Masks – Kritik

Die Kulturtechnik der Hommage führt in eine Sackgasse: Andreas Marschalls Berliner Giallo Masks.

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Die junge – und, dies legt jedenfalls ein die Filmerzählung einleitendes Vorsprechen nahe, nicht im Übermaß begabte – Schauspielerin Stella erhält von einem Theaterregisseur anstelle des ersehnten Engagements einen verlockenden Tipp: die Schauspielschule Matteusz Gdula, in Britz am Berliner Stadtrand, unterrichte nach einer längst vergessenen, radikalen Schule des Method Acting und vermöge es somit, ungeahnte Potenziale der Darstellungskunst zu erschließen. Enthusiastisch ergreift Stella die vermeintlich letzte Hoffnung auf die Bühnenkarriere, doch in den expressiv ausgeleuchteten Fluren der Schule scheint sich Unheimliches zu ereignen: Verstört wirkende Mitschülerinnen verschwinden spurlos, ein Mörder geht um und verrichtet mit schwarzen Handschuhen ein blutiges Werk.

Das alles klingt natürlich recht vertraut, denn Masks, nach dem ambitionierten Anthologiefilm Tears of Kali (2004) der zweite unabhängig und mit Minibudget inszenierte Spielfilm des deutschen Regisseurs Andreas Marschall, versteht sich als Hommage. Mit Mario Bava, Dario Argento und Sergio Martino ist er dreien der bedeutendsten Filmemacher des Giallo gewidmet – jener Spielart des hyperstilisierten, hypersexualisierten italienischen Horror-Kriminalfilms also, die spätestens mit dem weitgehenden Sterben der italienischen Genrefilmproduktion Ende der 1980er Jahre ebenfalls endgültig zu den Akten gelegt schien und nun, zuletzt bewies es etwa der grandiose Experimentalhorrorfilm Amer (2009) von Hélène Cattet und Bruno Forzani, eine kleine Renaissance erlebt.

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Masks aber, und hier muss bei aller Sympathie für das sicht- und spürbar aus Liebe entstandene Filmprojekt eine kritische Betrachtung ansetzen, ist dann doch bedeutend schlichter gestrickt in seiner Aufarbeitung der stilistischen Schablone Giallo. Genau genommen ist er schlichtweg ein verkapptes Remake, ausgerechnet von Dario Argentos Suspiria (1977) – jenem zwar nicht lupenreinen, aber doch mit den stilistischen Kunstgriffen des Giallo operierenden Horrorfilm, den nun wirklich jeder, der auch nur einen Funken Interesse für das italienische Genrekino aufbringt, kennt und innig liebt. Und gerade das macht den Ansatz von Masks so problematisch: Suspiria ist beileibe kein verschütteter Film, der wiederentdeckt werden müsste, sondern ein zentraler Klassiker der europäischen Populärkultur, und zudem ein Meisterwerk, an dem man sich eigentlich nur die Zähne ausbeißen kann.

Auch Hollywood hat bereits, unter der Regie des immerhin erwiesenermaßen vielseitigen David Gordon Green für 2013 angekündigt, eine Neuauflage von Suspiria im Ärmel, und reflexhaft mag hier der von nicht wenigen miesen Klassiker-Remakes genährte Verdacht anspringen, einmal mehr habe Hollywood von einer ikonischen Vorlage eher allerlei abzuziehen als Nennenswertes hinzuzufügen. Masks ist nun unter denkbar anderen Vorzeichen und einfachsten Bedingungen produziert – auf die Frage, wozu nun aber eigentlich das Ganze, findet sich dennoch nur schwerlich eine Antwort.

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Diesen Grundsatzvorbehalt vermögen auch seine durchaus vorhandenen atmosphärischen Stärken nur teilweise zu relativieren – und zwar, weil all der Stilwille, der darin handwerklich meist recht geschickt eingeschrieben wird, im großen Ganzen schlichtweg verpulvert erscheint. Was nützt die schönste inszenatorische Miniatur, wenn sie in einem Meer aus Uneigenständigkeit zu ertrinken droht? Und Masks ist, man muss das so harsch formulieren, ein Film, der keine eigene Idee hat und wohl auch nicht im Ansatz die Notwendigkeit eines eigenen Beitrags zur herbeizitierten formalen Schablone des Giallo in Betracht zieht.

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Dies ist nicht einmal unbedingt ein spezifisches Problem von Marschalls Film, sondern es ist ein Grundzwiespalt zahlreicher Vertreter jener Form der Retro-Ästhetik, die einen Teil des Genrekinos seit Jahren prägt. Die Hommage an prägende und heißgeliebte Werke der eigenen filmischen Sozialisation ist zunehmend aus einer etwas nerdigen Nische des Gegenwartskinos herausgerückt und zu einem stilprägenden Erfolgsrezept avanciert, und der Zustimmungsreflex dazu ist natürlich umso größer, je näher dem Rezipienten selbst die zitierten Werke liegen. Letztlich aber führt diese Form der Auseinandersetzung mit Kinogeschichte nur rasant in eine Sackgasse, in der sie dann betriebsam rotiert, ohne jemals irgendwo anders anzukommen als am Ausgangspunkt: bei einem Kino, das im Grunde nichts anderes will und tut, als immer wieder aufs Neue die DVD-Sammlung seiner Macher zu verfilmen.

Ein Filmklassiker ist natürlich niemals eine heilige Kuh, an der sich die Recycling-Kultur des Gegenwartskinos nicht vergreifen dürfte. Das Remake ist eine gangbare Form der Auseinandersetzung mit bedeutenden Werken der Kinogeschichte, nur: es kann erfolgreich eben nur aus der Position grundsätzlicher, legitimer Anmaßung des Filmkünstlers heraus entstehen. Egal wie bedeutend, wie ikonisch oder makellos die Vorlage auch erscheinen mag – als Ausgangspunkt für eine Neuadaption ist zwingend der Anspruch des Regisseurs vonnöten, seinem Vorgänger etwas hinzuzufügen zu haben. Alles andere ist nur Mimikry, Maskerade, Vintage.

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In Anbetracht des eigenen Anspruchs schlägt sich Masks durchaus wacker: besonders in den Schlüsselsequenzen verdichtet sich die Atmosphäre zu eindrucksvollen Affekten, und Farbdramaturgie und Soundtrack sind stellenweise beinahe makellos der Stilvorlage nachempfunden. Die manchmal etwas umständliche Narration jedoch bewegt sich allzu brav und allzu unambitioniert – vielleicht gar: allzu ehrfürchtig? – an den Eckpunkten von Suspiria entlang, ohne den analytischen Mehrwert von Amer sowieso, aber auch ohne eine schlüssige Antwort auf die bald zwingend erscheinende Frage anzubieten, warum man sich dabei eigentlich nicht langweilen sollte.

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