Martha Marcy May Marlene

Eine junge Frau bricht aus ihrer Sekte aus. Mit einem stilistischen Kunstgriff überträgt Sean Durkins Drama die Desorientierung der Hauptfigur auf den Zuschauer.

Martha Marcy May Marlene 1

„Wie weit weg sind wir?“, fragt Martha ihre Schwester. „Wovon?“, antwortet diese. „Von gestern.“ Gestern – das war der Tag, an dem Martha (Elizabeth Olsen) beschloss, dass aus Marcy May wieder Martha werden müsse. Vor einiger Zeit war sie vor den einengenden Regeln der Gesellschaft in die vermeintliche Freiheit einer Hippie-Sekte geflohen. Dort hatte sie ihren Namen abgelegt, alle Verbindungen zur Außenwelt gekappt und war zu Marcy May geworden. Doch die erhoffte Regellosigkeit des kommunenartigen Miteinanders erwies sich als ebenso rigider Käfig wie jenes von Konventionen und Verboten durchzogene Dasein, vor dem Martha einst Reißaus genommen hatte.

Abwechselnd erzählt Martha Marcy May Marlene (2011) vom Leben der Protagonistin in der Sekte und ihren Resozialisierungsversuchen nach der Flucht. Dabei wird immer deutlicher, dass es mit dem Weglaufen allein nicht getan ist, weil die Vergangenheit bis in die Gegenwart fortwirkt und Marthas Rückkehr zur Normalität behindert.

Martha Marcy May Marlene 03

Regisseur Sean Durkin verwebt diese zwei zeitlichen (und kausalen) Ebenen kunstvoll miteinander – Vergangenheit und Gegenwart, Ursache und Wirkung. Elegante Match Cuts verbinden die einzelnen Episoden und lassen die häufigen Ortswechsel wie eine Parallelmontage erscheinen, obwohl der Film zeitlich disparate Momente nebeneinander stellt. Am schönsten gelingt dies, als Martha einmal aus einem Boot in den See springt und genau in diesem Moment zu einer Szene geschnitten wird, in der wir die Protagonistin von einem hohen Felsen aus in einen Teich fallen sehen.

Der erste Handlungsstrang in Martha Marcy May Marlene führt zunächst in den Alltag der Gruppe ein, die ein einfaches, zurückgezogenes Landleben führt und ihren Mitgliedern als Familienersatz dient. Schon bald aber werden erste Risse in der idyllischen Fassade sichtbar. Männer und Frauen essen getrennt, die Arbeit in Haus und Garten bleibt vorwiegend den Frauen überlassen, der Guru Patrick (John Hawkes) beutet sie auf demütigende Weise sexuell aus. Martha lässt das über sich ergehen, doch spätestens als einem neuen Mitglied heimlich Drogen verabreicht werden, um es gefügig zu machen, entstehen erste Zweifel bei ihr. Als sie nach einem missglückten Einbruch, mit dem sich die Gruppe Geld beschaffen wollte, auch noch von Patrick bedroht wird, reift in ihr der Entschluss, sich von der Sekte zu lösen.

Martha Marcy May Marlene 02

Doch die Wiedereingliederung in die Gesellschaft fällt Martha schwer. Obwohl ihre Schwester Lucy (Sarah Paulson) die traumatisierte junge Frau äußerst nachsichtig behandelt und dafür sogar Ehestreitigkeiten riskiert, kommt es immer wieder zum Krach. Wie einem Kleinkind muss Lucy ihrer Schwester alles neu zeigen und erklären, Verhaltensnormen vermitteln. Denn Martha setzt sich nicht nur auf Tische statt Stühle, sondern geht im prüden Amerika unbefangen nackt schwimmen und kriecht nachts zu Lucy ins Bett, während diese mit ihrem Mann schläft. Bei einem Abendessen eskaliert der Konflikt schließlich, als Martha offen den materialistischen Lebensstil des Ehepaars attackiert.

