Marie Antoinette

In den Originaldekors von Versailles gedreht, erzählt der Film das Leben der schillerndsten französischen Königin. Mit ihrer umstrittenen Punk-Adaptation gelingt Sofia Coppola eine geniale Subversion des Historienfilms.

Marie Antoinette

Sophia Coppolas mit Spannung erwarteter dritter Film wurde nach seiner Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes von der Presse ausgebuht. Insbesondere die Franzosen warfen der Autorin grobe Mängel in der historischen Darstellung vor, einige Kritiker waren über die angebliche Naivität der Erzählung empört. Streiten lässt sich über Marie Antoinette sicherlich. Aber gerade das macht ihn auch so interessant.

Marie Antoinette erzählt das Leben der gleichnamigen habsburgischen Prinzessin, die vierzehnjährig an den französischen Kronprinzen und späteren König Louis XVI. verheiratet wurde. Sie starb mit 38 Jahren während der französischen Revolution 1793 unter der Guillotine. Ihr spektakuläres Leben in Versailles, dem tonangebenden Hofe im Europa des 18. Jahrhunderts, und ihr tragischer Tod durch die Wirren der Zeit würden den Stoff schlechthin bieten für ein aufwändiges historisches Drama. Doch wer ein solches erwartet, wird enttäuscht werden.

Marie Antoinette

Zwar bietet Marie Antoinette, der an Originalschauplätzen in Frankreich gedreht wurde, visuelle Genüsse im Überfluss. Der Prunk des Versailler Palastdekors, die Detailverliebtheit der Kostüme und die teils recht präzise Darstellung des komplexen Hofzeremoniells geben einen Eindruck davon, wie es wohl damals zugegangen sein müsste. Doch ganz offensichtlich passt das Werk nicht in die Konventionen eines Historienfilms. Wie bereits in Lost in Translation (2003) interessiert sich Sofia Coppola für ein Individuum, das in einem hoch kodierten, ihm vollkommen fremden System verloren ist. Die Österreicherin Marie-Antoinette (Kirsten Dunst), die sogar ihren Mops an der Staatsgrenze hat zurücklassen müssen, ist einsam unter lauter Franzosen – auch das Verhältnis zu ihrem unbeholfenen Ehemann (Jason Schwartzman) ist ausgesprochen distanziert. In gewisser Weise ist sie eine Fortschreibung der Figur Lux aus The Virgin Suicides (1999) – ebenfalls von Kirsten Dunst gespielt –, einem unverstandenen Teenager mit derselben sehnsüchtigen Melancholie und demselben frivolen Temperament. Beeindruckend verkörpern Schwartzman und Dunst die Unreife und Unbesonnenheit des jungen Paares, das, mit kaum 20 Jahren auf den Thron berufen, in seiner Rolle sichtlich überfordert ist.

Marie Antoinette

Einsam ist Marie-Antoinette, aber in der hierarchisch strukturierten Hofgesellschaft ständiger Mittelpunkt des öffentlichen Blicks. Im goldenen Käfig von Versailles wird der Prinzessin von Anfang an jegliche Intimsphäre verwehrt. Der Hofstaat begleitet das frisch vermählte Paar in der Hochzeitsnacht sogar bis an die Bettkante. Wie ein Bühnenvorhang öffnet sich die Gardine um das königliche Ehebett jeden Morgen für die tägliche Vorstellung. Coppolas streitbarer – oder einfach genialer – Kunstgriff ist es nun, die Repräsentationskultur der französischen Klassik zu verquicken mit der heutigen medialen Öffentlichkeit. Der Mikrokosmos von Versailles gleicht einer Form der Celebrity-Farm, in der die Kandidaten unter kompletter Ausblendung der Außenwelt um die Gunst des Königs buhlen – erst ganz zum Schluss reißt das aufgebrachte Volk der Französischen Revolution die Teilnehmer aus ihrer Seifenblase. Das kodierte Hofzeremoniell wirkt wie die willkürlichen Spielregeln in einem Fernsehbunker. Coppolas Marie-Antoinette ist eine Paris Hilton des 18. Jahrhunderts, die mit einem Hündchen auf dem Schoß unter den Augen der Öffentlichkeit ein vollkommen sinnentleertes und zunehmend überdrehtes Dasein führt und ihre blasierte Langeweile mit hemmungslosem Konsum zu töten versucht.

