Maria an Callas
Verlorenes Glück, Einsamkeit, verstellte Identitäten und den Mut zum Neuanfang thematisiert Regisseurin Petra K. Wagner in der überfrachtet wirkenden Liebesgeschichte Maria an Callas.

Das Internet dient heute vielen Nutzern als anonyme Kommunikationsplattform – so auch den beiden Protagonisten in Maria an Callas. Als vereinsamte Menschen, die mit dem Tod geliebter Familienmitglieder fertig werden müssen, schreiben sie sich Emails und geben sich so gegenseitig neuen Lebensmut. Nur offenbaren sie dabei ihrem jeweiligen Gegenüber nicht ihre wahre Identität. Als sie sich schließlich persönlich kennen lernen, führt das Verstellspiel zu schmerzhaften Erfahrungen für beide. Dass ihr Austausch über Emails erfolgt, ist allerdings nicht zentral – das Medium ist Mittel zum Zweck, um zu zeigen, wie schädlich Unaufrichtigkeit und Vertrauensbrüche für zwischenmenschliche Beziehungen sein können.
Anfangs ist Designer Jost (Götz George) sehr überrascht, als er entdeckt, dass seine verstorbene Frau Maria regen Emailverkehr mit einer ihm unbekannten Frau namens Anni (Claudia Michelsen) hatte – und dabei sein Leben als das ihre ausgab. Von der eigenen Trauer überwältigt, setzt er den elektronischen Briefwechsel mit der vermeintlichen Besitzerin eines Luxushotels im Namen seiner Frau fort. Dank Annis kreativen Impulsen findet er wieder Spaß an seiner Arbeit. Als sie ihm versehentlich ein Foto zukommen lässt, anhand dem Jost erahnen kann, wie sie aussieht, beschließt er, sie persönlich kennenzulernen – nur um festzustellen, dass Anni sich in ihren Emails ebenfalls eine neue Identität geschaffen hat. In Wirklichkeit arbeitet sie in der Kneipe ihrer Mutter Jennie (Monica Bleibtreu) und leidet wie Jost an einem tragischen Verlust in der Familie.

Obwohl der Film die Liebesgeschichte zweier Menschen erzählt, lässt er von Anfang an eine Unmenge von Nebencharakteren auf den Zuschauer los – warum, bleibt schleierhaft. Abgesehen von Annis Familie und ihrem Liebhaber Axel (Ingo Naujoks), der durch sein eifersüchtig-kindisches Verhalten gegenüber Jost unfreiwillig komisch wirkt, hätte man auf das Gros der anderen Figuren problemlos verzichten können. Beispielsweise wird am Rande angedeutet, dass Axels Frau Susa (Esther Schweins) von der Affäre ihres Mannes weiß – in der Handlung hat dies aber keinerlei Konsequenzen, womit der Charakter völlig bedeutungslos bleibt. Ähnlich verhält es sich mit anderen Figuren, die mit Jost und Anni interagieren, um sogleich auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Wenigstens legt Helmut Zerlett als Keyboarder in einer Provinzband einen amüsanten Gastauftritt hin.
Als ruhige Charakterstudie fängt Maria an Callas jedoch durchaus vielversprechend an. Götz George bringt die innere Leere und Antriebslosigkeit des trauernden Witwers, der in all seinem materiellen Wohlstand vor sich hinvegetiert, glaubwürdig rüber. Anni dagegen lebt in bescheidenen Verhältnissen und hat alle Hände voll zu tun, sich finanziell über Wasser zu halten. Beide verbindet, dass sie es alleine nicht schaffen, mit ihrem persönlichen Schmerz klar zu kommen. Wie sie sich gegenseitig dabei helfen, ohne sich zu kennen, fängt der Film zunächst gekonnt ein, indem er eine melancholische und zugleich hoffnungsvolle Atmosphäre erschafft. Dabei spiegeln sich die emotionalen Aufs und Abs von Jost und Anni besonders in der Filmmusik wieder: Wenn die Charaktere Energie und Produktivität an den Tag legen, ertönen lebhafte Swingstücke. Dagegen kommt in den Szenen, in denen sie sich mit ihrer Trauer und Einsamkeit auseinandersetzen, eine schwermütige Arie der Opernsängerin Maria Callas zum Einsatz. Die entsprechende Schallplatte dient dabei als erzählerisches Bindeglied zwischen Jost, seiner verstorbenen Frau und Anni. Dass der Film sich auch als Hommage an die 1977 verstorbene Sopranistin versteht, wird spätestens dann klar, wenn Anni etwas pathetisch behauptet, dass diese ihr Leben gerettet habe.

