifft mögliche Zeugen und lauscht Nacherzählungen. Immer wieder unterbrochen durch die vielen detailreichen Rückblenden entwickelt sich Mathilde nur schleppend. Die Filterung der relevanten Details wird sozusagen vor unseren Augen vorgenommen: Damit ihr nichts entgeht behandelt Mathilde erst einmal die ihr mitgeteilten Informationen gleichwertig. Beim Schwelgen in den Details der Vergangenheit erscheint der Film trotz dramatisierender Momente somit zunehmend dranglos.

Die dem Film gleichzeitig als Rahmen und roter Faden dienende Liebe zwischen Mathilde und Manech (Gaspard Ulliel) ist auch sein zentrales Problem. Alles wird in Beziehung dazu gesehen, so die Tragik des Krieges und die Nebenhandlungen um die Verwandten anderer Vermisster: Nichts bekommt eine eigenständige Dynamik, obwohl gerade die grandiosen Nebendarsteller (u.a. Jodie Foster und André Dussolier, um nur zwei zu nennen) ohne Zweifel Glanzpunkte des Filmes ausmachen.

Mathilde – Eine große Liebe

Im Dienste der Emotionalisierung steht auch die Musikuntermalung: David Lynchs Hofmusiker Badalamenti hat für Jeunet einen Score komponiert, der den Film nachhaltig prägt, aber, von der Eingangssequenz abgesehen, sich fast ausnahmslos auf den Pfaden konventioneller Hollywood-Musik bewegt. Ungewohnt dezent und eindeutig unterstützt Badalamenti die Dramatik der Liebe, die epochalen Bilder vom Krieg und das Poetische in der Landschaftsdarstellung der Bretagne. Wie bereits in Die Fabelhafte Welt der Amelie und Die Stadt der verlorenen Kinder (La cité des enfants perdus, 1995) schafft Jean-Pierre Jeunet - hier mit Kameramann Bruno Delbonnel - äußerst stilisierte Bildkompositionen, insbesondere durch Bild-in-Bild-Verfahren, gleitende Kamerabewegungen in verschiedensten (Kran-)Fahrten und für die Protagonistin vorteilhafte Lichtsetzung. Beeindruckend ist erneut auch die Inszenierung der Räume: Gerade in den Kriegssequenzen schafft Jeunet eine detailgetreue Nachbildung des Grauens, die sich zugleich durch die Ästhetisierung, wie auch generell das Hässliche und Andersartige, problemlos in die Liebesgeschichte einfügt.

Diese Zusammenführung auf der visuellen Ebene spiegelt sich einerseits durch die Besetzung der zur Identifikation einladenden Figuren mit kantigen, ungewöhnlichen wenn auch mitunter bekannten Gesichtern wieder, andererseits durch das in den Dialogen und Monologen seine Qualitäten offenbarende Drehbuch. Die immer wieder mit Humor durchsetzte Nacherzählung des Schreckens des Krieges – und somit die Einbeziehung des Makabren in den klassischen Plot - gibt der Kriegsgeschichte eine über den Film hinausweisende Legitimierung. In diesen Augenblicken dient die Kriegsdarstellung nicht der Liebesgeschichte, sondern ganz im Gegenteil, bekommen die Liebe und der Krieg reale Dimensionen, die fernab einer Dramatisierung liegen: Jeunet gelingt hier eine eigene Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Vergangenheit.

Kommentare


Martin Z.

Der Film vereint auf geniale Weise drei Genres: zunächst ist es ein Kriegsfilm, mit all der Grausamkeit die dazugehört, dann wie im Titel angekündigt natürlich ein Liebesfilm und schließlich und endlich ein Detektivfilm.
Mathilde will nicht glauben, dass ihr geliebter Manech – ihre Sandkastenliebe - im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Mit schier nie ermüden wollendem Eifer forscht sie, wie und ob er umgekommen ist. Eine Gehbehinderte (Kinderlähmung) sucht einen Toten?
Dabei wird der Zuschauer ständig zwischen Gewissheit über den Tod des Geliebten und neuer Hoffnung, dass er überlebt hat, hin und her gerissen. Der Regisseur arbeitet mit Rückblenden, Traumsequenzen und immer wiederkehrenden Symbolen wie dem Leuchtturm (einem Wegweiser also), einem roten Wollhandschuh (der wohlige Wärme bietet) oder MMM.
Bis in kleine Nebenrollen mit großen Namen besetzt (Jodie Foster z.B.) blitzt sogar hin und wieder etwas Komik auf.
In unheimlich schöne Bilder gehüllt, die einen emotional durch einen aus dem Off eingesprochenen Kommentar eng an die Handlung binden, kommt es zu einem Ende, das glaubhaft, überraschend und wohltuend ist.






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