Marieke und die Männer

Wie man selbstgeschaffene Tabus bricht.

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Marieke und die Männer erzählt mit gespaltener Zunge. Es ist ein Film, der Kritik an gesellschaftlicher Vorverurteilung üben will und diese gleichzeitig voraussetzt. Wenn sich die jugendliche Titelheldin (Hande Kodja) wieder mal mit einem Mann, der gut ihr Großvater sein könnte, in Bett, Auto oder Badewanne vergnügt, wenn sich ihr knackiger Mädchenkörper an den verlebten Gliedern ihrer Liebhaber reibt, dann flirrt das Gezeigte zwischen zwei unvereinbaren Blickwinkeln. Man muss solcherlei intragenerationellen Sexualverkehr schon als verwerflich oder zumindest anrüchig empfinden, um die heroische Geste des Films, diesem augenscheinlich das Stigma der Perversion zu nehmen, würdigen zu können.

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Stimmt man dieser sozialpsychologischen Prämisse unglücklicherweise nicht zu, steht man sexuellen Beziehungen abseits der Norm also weitestgehend vorbehaltlos gegenüber, dann verflüchtigt sich ein Gutteil der gedanklichen und dramaturgischen Substanz des Filmes. Dann bekommt man einige recht linkisch gespielte, allzu nah gefilmte, statische Kuschelszenen mit viel Geseufze und wenig erotischer Kraft – und die luftdicht verpackte psychologische Ausdeutung einer zum Zwecke des Tabubruchs konstruierten Hauptfigur. Dies ist die zweite Krux in der Anlage von Marieke und die Männer: in der Darstellung der Protagonistin als psychisch krank unterstützt der Film insgeheim exakt jene sexuelle Normierung, die er doch scheinbar zu relativieren behauptete.

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Denn natürlich ist Schlafen mit Opas nicht normal, und ebenso wenig ist es Mariekes Lebensgeschichte. Papa war depressiver Künstler und beging Selbstmord, Mama (Barbara Sarafian) ist seitdem emotional und sexuell erkaltet, die Brüssler Heimat ohnehin dunkel und grau – diese Gemengelage zwischen ererbtem Todestrieb sowie in Angst und Alltag erstarrtem Umfeld treibt im spätpubertären Körper Mariekes die eigenartigsten Blüten. Sie arbeitet denn auch in einer Pralinenfabrik – sündiger Genuss und fordistischer Arbeitstrott treffen sich an einem einzigen, verwirrenden Ort.

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Es sei versichert, dass Marieke und die Männer jede Handlung schlüssig ausdeutet, jede Motivation, jedes Begehren und jede Blockierung in die eigene Erzählwelt und Figurenpsychologie zurückbindet – und sich damit jedweder Faszination beraubt. Die Kollegin (Caroline Berliner) über Mariekes Wahn, ihre Liebhaber zu fotografieren: „Du und deine Kamera sehen das Schöne dort, wo alle nur Hässliches sehen.“ Marieke über ihre Partnerwahl: „Sie leben nur im Moment. Sie haben den Tod schon akzeptiert.“ Ein Film, der sich der eigenen Geheimnisse beraubt und im gleichen Moment für seinen vermeintlichen thematischen Mut auf die Schulter klopft, ist doppelt frustrierend. Wir Zuschauer haben letztlich nur die Wahl, ihm auf seine formatierten Problemfelder zu folgen, um vorgekaute Erkenntnisse zu erlangen – oder als befremdliches Treiben im filmischen Reagenzglas vorüberziehen zu lassen. 

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