Maria Voll der Gnade

Das religiös angehauchte Drama erzählt von einer jungen Kolumbianerin, die sich durch Drogenschmuggel in die USA eine bessere Zukunft erhofft. Doch es kommt zu Komplikationen.

Maria Voll der Gnade

Maria Voll der Gnade (Maria Full of Grace) zeigt den Drogenschmuggel in die USA als möglichen Ausweg aus dem sozialen Elend. Der Großteil des auf dem amerikanischen Markt erhältlichen Heroin und Kokain wird aus Südamerika ins Land geschmuggelt. Durch den zunehmenden Drogenhandel verschärfte die Polizei Anfang der achtziger Jahre ihre Kontrollen, was wiederum dazu führte, dass neue Wege gefunden wurden, die Drogen möglichst unauffällig über die Grenze zu transportieren. Statt sie am Körper oder im Gepäck eines Schmugglers zu verstecken, kommt es seither verstärkt zum Einsatz sogenannter Maultiere. Dabei handelt es sich um Menschen, die bis zu 120 traubengroße Heroinpäckchen schlucken und sie in ihrem Magen nach Amerika schmuggeln. Regisseur Joshua Marston erzählt in seinem Spielfilmdebüt von einem siebzehnjährigen Mädchen (Catalina Sandino Moreno) aus Kolumbien, dass seine Arbeit auf einer Rosenplantage wegen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen hinschmeißt und durch einen jungen Fremden (Jhon Alex Toro) die Möglichkeit bekommt, als Maultier zu arbeiten. Mit dem Geld möchte sie die Zukunft ihres ungeborenen Kindes sichern, damit sie dessen ungeliebten Vater nicht heiraten muss.

Im Mittelpunkt der Handlung steht also ein junges Mädchen, das sich durch die Reise in ein wirtschaftlich weiter entwickeltes Land eine gesicherte Zukunft erhofft, aber zunächst nur dessen Schattenseiten erlebt. Dieser Thematik, der sich auch schon Lilja 4-ever (2002) von Lukas Moodysson widmete, nimmt sich Marston ohne große Moralisierungen an. Im Gegensatz zu Moodysons Film lebt Marias Geschichte von einem geradezu brutalen Realismus und wird nicht pessimistisch, sondern vergleichsweise hoffnungsvoll und sogar mit einer kleinen Prise Humor erzählt, die größtenteils auf Kosten von Marias unbeholfener und etwas dümmlicher Freundin Blanca (Yenny Paola Vega) geht. Leider verweist die lockere Erzählweise auch auf die Oberflächlichkeit mit der Marston sich Marias Geschichte annimmt. Der Film versucht auf sozialkritische Weise Marias Schicksal zu verdeutlichen, hinterlässt dabei aber, anders als Lilja 4-ever, keine Spuren, sondern lediglich das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein. Das liegt hauptsächlich daran, dass Maria Voll der Gnade in seiner Ästhetik und Darstellungsweise sehr viel glatter und zugänglicher gemacht wurde, um dadurch ein größeres Publikum anzusprechen.

Maria Voll der Gnade

Hauptdarstellerin Moreno wurde dieses Jahr trotz ihrer fehlenden Schauspielerfahrung für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert, konnte sich aber, wenig überraschend im Hinblick auf die ungeschriebenen Academy-Gesetze, als Filmdebütantin nicht gegen prominentere Kolleginnen wie Hillary Swank durchsetzen. Morenos Spiel bleibt den ganzen Film über sehr reserviert und unauffällig, jedoch überzeugt sie bei ihrem Leinwanddebüt mit einer unverbrauchten Ausstrahlung und einer natürlichen Darstellungsweise ohne jegliche schauspielerischen Manierismen. Am beeindruckendsten wird das während des Flugs in die USA deutlich, als Maria mehrere Maultiere an Bord entdeckt, darunter auch ihre beste Freundin Blanca, die sich im Gegensatz zur selbstbewussten und kämpferischen Maria durch ihre Unselbstständigkeit und Naivität auszeichnet. Die Szene im Flugzeug, eine der stärksten des Films, kontrastiert die „normalen“ schlafenden Fluggäste mit den angespannten Maultieren, voller Angst erwischt zu werden, und erreicht mit einfachen Mitteln ein Maximum an Intensität. Der leise Schrecken erreicht seinen Höhepunkt, als sich eines der Mädchen plötzlich unwohl fühlt.

