Maps to the Stars

Die große Ablenkung: Dass sich hinter dem schönen Schein Abgründe verbergen, das gilt nicht nur für die hier porträtierten Filmstars, sondern auch für Maps to the Stars.

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Mit Abgründen kennt David Cronenberg sich aus, mit dem schönen Schein eher weniger. In Cronenbergs letzten Filmen war allerdings auch von Abgründen nicht mehr allzu viel zu spüren. Seinen klinischen Blick richtete er zunehmend auf von Beginn an tote Körper. Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method, 2009) und Cosmopolis (2012) waren recht sterile Autopsien. Die Promikultur Hollywoods ist zwar nicht tot, aber ein Körper, der sich viel zu leicht sezieren lässt. Cronenbergs dieses Mal mit dem Wetzstahl der Farce geschärftes Messer trifft daher von vornherein auf keinen Widerstand. Die Punchlines kommen aus dem unerschöpflichen Reservoir der Filmbranchen-Insider (für Maps to the Stars gesammelt von Drehbuchautor Bruce Wagner, ein für seine Hollywoodsatiren in Romanform bekannt gewordener Schriftsteller), die von sich selbst entfremdeten oder schlichtweg aggressiv-arroganten Alt- und Jungdarsteller sind Klischees. Aber das soll kein Vorwurf sein, denn das alles sind eh Ablenkungsmanöver. Cronenberg gibt vor, etwas zu sezieren, was er eigentlich nur vergiften und verbrennen will.

Only my mother died young

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Dafür setzt er die 18-jährige Agatha (Mia Wasikowska) in einen Greyhound und schickt sie von Florida nach Los Angeles. Bei dem Mädchen laufen die Fäden zusammen, die sich allmählich zur Schlinge um den Hals der porträtierten Celebrities verknüpfen. Nach ihrer Ankunft begegnet Agatha als Erstes dem Chauffeur Jerome, der in einer schönen Umkehrung seiner letzten Rolle für Cronenberg von der Rückbank einer Limousine auf den Fahrersitz geklettert ist. Wie unzählige andere ist Jerome nebenbei Schauspieler und schreibt an Drehbüchern herum, Teil von Hollywoods Reservearmee. Doch Cronenberg will – das sagt der Titel schon – zu den Sternen selbst, hinein ins Leben des Ruhms. Und so heuert Agatha bald als persönliche Assistentin bei der Schauspielerin Havana Segrand an, die gerade verzweifelt versucht, sich aus der Sackgasse ihrer Karriere zu befreien. Julianne Moore wirft sich dabei mit einer weit über den Mut zur Hässlichkeit hinausgehenden Körperlichkeit in diesen Film. Mit Agatha holt sie sich ihr eigenes Trauma ins Haus. Denn Havanas Midlife-Crisis ist ödipal aufgeladen. Ständiger Beobachter des Zerfalls ist ihre tote Mutter, Leinwandheldin der guten, alten Hollywood-Zeit, der es vergönnt war, jung zu sterben. Alt werden, nicht im Schwelgen in Erinnerungen an die eigene Jugend, sondern im Angesicht ewiger Jugendlichkeit der eigenen Mutter, für immer in Bildern festgehalten. Diesem Schicksal ist Havana auf perverse Weise verhaftet. Sie kann dem Gesicht der Mutter nicht entfliehen – es sucht sie heim in Halluzinationen –, und zugleich begehrt sie es: Agatha sehe ihrer Mutter so ähnlich, sagt sie liebevoll.

Rückkehr des Körpers

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Das Mädchen selbst ist Ausgestoßene innerhalb der eigenen Familie. Einst hat sie ihren kleinen Bruder in den Schlaf gewiegt und dann das elterliche Haus angezündet. Die damals entstandenen Verbrennungen markieren Agatha von Beginn an – auch der Body Horror ist hier lange Zeit ein Geist, der den zunächst körperlosen Film heimsucht. Ihr Bruder Benjie (Evan Bird) ist mittlerweile 13 und zu einem arroganten Kinder-Darsteller mutiert, der seinen Chauffeur als „Judenschwuchtel“ beschimpft und sich darüber beschwert, dass ein jüngerer Wicht ihm in einer Kinderserie die lustigsten Pointen klaut. Auch ihm erscheinen bald Geister. Die recht trashig daherkommenden Halluzinationen – eine für einen Meister der radikalen Gleichsetzung unterschiedlicher Realitäten wie Cronenberg ziemlich deutliche Markierung des Einbruchs einer anderen Welt – verstecken dabei nur die grundlegenderen Brüche. Überhaupt ist Maps to the Stars ein weitaus besserer Film als Cronenbergs letzte Werke. Ein Stück Anarchie ist zurückgekehrt, eine Unvorhersehbarkeit, die im theatralen Modus von Eine dunkle Begierde oder im hermetischen Monolograum von Cosmopolis nicht möglich war. Schließlich auch Rückkehr des Körpers: Narben, Gewaltausbrüche, Verdauungsstörungen, halbschlaffe Schwänze. Der entflammbare Leib. Es sind die körperlichen, nicht die psychischen Verwundbarkeiten der Stars, die sich Cronenberg vornimmt.