Verrückt nach Klamotten und trunken von zuviel Champagner und Luxus, gönnt sich Marie-Antoinette ganz anachronistisch Shoppingexzesse mit Schuhen vom angesagten New Yorker Designer Manolo Blahnik, Fressorgien mit Torten und Makronen vom hippen Pariser Patissier Ladurée und Partys bis zum Morgengrauen in Kostümen à la Viviane Westwood. Auch die Affäre mit dem schwedischen Offizier von Fersen (Jamie Dornan) wird konsumiert wie ein Kuchen. Das alles ist überzogen mit einem sehr präsenten New Wave-Soundtrack: The Cure, New Order, Aphex Twin, The Strokes. Schon das trashige Kinoplakat und der poppige Vorspann des Films lassen keinen Zweifel: Marie-Antoinette ist eine Punk-Prinzessin. Mit dieser Figur im Vordergrund wirkt das prunkvolle historische Dekor vollkommen sinnentleert. Im Überfluss bekommt der Zuschauer den ganzen Kitsch eines Prinzessinnenfilms serviert – ohne jegliche Sissi-Sentimentalität!

Marie Antoinette

Naiv ist die Inszenierung allein deswegen keinesfalls. Vielmehr bleibt das Verhältnis des Films zu seiner Protagonistin bis zum Schluss sehr zwiespältig. Es gibt Momente des offensichtlichen Mitgefühls, zum Beispiel wenn die gedemütigte Marie-Antoinette mit Tränen in den Augen durch die Zimmer eilt, um in einer stillen Ecke den höhnischen Blicken zu entkommen. Andere Szenen sind eindeutig ironisch, am deutlichsten die Darstellung der bäuerlichen Idylle des „Petit Trianon“, eines im Schlosspark angelegten Dorfes, in dem die Prinzessin, den höfischen Alltag flüchtend, einen geradezu neurotischen Kult der Natur zelebriert. Ebenso ist die kurze Erinnerung an ihren Liebhaber kitschig-romantisch überzeichnet.

In der aussichtslosen Suche nach echter Befriedigung dreht sich Marie-Antoinettes übersättigtes Leben im Kreis. Konsequenterweise bleibt auch der Film als solcher leer. Die einzelnen, teils historisch verbürgten Episoden reihen sich spiralförmig aneinander, ohne sich zu einer (Entwicklungs-)Geschichte zu fügen. Erst ganz zum Schluss, als das Königspaar wie zwei vollkommen überraschte Kinder aus seinem Spielhaus Richtung Guillotine abtransportiert wird, zeigen die beiden mit einem Schlag eine beeindruckende Reife. Endlich – zu spät – sind sie ihrer Rollen würdig.

 

Kommentare


karsten

Hallo,
Ergänzung um historisch korrekt zu bleiben: die letzte Szene war eine Fahrt zu einem Schloß in Paris. Ihre Prozesse und die Hinrichtungen kamen erst später, im Verlauf der jahrelangen französischen Revolution. Antoinette sagt am Ende "Auf Wiedersehen" zu ihrem dekadenten Leben in Versaille.


Princesse

Zur Rezension hätte ich eine Kleinigkeit anzumerken, und zwar: Das künstliche Dorf, das Marie Antoinette hat anlegen lassen, nennt sich "Hameau de la Reine". Das Petit Trianon ist ein kleines Lustschloss auf dem Gelände des Parkes von Versailles, dass sich Marie Antoinette als privates Refugium auserkoren hatte. Wer sich dafür interessiert und wem die faszinierenden Originaldrehorte des Filmes gefallen haben, ist vielleicht bei uns im Versailles-Forum richtig ;)

Mir persönlich hat der Film, wenn man ihn eher als Kunstwerk und weniger unter dem historisch korrekten und dokumentarischen Aspekt betrachtet, im Großen und Ganzen sehr gut gefallen.


prot

Sofia Coppolas Einstieg ins große Filmgeschäft hätte nicht katastrophaler enden können. Wer „Der Pate III“ gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Die arme kleine reiche Tochter eines der wichtigsten Filmemacher der 70er Jahre chargierte hoffnungslos überfordert und an der Grenze zur Peinlichkeit. Für alle Welt war klar: Hier wurde auf Kosten der künstlerischen Qualität einem völlig talentfreien Coppola-Clanmitglied ein Posten zugeschanzt. Mal abgesehen davon, dass sich die künstlerische Qualität von „Der Pate III“ ohnehin in Grenzen hielt: Wir haben uns alle gewaltig geirrt.

