Material

Material konfrontiert seine Zuschauer nicht nur mit einer sehr persönlichen alternativen Beobachtung der DDR-Auflösung, sondern auch mit ihren eigenen Geschichtsbildern. Material sollte man im Kino schauen, und dann immer mal wieder.

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Immer wieder der kleine drahtige Mann mit den buschigen Augenbrauen und der markanten Intonation: kurz nach dem Anfang des Films, im Mittelteil und unmittelbar vor dem Schluss. Eingangs stehen Theaterproben wegen des Bühnenbildes auf der Kippe, später sind ausgerechnet die beiden Konfliktträger gemeinsam unterwegs, irgendwo, als befänden sie sich auf einem Location-Scouting. Am Ende singt der streitbare Herr ein Lied aus seiner Kindheit. Die Kamera ist immer nah dran, der Filmende scheint dem inneren Kreis anzugehören und bleibt doch distanziert.

Der Blick auf Heises Material hängt sehr stark damit zusammen und auch davon ab, wie nah man selbst diesem Kreis steht, wie vertraut oder bekannt einem das Milieu und die Personen sind. Die Rezeption wird sich darüber hinaus deutlich in Ost und West teilen. Nicht dichotomisch in Zuneigung oder Ablehnung, sondern in Fragen des Zugangs, der Material-Verarbeitung.

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Erst als Heiner Müller im Bild auftaucht, gelingt es mir langsam selbst, die Dinge zueinanderzufügen. Bei dem grantelnden Theatermenschen, der mir bekannt und doch gerade nicht präsent war, handelt es sich um Fritz Marquardt bei den Vorbereitungen zu seiner Inszenierung von Müllers „Germania Tod in Berlin“. Da ich diese Informationen weder im Off noch per Texteinblendung erhalte – wohl aber eine zeitliche Einordnung; der Film beginnt in den letzten DDR-Monaten 1989 –, entwickle ich einen ungewöhnlich subjektiven Blick auf das Material. Ich folge einer Dramaturgie, die mich allerdings wenig bindet, mir Freiraum lässt. Meine Wissenslücken provozieren auf der einen Seite, die beobachtende Grundhaltung des Dokumentarfilms wie ein Co-Regisseur zu adaptieren. Auf der anderen Seite führen die ausgelassenen Anhaltspunkte zu einem bewusst forcierten eigenen Abstraktionsprozess. So ergibt sich ein spannendes Bezugsfeld: Handlungsort und -zeit weisen mir einen deutlichen historischen Rahmen. Da ich mir aber zunächst keinen Reim auf die Personen machen kann, speise ich den Freiraum mit persönlichen Assoziationen. Der Mann, der für mich noch nicht Marquardt heißt, erinnert mich an den eigenen Großvater. Tatsächlich ist er zum Zeitpunkt der ersten Aufnahmen viel jünger, als ich vermute. Mit Regisseur Heise verhält es sich genau anders. Der ist so nah dran an seinem Material, wirkt durch seine Bilder derart vital und agil, dass ich ihn instinktiv jünger schätze. Darüber hinaus denke ich mir eine Vater-Sohn-Beziehung zwischen ihm und Marquardt. Tatsächlich ist Heise kaum jünger als mein eigener Vater und inzwischen Professor. Doch all das verhandelt der Film nicht wirklich, nur für mich.

Tatsächlich berichtet Material von der Wende, und zwar ganz dezidiert aus der Perspektive der sich auflösenden DDR. Wieder drängt sich die eigene Genese als Differenz in den Vordergrund: Bei mir haben sich Bilder von Genscher und Brandt eingebrannt, auch von Mompers rotem Schal, nicht aber Heiner Müller am 4. November 1989. Worum genau es Egon Krenz und Günter Schabowski bei derselben Kundgebung geht, erahne ich nur. Dieses Gefühl des zwar nicht Ahnungslosen, aber eben doch erstmal nur Ahnenden werde ich nicht mehr los. Plötzlich geht es um Strafvollzug. Da sprechen Wärter und Mörder. Es könnte sich um Material eines der unvollendeten DDR-Werke Heises handeln. Die Gefängnisinsassen beklagen sich, wollen raus, den Umsturz miterleben. Es geht um Amnestie, aber noch nicht um die veränderte Rechtslage, mit der sie sich in der BRD, meist zu ihrem Vorteil, konfrontiert sehen werden.

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Auch bei einer Bürgerversammlung in Köpenick bleiben mir die Zusammenhänge weitestgehend schleierhaft, dann sehe ich, aus einem neuen Materialfundus, Herrn Krause, Günther, im Parlament, denke an Kohl, Filz, Korruption, nichts Gutes. Außerdem lerne ich Dr. Peter Stadermann kennen, dessen Stellungnahme zu seiner Stasimitarbeit einen Nerv trifft, schon wieder.

Material zeigt eine ganz persönliche Wendeerfahrung. Sie basiert nicht nur auf Heises Videoresten, sondern setzt sich auch zusammen aus historische B-Nachrichten, Outtakes der Geschichte, Opfer der medial zugerichteten Erinnerung. Den immer wieder auf allen Kanälen runtergedudelten Mauereinrissen setzt der Filmemacher eine Bildfolge entgegen, die von weitaus höherer Ambivalenz gekennzeichnet ist.

Mein Vater hat damals Fernsehsendungen aufgezeichnet, Nachrichtenbilder vom ZDF und aus dem DDR-Fernsehen. Wenig später habe ich eine Leercassette gesucht und die Nummer 32, mit DDR/Wende/Mauerfall beschriftet, überspielt, ich glaube mit Beverly Hills Cop. Vielleicht wird es Zeit, den Verlust zu ersetzen und Material ins elterliche Regal zu stellen.

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