Marley – Kritik

Kevin Macdonald setzt dem Idol Bob Marley ein wenig innovatives, aber würdiges Denkmal.

Marley 03

Man kann Kevin Macdonald (State of Play – Stand der Dinge, 2009, Der letzte König von Schottland, Last King of Scotland, 2006) vorwerfen, dass er seine Dokumentation über Bob Marley arg konventionell anlegt, an großen Gesten aber mangelt es dem fast zweieinhalbstündigen Film nicht. Er beginnt in Ghana, von wo die Sklaven durch die „door of no return“ einst in die Neue Welt verschleppt wurden. Dann nähert er sich, streng chronologisch nämlich geht es zu, dem Geburtsort Marleys mit einem spektakulären Kameraflug im Hubschrauber, über die Landschaft Jamaikas bis zum kleinen Dorf Nine Mile.

Die schönste große Geste folgt ganz am Ende, während des Nachspanns. Da hören und singen Menschen auf der ganzen Welt die alten Songs, beiläufig im Radio auf der Straße oder einstudiert in einer Schule. Das ist sowohl Illustration für die noch heute weltumspannende Beliebtheit von Marleys Musik als auch Verkörperung ihrer völkerverbindenden Botschaft. Let’s get together and feel all right.

Marley 15

Der weitaus längste Teil des Films aber montiert eine ausufernde Menge an Interviews mit Weggefährten, früheren Mitgliedern der Wailers und Angehörigen zusammen mit Archivaufnahmen Marleys, dessen Charisma in Konzerten wie in Interviews bis heute fasziniert.

Von Marleys Vater, einem bei der Geburt des Kindes bereits 50-jährigen weißen Engländer, gibt es nur ein Foto, das einen unnahbaren Mann auf einem Pferd zeigt. Die dunkelhäutige Mutter zog das Kind allein auf, als Außenseiter und in großer Armut. Sie ziehen nach Trenchtown, wo der Jugendliche sich Rastalocken wachsen lässt und beginnt, Musik zu machen.

Marley 16

Eine Best-of-Platte, die in den 1980er Jahren nach seinem Tod erschien und damals auf sämtlichen Gymnasiums-Schulhöfen herumgereicht wurde, trägt den Titel „Legend“. Eine Legende ist Marley noch heute, und Kevin Macdonalds Film bemüht sich nicht, daran zu kratzen. Auch wenn die Kinder Ziggy und Cedella (heute in ihren Vierzigern) an das wetteifernde Wesen ihre Vaters erinnern und an seinen polygamen Lebensstil, der zu einer unübersichtlichen Zahl von Frauen und Kindern führte.

Der Regisseur, seit dem preisgekrönten Ein Tag im September (One Day in September, 1999) über das Attentat auf die Olympischen Spiele in München 1972 als Doku-Spezialist gehandelt, hat eine offizielle Biografie zusammengetragen: von den ersten musikalischen Versuchen – damals noch mehr Ska als Reggae – über das Superstar-Dasein bis zum vergeblichen Kampf gegen den Krebs in einem deutschen Hospital. Die Krankheit hatte Bob Marley jahrelang ignoriert, bis es zu spät war. Auch das sagt vielleicht etwas aus über die Sturheit des Mannes. Als er 1981 mit Mitte 30 stirbt, trauern Fans weltweit, das Begräbnis wird zu einer Prozession.

Marley 08

Man hätte sich gewünscht, dass der Film bei all der Zeit, die er zur Verfügung hat, genauer auf die Rastafari-Bewegung und den äthiopischen Kaiser Haile Selassie eingeht. Der Film bleibt da aber dem Anekdotischen verhaftet (eine von Marleys Frauen erinnert sich, bei Haile Selassies Besuch in Jamaika Jesus-artige Wundmale an seinen Händen gesehen zu haben.). Auch der Darstellung des Politik- und Bandenkriegs in Kingston in den 1970er Jahren, in den Marley schlichtend einzugreifen versuchte, hätte mehr Analyse gutgetan.

So ist Marley vor allem ein Denkmal geworden, jedoch zweifellos ein würdiges und – auch wegen der zahlreichen Konzertaufnahmen – trotz seiner Länge jederzeit mitreißendes.

Trailer zu „Marley“


Trailer ansehen (2)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.