Die Filmemacher-Familie Coppola hat immer noch einiges zu bieten – was allerdings nicht mehr dem alternden Francis Ford zu verdanken ist, sondern eben genau diesem armen kleinen reichen Mädchen, das es nicht nur geschafft hat, die Ungnade der berühmten Geburt zu überstehen und sich aus dem Schatten ihres großen Vaters heraus freizuschwimmen, sondern die Lücke am Filmemacher-Firmament, die durch dessen erloschenen Stern entstanden ist, durch ihre Wiedergeburt als Supernova-Regisseurin locker wett zu machen.
Es gibt Filmemacher, die brauchen nicht mehr als zwei Filme, um ihre unverkennbare Handschrift zu zementieren. Mit ihrem Regie-Debüt „The Virgin Suicides“ von 1999 gab Coppola beeindruckend die Marschroute vor, die sie mit ihrer zweiten Arbeit vier Jahre später zur Vollendung führen würde.
„Lost in Translation“ ist einer der weisesten Filme des (zugegebenermaßen noch jungen) 21. Jahrhunderts. „Altersweise“ könnte man sogar sagen. Es gibt offensichtlich Menschen, die diesen Zustand bereits in ihren 30ern erlangen – wenn sie offen und ehrlich Innenschau betreiben und nichts weiter wollen als genau diese Innenschau nach außen zu tragen.
Mitten in der größten allgemeinen Begeisterung über den Film überraschte die Ankündigung ihres neuen Projekts - ein Historienfilm über die österreichische Prinzessin Marie Antoinette, die bekanntermaßen in ihrer (für sie viel zu großen) Rolle als französische Königin in zwei Teilen endete - nicht wenige. „Ob sie sich da mal nicht gewaltig verhebe“, mag der ein oder andere (oder ich) gedacht haben. Der ein oder andere (oder ich) hat sich aufs Neue geirrt.

Das Fazit vorab: "Marie Antoinette" reicht definitiv nicht an die Größe seines Vorgängers heran. Dennoch weiß er zu imponieren; für seinen Mut und seine Konsequenz. Denn Coppola erzählt hier keine historische Geschichte, sondern die Geschichte, die sie aus eigener Erfahrung kennt. Das persönliche Resümee dieser Erfahrungswelt könnte wohl lauten, dass Leben in einer sich materiell im Überfluss befindlichen, aber ziellosen (Spaß-)Gesellschaft ohne Ideale unsere Existenz letztendlich überflüssig werden lässt. Und wer überflüssig ist, braucht auch keinen Kopf auf seinen Schultern. Auf die Frage nach der Essenz von Glück liefert Sofia Coppola klugerweise nie Pauschalantworten, sie beschränkt sich auf die Feststellung, dass Zufriedenheit/Glück in dieser Welt der „All Inclusive“-Sorglosigkeit nicht zu finden sind.

Das arme kleine reiche Mädchen Marie, im kindlichen Alter von 14 Jahren mit dem Dauphin Louis nach Frankreich verheiratet, lebt am Hof von Versailles das sprichwörtliche Leben „in Saus und Braus“ – und langweilt sich mit ihrer High Society-Clique trotz unzähliger Parties und täglich neuen Klamotten zu Tode. Ein Leben, geprägt von „Sorgen“ um die Must have´s der Saison. Dass im weit entfernten Paris gerade das Fass überläuft, interessierte die „It“-Girls vor 200 Jahren genauso wenig, wie die aktuelle politische Lage den Paris Hiltons, Nicole Ritchies oder Gülcans unserer Zeit geläufig sein dürfte.

Wer Coppola historische Ungenauigkeit vorwirft, hat wirklich nichts begriffen (außerdem habe ich mich nachträglich selbst davon überzeugt, dass der legendäre Ausspruch der Monarchin, das Volk möge bei Brotknappheit doch stattdessen einfach Kuchen essen, tatsächlich nicht von ihr stammt). „Marie Antoinette“ ist ein Film über unsere heutige Erste Welt-Gesellschaft mit historischen Kostümen. Selbst die Musik spiegelt das wieder: Diese Versailler MTVertrags-Generation feiert zu Siouxsie & The Banshees, Adam & The Ants und New Order. Auch wenn Sofia Coppola die Szene-Protagonisten (auf Grund ihres eigenen Glashaus-Daseins) nicht brachial mit Steinen bewirft: Ihr Blick ist liebevoll, aber auch distanziert, nachsichtig, aber auch klar. Altersweise eben.

Wer ein sich derart im Überfluss befindliches und gleichzeitig derart überflüssiges Leben führt, kann einem auch nur leid tun.


Martin Z.

Ein äußerst handlungsarmer Streifen, bei dem anscheinend nur großen Wert auf die aufwendigen Kostüme gelegt wurde. Die Darstellung der steifen Hofetikette nimmt weiten Raum ein, wobei die sich wiederholenden Anlässe eine gewisse Monotonie verbreiten. Die Anlehnung an historische Korrektheit – hier der Vorabend der Französischen Revolution – ist eigentlich bedeutungslos. Und wenn man es schafft, sich das höfische Treiben längere Zeit anzuschauen, wird man durch Heavy Metal wachgedröhnt. Das ist ebenso unpassend wie die gesungenen Arien akustische Schmerzen bereiten.
Und wenn wirklich was passiert und der Dauphin schafft es die Ehe zu vollziehen, geht es im Stakkato-Tempo: völlige Dunkelheit – Kirsten Dunst stöhnt kurz auf – Geburtsschrei des Thronfolgers – fertig.
Ein Film, den die Welt nicht braucht und für den die Bezeichnung Kostümschinken noch geschmeichelt wäre. Oh Sofia, was hast du dir nur dabei gedacht!?






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