Der große Crash – Margin Call

JC Chandor zeigt Innenansichten aus der Welt der Broker und Banker, ohne viel über sie zu verraten.

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Männer, die auf Bildschirme starren. Männer, die über Dinge wie den „historischen Volatilitätsindex“ reden. Männer, die die Krawatte lockern, wenn es ernst wird. Und die, wenn es ganz ernst wird, die Füße auf den Schreibtisch legen und Maria Callas hören. Der große Crash – Margin Call (Margin Call) von JC Chandor spielt fast ausschließlich in den Büroräumen einer Investmentbank in Manhattan und stellt die letzten Stunden vor dem Ausbruch der großen Finanzkrise von 2008 dar.

Es ist eine schwere Aufgabe, eine so komplizierte Gemengelage von Dingen wie Hedgefonds, Bonität, Hypothekenkredite und Niedrigzinspolitik in einen Film zu übersetzen. Der große Crash – Margin Call versucht es, indem er eine reine Innenperspektive einnimmt: Dies ist die Geschichte der Banker; der Händler in den Großraumbüros, ihrer Vorgesetzten und der ganz großen Chefs, die mit dem Hubschrauber eingeflogen werden, wenn es brennt. Keinen Blick wirft der Film auf die Folgen dieses Handelns, auf die Immobilienkrise in den USA und die vielen Menschen, die wegen geplatzter Hypotheken aus ihren Häusern vertrieben wurden.

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Einmal nur erwähnt einer der jüngeren Broker, dass das, was gerade passiert, Konsequenzen für „real people“ – das sagt er wirklich so – haben wird. Aber sein Abteilungsleiter winkt gleich ab. Mit so einer Einstellung kann man in diesem Job nichts werden. Solche Männer sind es, um die es geht. Derselbe Abteilungsleiter, von Paul Bettany als smarter, nicht unsympathischer Nihilist gespielt, gibt im Jahr 50.000 Dollar für Kleidung aus. Und 75.000 für Huren. Natürlich reden diese Leute ständig darüber, was die anderen Kollegen – speziell die jeweiligen Vorgesetzten – wohl so verdienen.

Dennoch sind die Figuren nicht als kapitalistische Monster gezeichnet, sondern als Professionals, die irgendwie von den Dingen überrollt wurden. Die Schuldfrage stellt Der große Crash nicht, vielmehr scheint er die Position des obersten Bosses einzunehmen (Jeremy Irons), der den Befehl gibt, alle toxischen Papiere innerhalb eines Vormittags abzustoßen, um die Firma zu retten. Stichwort: alternativlos. Und der damit die Finanzkrise auslöst. Kevin Spacey als Vertreter der traditionellen Kaufmannsehre versucht zwar, sich dagegen zu wehren, aber auch ihm bleibt nichts übrig, als mitzumachen. Spaceys Figur ist überhaupt der am meisten auf „menschlich“ getrimmte Charakter in dieser Hochglanz-Finanzwelt, was man auch daran sieht, dass er um seinen sterbenden Hund trauert. Bei anderen erkennt man dieses Bemühen des Drehbuchs, indem sie einmal auf dem Klo heulen oder, im Falle der von Demi Moore gespielten Risikoanalystin, unausgesprochenes Bedauern über die eigene Kinderlosigkeit (Frauen und Karriere, nicht wahr?) zum Ausdruck bringen.

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Solche menschelnden Standard-Drehbuchvolten können nicht vertuschen, was Der große Crash ganz eminent fehlt: Einfälle nämlich, wie man diese ominösen Zahlen auf den Bildschirmen in eine Geschichte übersetzt, die mehr über die Finanzkrise aussagt als ein Leitartikel im Wirtschaftsteil der Tageszeitung. Immerhin: Es gibt eine kurze Szene, in der zwei Finanzmenschen zusammen mit einer Putzfrau im Aufzug stehen, ein Bild mit Aussage. Ansonsten aber: Männer, die auf Bildschirme starren. Man fragt sich, was wohl ein David Fincher aus dem Stoff machen würde.

Und auf einer weiteren Ebene scheitert der Film: Er hätte nämlich ein working place drama werden können, der Menschen bei der Arbeit zeigt und diese Arbeit verständlich macht. Der etwas von der Energie transportiert, die ein Broker empfinden muss, wenn er Millionenbeträge durch die Welt schiebt. Für diese Arbeit interessiert sich Regisseur JC Chandor, der auch das Drehbuch geschrieben hat, aber gar nicht. Die doch so konsequent durchgehaltene Innenperspektive bleibt auf diese Weise hohl.

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Kommentare


Peter Apel

Viel Neues erfährt man nicht in dem Film, schon gar nicht, wie denn nun diese komplizierten Finanzprodukte funktionieren und woran sie scheitern, es ist keine Dokumentation! Aber ein Aspekt war originell: die zwei, die das gigantische Dilemma früh erkennen (und damit ironischerwese die Katastrophe erst auslösen) sind ein Flugzeug Ingenieur und ein Hochbau Ingenieur. Sie haben den Finanzjob angenommen, weil Wall Street mehr zahlt und schließlich gehts da doch auch nur um Zahlen. Der Film deutet so an, dass eine der Krisenursachen die Zahlenjongleure sind, die von den Märkten selbst nichts verstehen. Ob und wann und wie Hypotheken von Privatleuten zurückgezahlt werden, dazu haben sie keine Ansichten, dafür kein Gespür.






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