Master of the Forges of Hell

Ein Versuch, das Unbegreifliche zu begeifen. Rithy Panh kehrt noch einmal zur „Todesmaschine“ der Roten Khmer zurück.

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Der Regisseur Rithy Panh kennt sich mit dem Leid, dass die Roten Khmer verursacht haben, nur zu gut aus. Seine Eltern kamen im Kambodscha der 1970er Jahre in einem der zahlreichen Arbeitslager ums Leben, während er selbst nach Frankreich flüchtete, dort Film studierte und sich nach seiner Rückkehr in mehreren dokumentarischen und fiktiven Filmen des traurigen Schicksals seiner Heimat annahm. Es wirkt so, als wollte er das Unbegreifliche verstehen, indem er sich immer und immer wieder mit den schmerzhaften Ereignissen aus der Vergangenheit, aber auch mit deren Nachwehen konfrontiert.

In seinem wohl bekanntesten Dokumentarfilm, S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer (S-21, la machine de mort Khmère rouge, 2003), besucht der Regisseur jenes ehemalige Schulgebäude, das als Hauptquartier der zahlreichen Folterungen und Tötungen galt. Und obwohl der Filmemacher emotional direkt beteiligt ist an seinem Gegenstand, zwingt er sich zur Sachlichkeit und verhaltenen Empathie, wenn er die wenigen überlebenden Insassen befragt oder ehemalige Wärter Verhöre nachstellen lässt.

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Rityh Panh möchte noch immer begreifen. Und so kehrt er fast ein Jahrzehnt später mit Master of the Forges of Hell (Duch, le maître des forges de lenfer) zurück an diesen Ort des Grauens. Diesmal hat sich jedoch die Aufmerksamkeit von den Opfern auf die Täter verlagert, genau genommen auf einen einzigen Mann, der für die Folterung und Tötung von über 14.000 Menschen verantwortlich ist. Da sitzt er nun, Kaing Guek Eav, besser bekannt als Duch. Ein älterer gebildeter Herr, der einmal ein Lehrer voller Ideale war und der, wüsste man nicht um seine Taten, geradezu sanftmütig erschiene. Vor einem mit Dokumenten und Fotografien übersäten Tisch gibt er mit ruhiger Stimme detailliert Auskunft über den Alltag in der „Todesmaschine“, erzählt von der Tortur einzelner Gefangener und rekonstruiert bürokratische Vorgänge.

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Alles, was nicht ins System passte, wurde damals weggesperrt, Unschuldige unter hanebüchenen Vorwänden gefoltert, mit Stöcken penetriert, bewusstlos geprügelt, gezwungen, ihre Exkremente zu essen und ihre Freunde zu denunzieren. Der Film geht auf kluge Weise mit seinem Sujet um, weiß genau, dass solche nüchternen Schilderungen schon für sich sprechen und nicht durch manipulierende formale Mittel ausgestellt werden müssen. Lediglich die stets nur dezent im Hintergrund zu hörende Musik von Marc Marder unterstützt den ernsthaften Erzählton des Films, anstatt auf emotionale Überwältigung zu setzen.

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Heute sitzt der mittlerweile zum Christentum konvertierte Duch im Gefängnis, noch für den Rest seines Lebens. Während des Gesprächs bleibt er eine zutiefst ambivalente Figur. Den Momenten, in denen er Reue zeigt und sich zum Opfer stilisiert, stellt Panh Szenen gegenüber, in denen er an unpassenden Stellen lacht oder seine ehemals Untergebenen Folterungen nachstellen, die seinen Schilderungen widersprechen. Es ist klar, dass man mit so einem Menschen kein Mitleid haben möchte, und doch gelingt es Master of the Forges of Hell, die Rolle von Duch und damit auch der zahlreichen Täter der Roten Khmer in ihrer ganzen Komplexität nachzuzeichnen. Panhs Film brennt sich nicht deshalb ins Gedächtnis ein, weil er das Gespräch mit einem Monster zeigt, sondern weil das Monster nur bedingt eines ist.

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Die Wahrheit, so lehrt uns der Film, ist niemals so einfach, wie wir es gerne hätten. Panh archiviert zwar auf quälend ausführliche Weise die Gräuel im Gefängnis, beharrt aber auch auf der Unmöglichkeit vereinfachender Schuldzuweisungen. Nur weil sich Duch hinter seinem Schreibtisch versteckt hat und die Drecksarbeit anderen überließ, nur weil ihm vielleicht ein Gefühl für das Ausmaß seiner Anweisungen abhanden gekommen ist, kann man ihn noch lange nicht als unschuldig bezeichnen. Trotzdem drängt sich immer wieder die Frage auf, ob er vielleicht doch nur ein Rädchen im Getriebe eines inhumanen Systems war. Eines Systems, das es seiner Bevölkerung erschwerte, sich durch Passivität nur indirekt schuldig zu machen. Wiederholt hält Duch Zettel in die Kamera, auf denen typische propagandistische Phrasen aus der damaligen Zeit zu lesen sind. Es sind Zeugnisse eines Regimes, in dem jeglicher Individualismus gebrochen wurde, in dem alles, was nicht den strengen Vorlagen entsprach, systematisch entmenschlicht und ausgelöscht wurde.

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Damit zeigt Panh auch, wie stark die Handlungen Duchs in eine bestimmte Ideologie eingebunden waren. Immer wieder blendet er propagandistische Archivaufnahmen ein, die veranschaulichen, wie sich das ganze Land in ein einziges Arbeitslager verwandelte. Nicht der militärische Apparat, sondern die gesamte Zivilbevölkerung läuft, gehüllt in ein uniformes Schwarz, in einer Massenchoreografie über die Reisfelder und wird zum Instrument einer alles verschlingenden Ideologie. In so einer Gesellschaft gibt es keine Alternativen, nur das Befolgen von Befehlen, um zumindest die eigene Haut zu retten. Das heißt keineswegs, dass Duch durch seinen Opportunismus von seiner Schuld befreit wird, jedoch verliert der Film nie das Bewusstsein dafür, wie komplex die Rolle von Tätern in repressiven Regimes sein kann.

Trailer zu „Master of the Forges of Hell“


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