Match Point

Ein Tennislehrer freundet sich mit seinem reichen Schüler an, trifft dessen Schwester, begehrt dessen Verlobte und das Chaos nimmt seinen Lauf. Woody Allen filmte Match Point in London, unter anderem nach Motiven Fjodor Dostojewskis.

Match Point

Den Namen Woody Allen verbindet man seit jeher mit seiner geliebten Heimatstadt New York, mit amerikanischen Stars, der feinen Sezierung der Widrigkeiten des Zwischenmenschlichen in gepflegter Mitteklasseumgebung, tragisch-komischen Dialogen und Jazz-Musik der 30er und 40er Jahre – mit wenigen Ausnahmen, wie Allens Musicalversuch Alle sagen: I love you (Everybody says: I love you, 1996), der in Venedig spielte.

Mit Match Point hingegen verwehrt sich Allen der selbst geschaffenen Tradition: Musikalisch untermalt wird der Film von Opernmusik, die die Tragik der wenig komischen Geschichte untermauert, der Schauplatz ist die britische Hauptstadt, die Schauspieler – mit Ausnahme der beeindruckenden Scarlett Johansson – sind Briten. Einzig die präzise Entlarvung der Handlungsmotive seiner Hauptcharaktere ist geblieben, oft durch das gnadenlose Verharren der Kamera auf dem Gesicht eines der Protagonisten, während alle anderen um diesen herum über scheinbar Belangloses sprechen.

Match Point

Chris Wilton (Jonathan Rhys Meyers) ist ein begabter Tennisspieler, der inzwischen aber als Tennislehrer sein Geld verdient, weil er sich, nach eigener Aussage, nicht wieder in den Turnierzirkus begeben will, in dem er einst mit mehr oder weniger Erfolg agierte. Er lernt den Upperclass-Zögling Tom Hewett (Matthew Goode) kennen, der ihn in den Kreis seiner reichen Familie einführt. Toms Schwester Chloe (Emily Mortimer) verliebt sich in den lethargischen Chris, der wiederum ist gebannt von der sinnlichen Ausstrahlung Nola Rices (Scarlett Johansson), Toms amerikanischer Verlobter. Trotzdem heiratet er Chloe und fügt sich fortan perfekt den Anforderungen, die seine neue Umgebung an ihn stellt – bis Tom und Nola sich trennen und Chris die Amerikanerin nach einiger Zeit zufällig wieder trifft.

Nicht ganz zufällig lässt Allen seinen jungen Protagonisten, der sich so ernst und doch unorientiert durchs Leben gleiten lässt, schon zu Beginn des Films mit einer Ausgabe von Fjodor Dostojewskis Schuld und Sühne hantieren. Der Roman über den armen russischen Jura-Studenten Raskolnikow, der eine Theorie der „außergewöhnlichen“ Menschen entwickelt, die natürliche Vorrechte genießen sollten, und im Zuge dessen auch vor Mord an den „gewöhnlichen“ nicht zurückschreckt, ist eine der Vorlagen für Match Point; aber der Film ist keine Adaption, vielmehr bedient sich Allen lediglich verschiedener Motive. Chris Wilton heißt hier der Raskolnikow-ähnliche Charakter in Match Point, ein Mann, der sich hin- und hergerissen fühlt zwischen seinem gesellschaftlichen Ehrgeiz und dem ganz realen Begehren, das er für die Amerikanerin Nola empfindet. Hier hat sich Allen offensichtlich bei Theodor Dreisers 1925 erschienenem Roman An American Tragedy bedient, der Geschichte eines Mannes, dessen Verlangen nach Reichtum und Status seinen Sinn für Moral außer Kraft setzt.

Match Point

Perfektes Casting ist für Allen eine wichtige, vielleicht die wichtigste Vorarbeit. Mit der Besetzung von Jonathan Rhys Meyers als Chris ist seiner Agentin Juliet Taylor, die diesmal von ihrer britischen Kollegin Gail Stevens unterstützt wurde, ein glücklicher Griff gelungen. Der schöne Ire wirkt so glatt und kantenlos, dass er als Projektionsfläche für die Wünsche seiner Umgebung wunderbar taugt. „Everybody loves you at work.“ sagt Chloe einmal zu ihm. Nicht nur dort, Chris ist überall beliebt. Sein Gegenstück ist der Part der New Yorkerin Johansson, die in ihrer Rolle sämtliche Aspekte der neurotischen Persönlichkeit ihrer Figur ausloten darf – ein Kunststück, das ihr meisterhaft gelingt. Die weiteren Darsteller stehen Meyers und Johansson in nichts nach, sei es Brian Cox als sympathischer Patriarch der Hewett Familie, Emily Mortimer, die gerade in Lieber Frankie (Dear Frankie, 2004) als allein erziehende Mutter überzeugte, oder Matthew Goode, der in seinem Spiel an den jungen Rupert Everett erinnert.