Der Schnitt von Zachary Stuart-Pontier verleiht Durkins Drama nicht nur eine künstlerische Note, sondern sorgt auch für Verwirrung und Spannung, weil zunächst oft unklar ist, wo und wann die neue Sequenz angesiedelt ist. Mehrfach werden Bewegungen, Anordnungen oder Einstellungen aus einer Szene direkt nach dem Schnitt wieder aufgenommen, sodass der Eindruck einer zeitlichen und räumlichen Kontinuität entsteht, obwohl die sich anschließende Einstellung an einem anderen Ort, zu einem anderen Zeitpunkt spielt. Diese bewusst erzeugte Desorientierung des Zuschauers wird zusätzlich durch gelegentliche Bild-Ton-Scheren und eine spärliche Beleuchtung verstärkt, die vieles im Dunklen lässt.

Martha Marcy May Marlene 04

Marthas zunehmend stärker werdende Paranoia intensiviert die Spannung noch. Sie entdeckt immer mehr vermeintliche Indizien dafür, dass die Sektenmitglieder ihren Ausstieg nicht akzeptieren und kommen werden, um sie zurückzuholen. An einer entscheidenden Stelle des Films blicken wir in die vor Angst geweiteten Augen Marthas. Während sie versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, wird sie von ihrer Furcht beherrscht.

Martha Marcy May Marlene, der Gewinner des Regiepreises beim Sundance Festival 2011, ist ein zurückhaltender Film, der in seiner Differenziertheit auf unnötige Dramatisierungen verzichtet. Die Erwartungshaltung des Zuschauers, dass zwischen Martha und Lucys Mann sexuelles Verlangen entstehen könnte, bedient Durkin nicht und vermeidet so ein Klischee. Er springt auch nicht auf den Zug auf, mit seinem Film ein explizites politisches Statement abgeben zu wollen. Anders als in Kevin Smiths Red State (2011) handelt es sich bei der Sekte nicht um rechtskonservative Christen, sondern um eine Ansammlung weitgehend unpolitischer Charaktere. Zwar ließe sich der Hippie-ähnliche Lebensstil der Gruppe als links einordnen , allerdings wird mit zunehmender Spieldauer immer klarer, dass die Aussteiger keine politischen Ziele verfolgen und kaum spezifische Werte vertreten. Die Zwänge, die das Leben in diesem zunächst verheißungsvollen Milieu mit sich bringt, mögen andere sein als in der kapitalistischen Existenz des gesellschaftlichen Mainstreams – frei aber ist Martha in keiner der beiden Welten. Als sie endlich den Kantischen Mut aufbringt, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, statt von ihrer Sekte gesteuert zu werden, hat sie die Suche nach Freiheit daher längst aufgegeben – ihr Ziel besteht nur noch darin, die erträglichere Form der Unfreiheit zu finden. Und sich selbst.

Trailer zu „Martha Marcy May Marlene“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Leander

Produzent: Die Fox-Sekte[1].

Inhalt: Marcy gehört nicht nur zur Sekte[1] der schwachen Frauen sondern auch zur Sekte[1] der Gitarre spielenden Chauvi-Öks. Letzterer will Sie nun austreten. Weil Sie aber auch zur ersten gehört, traut Sie sich nicht so richtig, auf den Tisch zu klopfen und den Chauvi-Öks zu sagen: "Ich will bei eurer Sekte[1] nicht mehr mitmachen, ihr Macho-Schweine. Tschüss.". Daraus entwickeln sich ein paar nicht sehr spannende Irrungen und Wirru.... zzzzz. Die restlichen Neun Zehntel des Films hab ich ausgelassen, denn Ich gehöre zur Lässt-sich-nicht-behupsen-Sekte[4]

[1] Sekte: Untergruppierung der Normal-Sekte[2], die sich für den Geschmack der meisten[3] zu weit aus dem Fenster der Normal-Sekte herauslehnt, aber unter dem Schutz der Klugen[4] steht (oder so peinlich ist - Beispiel Fox-Sekte - dass keiner was mit ihr zu tun haben will).

[2] Normal-Sekte: anderes Wort für: "Freie Welt", "Homo Sapiens", "Die Guten", "Die, die Recht haben"

[3] Die meisten: Die, die in der Normal-Sekte[2] das sagen haben (So wird es zumindest behauptet).

[4] Die Klugen, auch: Lässt-sich-nicht-behupsen-Sekte: Die, die in der Normal-Sekte[2] besser das Sagen haben sollten, es aber nicht haben, da die meisten[3]
a) nicht zu ihnen gehören,
b) zu doof sind, Sie zu erkennen,
c) Sie nicht ausstehen können, weil Sie sich - siehe [1] - zu weit aus dem Fenster lehnen...






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.