Master of the Universe

Die transparenten Mauern: Der „Blick hinter die Kulissen“ ist längst selbst ein Mittel der Verschleierung geworden.

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Ein merkwürdiger Satz ist es, den Regisseur Marc Bauder in seine Pressemappe zu Master of the Universe diktiert hat: „Man kann das von außen gar nicht sehen, da alles so schön verglast ist.“ Ein schräger Kausalzusammenhang: nicht einsehbar, weil verglast? Aber im Kontext ergibt die Bemerkung durchaus Sinn, denn Bauder spricht von den Bankhochhäusern im Frankfurter Finanzdistrikt und davon, wie viel Leerstand mittlerweile herrscht hinter den spiegelnden Fassaden dieser nur vermeintlich durchsichtigen Statusgebäude, wie viel abgestorben ist, heimlich verschwunden; seit 2007, seit Lehman Brothers, seit Anfang der Krise. Während der Euroraum weiter erodiert und Dow Jones und Dax erneut Rekordmarken erklimmen.

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Transparenz ist das Leitmotiv dieses filmlangen Interviews, in metaphorischer wie inszenatorischer Hinsicht: Transparenz als architektonischer Stil, als moralische Forderung, als Geste der Entblößung – und als gewiefte Verschleierungstaktik. Nur ein Protagonist kommt zu Wort, der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss. Und nur zwei Schauplätze gibt es, die Straßenschluchten des mal durchsichtigen, mal spiegelnden „Mainhattan“ und das Innere eines zumindest teilweise leer stehenden Banktowers.

Master Of The Universe will, das ist offenkundig, einen Blick hinter die Kulissen der Finanzwirtschaft ermöglichen, jener mysteriösen Welt, die so viel realen Schaden hat anrichten können, ohne dass die Mehrheit von uns letztlich wüsste, wie diese Welt funktioniert. Aber es ist fragwürdig, ob der Film solche Einblicke wirklich bereithält oder ob er nicht vielmehr selbst, mit und aufgrund seiner Hauptfigur, auf das Spiel aus vermeintlicher Offenlegung und tatsächlicher Verschleierung hereingefallen ist.

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Die leer geräumten Konferenzsäle und Empfangshallen, durch die Bauder seinen Insider-Informanten wandern lässt, liegen nackt und bestimmungslos im Winterlicht. Manchmal bleibt Voss stehen und erzählt, was hier wohl einmal stattgefunden hat und vielleicht bald stattfinden wird. Im Trading-Room, dem Herz jeder Investmentbank, zum Beispiel, wo sich Hunderte ehrgeiziger Jungbanker über ihre Bildschirmbatterien hinweg Fragen und Tipps zubrüllten. Obwohl: Das war vor den Zeiten von Chats und WhatsApp, heute ist das Geräuschniveau leiser, man schreibt seinem Nebenmann, anstatt zu schreien. Manchmal blickt Voss auf das Hochhauspanorama, saugt diese spezielle, auch immer etwas lächerliche Frankfurter Große-Welt-Ästhetik in sich auf und spricht von den soldatischen Befehlsstrukturen hinter den Glasfronten, der Fron der Banker, dem nächtelangen Bearbeiten von Blödsinnsaufgaben. Und dann, wenn es dunkel wird, werden auf einmal die einzelnen Büros sichtbar, die kleinen Menschen, die da noch sitzen und sich verdient machen für ihren Boss.

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Neben Kabel-Lianen, die aus Wand und Boden wuchern, spricht Voss von der Rolle, die die immer schnelleren Computerverbindungen bei der Herbeiführung der Krise gespielt haben. Bei einer durchschnittlichen Aktien-Haltedauer von 22 Sekunden (Um das zu unterstreichen: Man ist Anteilseigner eines Unternehmens für weniger als eine halbe Minute!), bei algorithmisch festgelegten Erschütterungen des Marktes, bei Billionen von Transaktionen täglich hat derjenige die besten Chancen, der den schnellsten Rechner hat. Das heißt: Großkonzerne.

Voss, der Hauptdarsteller, ist vor allem Selbstdarsteller. Seine Mitwirkung an diesem Projekt ist kein heroischer Akt, sondern ein durchdachter Deal, ein Geschäftsrisiko. Ohne sich selbst zu entblößen und mit großer Nachsicht gegenüber der eigenen Biografie kann er im Rampenlicht des Kinos einmal auspacken. Was zählt, ist weniger der faktische Gehalt seiner Ausführungen als die Geste, denn noch immer übt sich die Bankingwelt in fast sektiererischer Verschwiegenheit. Insofern ist Voss ein kleiner Verräter, doch Ansehen in neuen Kreisen ist auch Kapital. Vor allem, wenn die alten Kreise in der Öffentlichkeit weiterhin schlecht beleumundet sind.

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Voss ist kein Whistleblower, nennt keine Namen, sagt nichts, was man nicht mit etwas Zeit auch in Eigenrecherche herausfinden könnte. Ja, mittlerweile werden Staaten von Investoren attackiert. Ja, die Privatanleger sind am Ende meist gelackmeiert. Doch Voss spricht eloquent, gibt auch lang bekannten Informationen noch einmal Nachdruck, bringt abstrakte Verhältnisse auf den Punkt und findet vor allem die richtigen Gleichnisse, um so ungegenständliche Finanzprodukte wie Mortgage Backed Securities oder Credit Default Swaps zu erklären. Besonders eindrücklich bleibt die Sequenz, in der er mit dem Mythos des vernünftigen Marktes aufräumt. Niemand versteht, was eigentlich dort vor sich geht, „keine Einzelperson kann die Rechnungslegung der Deutschen Bank verstehen“. Also treffe man Entscheidungen aus dem Bauch heraus, was heißt: Millionen Banker weltweit treffen täglich millionenfach Unsicherheitsentscheidungen. Kein Wunder, wenn da mal was schiefläuft.

Voss selbst war von Beginn an dabei, auch schon in den von ihm als wild und unschuldig beschriebenen 1980er und 90ern, in der weitgehend prädigitalen Zeit, als man noch vergleichsweise wenig Schaden anrichten konnte mit den Tricksereien um Schulden, Zinswetten und Prognosen. Heutzutage jedoch könne schon ein kleiner Banker gigantische Verheerungen auslösen, weil über seinen Screen stündlich Milliardensummen zittern.

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Voss’ Präsenz in den leeren Hallen wird mehr und mehr zu einem ganz eigenen Gegenstand der Auseinandersetzung, der sich nicht in den behandelten Themen auflösen will. Vielleicht denkt man an Don Draper und an diesen speziellen, fast theatralischen Hang zum ostentativen Dichtmachen, den erfolgreiche Männer zeigen, wenn es ums Private geht: um die Frau, die Familie, Entscheidungen pro Arbeit und kontra Elternzeit. „Komm, lass sein. Da hab ich jetzt nix mehr zu sagen.“ Spiegelt sich hier in der Intimbeobachtung vielleicht die zentrale Logik des Films? Diejenige vom Glas und den angenommenen Büros dahinter, die es immer öfter gar nicht gibt? Die harte Schale, sie soll die dahinter versteckten Gefühle beweisen. Wo ein Zaun ist, muss es schließlich etwas zu beschützen geben. Wo Hochhäuser stehen, muss es um große Geschäfte gehen. Die Hülle soll den Kern bezeugen, doch der Kern zerfällt.

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