Maria, ihm schmeckt’s nicht

Die Verfilmung von Jan Weilers Bestseller Maria ihm schmeckt’s nicht! ist eine geradezu grimmige Konfrontation der Kulturen.

Maria, ihm schmeckt's nicht!

„Im Spiegel begegnen wir nicht uns selbst, sondern unserem Gegenüber“, sagte schon Douglas Sirk, und kein Spiegel ist gigantischer als das Kino, wenn uns an der Kenntnis unseres kulturellen Gegenübers gelegen ist. Der „Clash of Cultures“, der Zusammenprall der Kulturen, war schon immer ein beliebtes Filmthema, das quer durch alle Genres und Traditionen bis heute hie und da aufblitzt. Und da im wirren Spiel des Kennenlernens und der Vorurteile wenige Nationalitäten mehr Stoff für Zoten und Naserümpfen bereithalten als die deutsche, eignet sich unsereins ganz wunderbar für die Komödie, wenn man den Teutonen nur tief genug in die Fremde wirft. Die Faustregel scheint unwiderlegbar: Die sprichwörtliche Ordnungswut und Disziplinsucht des Deutschen wird desto mehr herausgefordert, je weiter er gen Süden wandert. La dolce vita italiana liegt uns somit äußerst fern, wenn man bedenkt, dass wir schon den Kölnern eine mediterrane Ader attestieren.

Maria, ihm schmeckt's nicht!

Die Vorausbedingungen sind also vielversprechend für Maria, ihm schmeckt’s nicht! von Neele Leana Vollmar nach dem gleichnamigen Buch von Jan Weiler. Da schlummert viel Raum für Missverständnisse, wenn Jan (Christian Ulmen) seiner Verlobten Sara (Mina Tander) in die süditalienische Heimat des väterlichen Familienzweigs folgt. Ziel: Hochzeit mit allen Verwandten. Man möchte ihn am liebsten mit einem Mützchen ins Bett schicken, so routiniert gibt Ulmen den Michel mit strähnigem Haar, blässlicher Haut und schüchterner Ordnungswut. Herr Lehmann war ja in mancherlei Hinsicht so etwas wie die Apotheose des Deutschtums, weshalb sich Ulmen als dessen Interpret schon fast zwangsläufig anbietet.

Maria, ihm schmeckt's nicht!

So überraschungsarm es darum ist, ihm beim Lavieren durch allerlei alltägliche Missverständnisse beizuwohnen, so viel mehr Freude bereitet die Performance seines Gegenübers, des italienischen Komödien-Superstars Lino Banfi. Der setzt eine beachtliche Leibesfülle und den schnoddrigen Bariton als Schwiegervater in spe so überzeugend ein, dass sein Antonio spielend das Zentrum des Filmes wird. Chronisch unfähig, über die eigenen Handlungen Rechenschaft abzulegen, und Diktator in einer Welt, die neben ihm selbst nur Komparsen zulässt, ist es unmöglich, sich seinem Charisma zu entziehen. Da verschluckt er kurzerhand den Trauring des Schwiegersohns, um ihn zum Tragen des urgroßväterlichen Erbstücks zu zwingen, und gibt ihn dann einige Zeit später, aus der Toilette tretend, ganz nonchalant zurück: „Den hat jemand liegenlassen.“

Maria, ihm schmeckt's nicht!

Überhaupt ist Antonio der tragische Kern des Filmes. Um dem Zuschauer seinen speziellen Charakter nachempfinden zu lassen, beschlossen die Autoren Daniel Speck und Jan Weiler, in über den Film verstreuten Flashbacks dessen schwierige Geschichte als Gastarbeiter im Norden aufzuarbeiten. Wie er sich angesichts alltäglicher Diskriminierung nach und nach in eine nur ihm zugängliche Sphäre des Verdrängens und Umdeutens zurückzieht und zuletzt nicht nur der unfreundlichen Wirklichkeit des deutschen Exils, sondern ebenso seinen italienischen Wurzeln fremd wird, könnte Stoff für einen zweiten, nachdenklicheren Film hergeben. Die Italiener sind ihm zu wenig deutsch, und die Deutschen zu sehr. Doch es gelingt Vollmar nicht, eine funktionierende Balance zwischen den gehetzten Episoden der chaotischen Hochzeitsvorbereitungen und den in kitschigen Farben schwimmenden Vergangenheitsfragmenten herzustellen.

Irgendwo zwischen vorurteilsbedingten Missverständnissen und der Aufarbeitung des Gastarbeiterschicksals geht Maria, ihm schmeckt’s nicht verloren, findet sich nie ganz ein in der Durchmischung von Komischem und Tragischem. Wobei auch das Komische seltsam stressig inszeniert ist. Wenn die italienische Großfamilie sich immer wieder als wild plappernder Haufen förmlich über den armen Jan ergießt, an ihm zerrt und wild gestikulierend mal hier-, mal dorthin hüpft, überzeichnet Neele Leana Vollmar das Geschehen mit wilden Schnitten und engen Großaufnahmen teilweise so extrem, dass man eher an eine Horde Zombies als an südländische Verwandte denkt.