Solange die Handlung in Kolumbien spielt, behält Marston den Blick eines Außenstehenden, der es einfach nicht schafft, die Distanz zu den porträtierten Personen zu überwinden. So sehr er sich auch der einfachen Arbeiterwelt des Dorfes annähert, die Betrachtungsweise auf Maria und ihr Umfeld kippt immer wieder um in eine Ansammlung folkloristischer Details. Allein bei der Darstellung des Dorffestes, in seiner exzessiven Mischung aus Alkohol und Tanz, wird ein überzeugendes Bild der Bewohner gezeigt, für die ein solches Ereignis zu einem notwendigen Ventil für die Frustrationen über ausbeuterische Arbeitgeber und eine aussichtslose Zukunft wird. Nach mehreren Komplikationen beim Drogenschmuggel befinden sich Maria und Blanca schließlich auf einer abenteuerlichen Odyssee in den Straßen von New York. Während ihres Aufenthalts kommt es zu keinem Kontakt mit „echten“ Amerikanern, weil sich die Mädchen nur innerhalb der Grenzen einer spanisch sprechenden Bevölkerungsschicht bewegen. Den fremden Blick, der in Kolumbien teilweise ungewollt deutlich wird, verwendet Marston hier gezielt und liefert ein ungewöhnliches Bild des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, jenseits der üblichen amerikanischen Ikonografie und angesiedelt in den Kreisen einer Minderheit. Durch Marstons Hauptakzent auf Innenaufnahmen und den Einsatz einer ausnahmslos spanisch sprechenden Besetzung entseht ein abstrahiertes Bild von Amerika, das nicht explizit dargestellt wird, sondern sich hauptsächlich in der Vorstellung des Zuschauers zusammensetzt.

Maria Voll der Gnade

Bleibt die Frage nach der Bedeutung des Titels. Zwar werden durchaus einige Parallelen zwischen dem Mädchen im Film und der heiligen Maria deutlich - dabei drängen sich nicht nur ihr Name und die Schwangerschaft auf, sondern auch eine Art Martyrium, durch das sich ihr Handeln auszeichnet und ihre Gläubigkeit. Dennoch: Mehr als diese eher assoziativen Verbindungen besteht nicht. Beim Versuch eine alternative Mariengeschichte in der Gegenwart zu erzählen, bleibt die Verwendung einer christlichen Symbolik nicht konsequent genug, was dem Titel letztlich eine gewisse Beliebigkeit verleiht.

Kommentare


Martin Z.

Es gibt viele Filme über Drogenkuriere, auch ’Maultiere’ oder ’Schlucker’ genannt, aber selten ist einer so gnadenlos und detailgenau an der Realität wie dieser. Besonders erwähnenswert ist die Tatsache, dass man hier auch sieht, wie die prekäre wirtschaftliche Situation die jungen Dorfbewohnerinnen in Kolumbien dazu zwingt, diesen Trip zu machen. Ohne zu werten wird fast dokumentarisch erzählt und dennoch kommt Spannung auf, bis zum überraschenden Ende. Hier nimmt die letzte, lange Einstellung Bezug auf den Titel: die madonnenhaft-schöne Catalina Sandino Moreno (mit Recht oscarnominiert!) läuft vor der Kamera her, möglicherweise in ein neues Leben.
Ein wichtiger Film weil er informativ ist, unterhaltsam, weil spannend gemacht und anschauenswert, weil die Botschaft in schönen Bildern transportiert wird.






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