Die in Maria an Callas aufgebaute Stimmung wird allerdings schnell zerstört, als Jost sich entschließt, Anni einen Besuch abzustatten. In diesem zweiten Handlungsstrang erinnert Maria an Callas zunehmend an eine anspruchslose Hollywoodschmonzette. Besonders Georges Charakter büßt stark an Glaubwürdigkeit ein: Anfangs kann man als Zuschauer nachvollziehen, dass er sich im Emailwechsel mit Anni aufgrund seiner Vereinsamung als seine Frau ausgibt. Wenn Jost Anni den Hof macht und ihr gleichzeitig im Namen seiner toten Frau Emails schickt, um herauszufinden, wie seine Avancen ankommen, stellt sich dagegen ein befremdliches Gefühl ein. Zudem wirkt Jost bei seinen Anbahnungsversuchen, bei denen er Anni regelrecht verfolgt, fast schon wie ein Stalker, bei dem frau wohl eher die Polizei rufen würde, als romantische Gefühle zu entwickeln – aber im Film ist schließlich alles möglich. Annis innere Zerrissenheit lässt einen mit fortschreitendem Filmverlauf ebenfalls kalt. Da kann sich die Gute noch so oft in ihr Zimmer einsperren und – warum auch immer – Unmengen an Taschentüchern zerreißen: Wenn das Happy End so offensichtlich bevorsteht wie in Maria an Callas, ist es schnell vorbei mit der Melancholie.
Filmkritik von Johannes Wiedemann
Veröffentlicht am 13.03.2006
Kommentare zu Maria an Callas
Friedrich Rohe 27.12.2007 01:56
Herr Wiedemann sollte öfter amerikanische Schnulzen ohne jede Handlung kritisieren. Das Psychogramm der beiden Hauptdarsteller konnte recht glaubhaft vermittelt werden. Und die übrigen Charaktere dienten dazu der Geschichte einen Rahmen zu geben. Die bis zum glücklichen Ende spannend blieb und tragisch hätte enden können, eben wie das Leben so spielt. Solch gute Filme sieht man nur in der ARD, bedauerlicherweise nur alle paar Monate einmal
Friedrich Rohe 27.12.2007 02:00
Herr Wiedemann sollte öfter amerikanische Schnulzen ohne jede Handlung kritisieren. Das Psychogramm der beiden Hauptdarsteller konnte recht glaubhaft vermittelt werden. Und die übrigen Charaktere dienten dazu der Geschichte einen Rahmen zu geben. Die bis zum glücklichen Ende spannend blieb und tragisch hätte enden können, eben wie das Leben so spielt. Solch gute Filme sieht man nur in der ARD, bedauerlicherweise nur alle paar Monate einmal. Alles in allem gute Unterhaltung mit sehr guter Besetzung.
Friedrich Rohe 27.12.2007 02:01
Herr Wiedemann sollte öfter amerikanische Schnulzen ohne jede Handlung kritisieren. Das Psychogramm der beiden Hauptdarsteller konnte recht glaubhaft vermittelt werden. Und die übrigen Charaktere dienten dazu der Geschichte einen Rahmen zu geben. Die bis zum glücklichen Ende spannend blieb und tragisch hätte enden können, eben wie das Leben so spielt. Solch gute Filme sieht man nur in der ARD, bedauerlicherweise nur alle paar Monate einmal. Alles in allem gute Unterhaltung mit sehr guter Besetzung.
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Film-Angaben
Titel: Maria an Callas
Deutschland 2005
Laufzeit: 96 Minuten
Regie: Petra K. Wagner
Drehbuch: Petra K. Wagner
Produktion: Erik Stappenberg
Darsteller: Götz George, Claudia Michelsen, Monica Bleibtreu, Anna Thalbach, Ingo Naujoks, Inga Busch, Esther Schweins
Kinostart: 04.05.2006
DVD-Angaben
Titel: Maria an Callas
Vertrieb: Warner Vision
Bild: k.A.
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 98 Minuten
Extras: Making of; Trailer; Fotogalerie; Interviews mit Götz George, Monica Bleibtreu und Petra K. Wagner
Verleih ab: 12.10.2006
Verkauf ab: 27.10.2006
Copyright Maria an Callas
Fotos: Stardust
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