Maria, ihm schmeckt's nicht!

Der eingangs erwähnte Zusammenprall der Kulturen ereignet sich dermaßen roh und drastisch, dass einem die ständigen Zynismen der Marke: „Ich kann nicht anders, ich bin ja Deutscher!“ ziemlich schnell gehörig auf die Nerven gehen. Die Kategorien des Deutschen und des Italienischen werden zu massiven Blöcken der Selbstverleumdung und radikalen Abgrenzung, ohne dass der Film mit überraschenden Einsichten aufwarten könnte. Und so verspielt Vollmar die Möglichkeiten der Ausgangssituation, uns durch die Komödie Einblicke in das Wesen kultureller Identitäten zu verschaffen. Stattdessen empfindet man zuletzt vor allem eines: dass hier leider doch eher Klischees bedient werden, als dass man mit ihnen spielte. Nationale Zugehörigkeit als Gefängnis des Individuums.

Trailer zu „Maria, ihm schmeckt’s nicht“


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Kommentare


Triton

Diese Filmkritik zeigt wieder einmal, wie es sogenannte "studierte Kritiker" immer wieder schaffen,
in einem Text über "Klischees" und schlechte Filmumsetzungen zu fabulieren, ohne scheinbar das Buch gelesen zu haben, oder auch nur im geringsten mit den Bräuchen und Sitten einer italienischen Familie (sei es in Deutschland oder in Italien) vertraut zu sein. Der Autor Jan Weiler hat nämlich sicherlich einige Erfahrungen mit den sogenannten "Klischees" sammeln können, da er ja tatsächlich mit einer Italienerin verheiratet ist. Man sollte eine Filkritik besser anhand eines Vergleichs ansetzen. Und nichts eignet sich in diesem Fall besser als das gleichnamige Buch. Ausserdem basieren hier einige Dinge auf tatsächlich vorgefallenen Geschichten, teilweise macht Übertreibung diesen Film zu dem was er eigentlich ist: eine auf realen Ereignissen basierende Kunstwelt. Und so sollte man es auch sehen!


sk

Werter Triton,

dieser Kommentar zeigt wieder einmal...
Nein, genug der Klischees.
"sogenannte studierte Kritiker" sagt mir reichlich wenig. Niemand auf critic.de hat Filmkritik studiert. Diejenigen, die schreiben, sind allerdings studiert. Was daran sogenannt ist, leuchtet mir nicht ein.
Klischeehaft scheint mir vor allem die Vorstellung, eine Filmkritk müsse sich grundsätzlich an der literarischen Vorlage orientieren. Das ist allerdings sehr akademisch! Und wenn man es erfolgreich betreibt, kann man dann noch schreiben, was besser ist. Kubrick versus Vorlage 13:1, Thomas Mann versus Filmschaffende undefeated (Visconti nahe am Unentschieden).
OK, weder Weiler noch Vollmar spielen in dieser Liga. Aber schön, dass er mit einer Italienerin verheiratet ist. Schade, dass Frau Vollmar nicht mit einem Italiener verheiratet ist. Vielleicht hätte man ihr wenigstens einen italienischen Regieassistenten an die Seite stellen sollen?
Da wäre Ihnen doch ein Buch übers Kommentarschreiben empfohlen!
Wir unsererseits werden uns bemühen, Ice-Age-Kritikern demnächst eine Reise in die Arktis, einen Zoologie- und einen Zeichenkurs zu stellen.
Dann kommen wir vielleicht endlich alle ohne Klischees aus...


Peter Becker

Hier mal ein ganz hemdsärmeliger und vor allem unstudierter Kommentar:

Es ist nervig, wie schon der Trailer mit einem Bombast an Klischees aufwartet:
Die Deutschen sind streng, konservativ, sittsam, viel zu blond und blass und grausen sich vor ausländischem Essen.
Und die Italiener, auch nicht viel besser: fuchteln Sie doch den ganzen Tag über mit Händen und Armen in der Gegend herum und poltern "Mama mia" oder "Porca miseria".
Dazu bewegen sie sich nur im Familienclan auf der Strasse und düsen mit ihren alten Fiat 500´ern mit 80 durch die Alsttadt.
Bei soviel Witz und Komik würgt es mich.

Nicht zuletzt "basiert" das ganze ja auf den "echten" begebenheiten des Autors.

Na klasse, ich habe auch einige Jahre in Frankreich/Italien gelebt und sehe nun mit Schrecken wie sich junge, intellektuellle Filmakademie Abgängerinnen und einige Krawattenträger aus den muffigen Büros der öffentlich rechtlichen TV Sender das "echte" Italien vorstellen.

Zu allem Schrecken betont die Regiesseurin noch im Interview "das Catering aus Deutschland mitgebracht zu haben". Das klingt für mich wie Ballermann für Akademiker.






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