Die Charaktere tummeln sich im stilvoll eingerichteten Appartement gegenüber vom Big Ben, auf dem großen Landsitz oder in Nolas bescheidener, aber gemütlicher Wohnung. Anders als in den New Yorker Filmen sind diese Schauplätze aber nicht im schlichten Intellektuellen-chic gehalten, sondern wirken überladen und voll gestellt, man möchte fast sagen übersättigt – genau wie das Leben der Protagonisten. Wie immer nutzt Woody Allen beim Setdesign vor allem warme Töne, die Harmonie vortäuschen, wo eigentlich keine herrscht. Umso mehr schocken die – besonders für Allen, einem Meister der Darstellung unterschwelliger Emotionen – drastischen Wendungen, die die Geschichte nimmt.

Match Point

Match Point ist, oberflächlich betrachtet, ein sehr ungewöhnlicher Film für den 1935 geborenen New Yorker Künstler. Bei genauerem Hinsehen erweist sich das Werk jedoch als ebenso erbarmungslos und gekonnt in der Offenlegung menschlicher Schwächen wie seine Vorgänger, besonders im Vergleich mit den von Ingmar Bergman inspirierten Dramen September (1987) oder Eine andere Frau (Another Woman, 1988). Ein nicht zu unterschätzender Unterschied ist allerdings, dass seine bisherigen Hauptfiguren meist moralisch-ethische Grenzen ausloteten, während Chris Wilton diese, zwar unter seelischem Druck stehend, ohne Konsequenzen überschreitet. Und so bleibt man zurück, nicht mit einem Lächeln, sondern mit bitterem Nachgeschmack, aber dem Wissen, dass Woody Allen noch immer ein brillanter Analyst und Erzähler ist, der offensichtlich Lust hat, sich an Neuem zu versuchen.

Kommentare


Coal

Keine Ahnung, warum ich in diesen Film gegangen bin. Von W.Allen halte ich eigentlich nicht viel. Vielleicht hats mir das Poster so angetan?! Na egal...der Film hat mich sehr angenehm überrascht. Ein Plot, der von vorn bis hinten durchdacht ist, wie kein zweiter. Dazu Miss Johannson...ein 2-stündiges Standbild von ihr würde den Eintrittspreis rechtfertigen!
Das Ende ist im Gegensatz zu 99% anderer Filme überhaupt nicht zu erahnen. Kurzum: Ein Film, der nicht ansatzweise Grund zu negativer Kritik zuläßt!


Sissi

Ich finde den Film einfach unglaublic. Er stellt die Themen Leidenschaft, soziale Unterschiede, Lust usw unglaublich gut dar, dass man mitfüllen muss. Ich denke man ist als Zuseher entwas gespalten, weil man Jonathan Rhys Meyers einfach nicht böse sein kann. Und seine sinnlichen Lippen! Der Film hat sich auf jedenfall ausgezehlt anzuschauen!


Marie-Antoinette

ich finde, der charakter der hauptfigur (j. rhys-meyer; keine ahnung wie er im film heißt) ist das beste am ganzen film. er gibt dem film pfeffer. diese unglaubliche unberechenbarkeit und eiskaltes kalkül machen diese figur beinahe zu etwas mystischem


Martin Z.

Hier versucht sich Woody Allen an einem Krimi, obwohl er in diesem Genre eigentlich nicht zu Hause ist. Aber er löst seine Aufgabe mit Bravour. Er nimmt den entscheidenden Aspekt vom Tennis: der Ball springt an der Netzkante hoch und…Um diese Idee rankt er einen genialen Krimi. Anfänglich führt er uns in die Welt der Reichen. Nur die gute Ensembleleistung (besonders die von Jonathan Rhys-Meyers und Scarlett Johannson) und die pompöse Ausstattung wecken unser Interesse und halten uns am Bildschirm. Doch dann verdichtet er die Handlung zu einem Spitzenkrimi um den perfekten Mord. Der Täter entkommt, weil ein weggeworfener Ring wie zuvor der Tennisball am Ufergeländer emporspringt und in die falschen/richtigen Hände gerät. Der Zufall spielt hier eine entscheidende Rolle, ohne den der perfekte Mord nicht möglich wäre. Die Spannung bleibt bis zum Schluss hoch, immer wieder verzögert sich die Aufklärung des Falles. Vielleicht Allens genialster und auch spannendster Film, gewürzt mit einer guten Priese Sex.






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