Mark Lombardi – Kunst und Konspiration

Das dokumentarische Porträt des enigmatischen Künstlers Mark Lombardi stellt sich formal in Widerspruch zu den Botschaften seines Inhaltes.

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Mark Lombardi muss ein äußerst scheuer Mensch gewesen sein. Nächtelang vergraben in journalistische Literatur, gern auch im Keller seiner Eltern, kettenrauchend, auf der Suche nach Informationen zu Politik und Ökonomie, ihren Mitteln und ihren Akteuren, zu den Bushs, den Bin Ladens, zu Banken, Öl, Waffen. Er füllte tausende Karteikarten, welche die Grundlage bildeten für seine oft großformatigen Diagramme. Auf ihnen verflochten sich Kringel, Namen- und Schriftzüge, Pfeile und Verbindungslinien zu akkurat gezogenen Netzwerken in Schwarz auf Weiß. Die Iran-Contra-Affäre als Bild an der Wand.

Solche Organigramme der Korruption gehören mittlerweile (oder vielleicht länger schon) zum visuellen Standardrepertoire von Verschwörungstheoretikern – siehe, zum Beispiel, die Credits der US-Serie Rubicon oder Lutz Dammbecks Das Netz. Mit den Mitteln des Politik- und Conspiracy-Thrillers flirtet Mareike Wegener in ihrer vielsagend betitelten Doku Mark Lombardi – Kunst und Konspiration ganz offen. Atmosphärisch weht durch den Film noch der kühle Hauch der Bush-Jahre. Künstlerkollegen und Galeristen Lombardis raunen düster von unserer „Fucked-up World“, von abgehörten Telefonaten, Übergriffen durch das Heimatschutzministerium und schnüffelnde FBI-Beamte.

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Aber das ist legitim, und Wegener gelingt es, mit klassischen Mitteln etwas Spannung aufzubauen. Was ihrer generell eher risikoscheuen Dokumentation guttut. Wir erleben sonst den altbekannten Bildermix aus Talking Heads, Archivaufnahmen, impressionistischen Bildern New Yorks (gläsernes Financial District vs. verlotterte Outer Boroughs) und einigen recht linkisch inszenierten Schauspielszenen (Mark Lombardis Exfreundin, melancholisch auf den East River blickend).

Natürlich erfährt man durch den Film einiges Wissenswerte über Lombardi, der in Deutschland wohl nicht zuletzt aufgrund seiner US-zentrierten Thematiken eher unbekannt geblieben ist. Allein als Einblick in dessen solitäres Werk lohnt sich der Film. Und selbstverständlich kann man es nachträglich als Verdienst betrachten, wie hellsichtig der Amerikaner, der 2000 Selbstmord beging, die finanziellen Verstrickungen des internationalen Terrorismus vorhergesehen und in seinen Arbeiten verewigt hat.

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Aber wie so oft in Künstlerdokumentationen (siehe: Marina Abramović: The Artist is present (Matthew Akers, 2011)) bleibt das Filmteam hier ganz und gar in der Kunstwelt gefangen, wechselt nie die Seite, öffnet den Diskurs zu keinem Zeitpunkt für alternative Stimmen. So bekommen wir Zuschauer geradezu eingebläut, von welch enormer Bedeutung Lombardi für die Kunstwelt war (am Ende nennt ihn sein Galerist sogar „Superhero“) und wie wir seine Werke einzuordnen haben.

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Doch gerade angesichts des Werkes Lombardis, das sich ganz zentral und mit fast missionarischem Eifer einer Um- und Neuverteilung von Informationen gewidmet hat, das sich nicht ästhetisch verrätseln wollte, sondern stattdessen ganz deutlich auf mal verstörende (z.B. George W. Bushs finanzielle Mauscheleien mit texanischen Ölfirmen), mal eher triviale Weise (z.B. ein Pfeil zwischen den Textfeldern „Ronald Reagan“ und „U.S. government“) die Wege der Macht auszustellen versuchte. Mark Lombardi – Kunst und Konspiration jedoch will die Informationen über seinen Protagonisten nicht neu verteilen, ihn problematisieren, die Falsch- oder Richtigkeit seiner Recherchen überprüfen, sondern mit klassischen Mitteln die klassische Erzählung vom großen, lange Zeit verkannten Künstler festschreiben. Das scheint in einigem Widerspruch zum ästhetischen Projekt dieses Aufklärers zu stehen, und so reiben sich hier Form und Inhalt doch sehr merklich aneinander.

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