Hollywood als Brut

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Die Familie nicht als Ort der Geborgenheit und Gemeinschaft, sondern als monströse Konstruktion, Ursprung von Gewalt und Prinzip des Grauens, dieses Motiv durchzog schon Filme wie A History of Violence (2005) und Tödliche Versprechen (Easter Promises, 2007). In Maps to the Stars wendet Cronenberg nun die familiäre Performance der Award-Zeremonien gegen ihre Mitglieder und schenkt der one big happy family ein wunderhübsch lächelndes Bastardkind mit verdächtigen Absichten. Dieser metaphorische Überbau setzt den Film angenehm ab von herkömmlichen Filmbranche-Satiren. Doch die Radikalisierung der Dekonstruktion Hollywoods – die Codierung als inzestuöse Gemeinschaft – spiegelt sich in keiner aus dem Filmischen heraus entwickelten Zuspitzung. Maps to the Stars ist vielmehr von Anfang an eine ewig in die Breite getretene Spitze gegen die Bewohner von Planet Hollywood. Selbst wenn Cronenberg zuletzt etwas anderes vorhat, den beißenden Humor Wagners will er dennoch mitnehmen. Dessen böseste Zeilen sind zugleich die plattesten. Überhaupt lebt der Film sehr selten im Moment. Die inszenatorische Kühle, die spektakulär unspektakulären Bilder von Peter Suschitzky, das holprige Stakkato der Dialoge, das alles gehört zum Prinzip des Ganzen, aber es nimmt zu viel Raum ein. Selbst die Ausstellung des Dilettantischen, die in einem herrlich billigen visuellen Effekt gipfelt, wirkt mitunter eigentümlich distanziert und freudlos. Hier ist kein Leidenschaftler am Werk, dem alles egal ist, sondern ein Kontrollfreak, der gezielt darauf verweisen will, dass ihm bestimmte Dinge egal sind.

Film ohne Öffnung

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Freilich lassen sich der unterkühlte Ton und die radikale Empathieunfähigkeit durchaus als große Stärken früherer Filme des Regisseurs ausmachen. Und doch fehlt hier vieles von dem, was Cronenbergs Kino oft so faszinierend gemacht hat. Aus Maps to the Stars spricht kein zeitdiagnostisch modellierter, entgrenzter Existenzialismus, sondern die Haltung eines Outsiders, der sich in seinem ersten in den USA gedrehten Film nicht infizieren lassen will vom krankhaften Organismus Los Angeles. Cronenberg prügelt mit der Faust auf den Hollywood-Körper ein, um ihn gleichzeitig unbemerkt aufzuschlitzen. Diese lustvolle Zerstörung ist durchaus clever durchgeführt, nur geht ihr das schöpferische Element ab. Hier begegnen sich nicht gleichberechtigte Kräfte auf einer filmischen Ebene und dringen ineinander ein. Vielmehr konstruiert Cronenberg eine zusätzliche Ebene, die ihm bislang recht egal war – die falsche Fassade, hinter der die Abgründe lungern, der schöne Schein – und reißt diese genüsslich ein. Das Monströse wuchert nicht im Menschen, sondern im Showbusiness. Nimm dies, Hollywood. Der Film selbst ist nicht verstrickt in die von ihm erschaffene Welt, der Cronenberg’sche kontrollierte Blick auf den Kontrollverlust bezieht sich nicht mit ein. Die Beklemmung der Stars ist nur mehr behauptetes Symptom eines korrupten Milieus. Es sind nicht mehr unsere Ängste, um die es geht, es sind die Ängste der anderen. Cronenberg ist endgültig zum Kritiker geworden. Was fehlt, ist Neugier.

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Kommentare


Daniel

Sehr guter, praeziser Text. Bin gerade frisch aus dem Kinosaal gekommen und die Erfahrung bebt noch immer nach. Und das ist fuer mich das Stichwort, der Text vermittelt die Oeffnung, die der Film hinterlaesst, die offene Wunde, die man gezwungen ist, zu betrachten, zu befuehlen. Und die so viele moegliche Lesarten ermoeglicht, so viele Spuren, denen Sie zum Teil im Text nachgehen und denen man noch laenger nachgehen moechte. Was mich beim Lesen stoert, unangenehm wie die Verstopfung fuer Havana Segrand, ist das Urteil, das sie aussprechen, etwa dort, wo Sie bemaengeln, dass die Neugier fehlt und Cronenberg zum Kritiker geworden ist. Da bedauere ich, dass auch Sie im Laufe des Textes zum Kritiker werden, wo Sie vorher "nur" scharfsichtig, mit grosser Neugierde beobachtet, analysiert, zergliedert haben. Da, wo dieses zwanghafte, fuer das Format scheinbar unumgaengliche Urteil kommt, verliert auch der Text seine Kraft. Kritik ist einfach viel wuchtiger, wenn sie selbst offen bleibt, genau hinsieht, nachspuert und nicht zwangslaeufig kritisieren muss. Mit kritischen Gruessen, Daniel


Till

Vielen Dank für den schönen Kommentar, mit dem ich viel anfangen kann. Der Kritiker, der das kritisieren kritisiert bietet natürlich einen netten Aufhänger, auch wenn ich das jetzt per se nicht problematisch finde, dafür sind die Aufgaben von "Werk" und "Kritik" dann doch etwas anders verteilt. Ich finde freilich auch, dass Filmkritik nicht zwangsläufig kritisieren/urteilen muss und versuche eine säuberlich eingeteilte Beobachtung-Kritik-Struktur in der Regel auch tunlichst zu vermeiden. Hier war der letzte Absatz aber weniger dem Zwang zum "scheinbar unumänglichen Urteil" geschuldet, als eher ein Versuch, zu begreifen, was mich an dem Film gestört hat, was ein gewisses Unbehagen bei mir ausgelöst hat, das ich auch beim Schreiben nicht weg(be)schreiben wollte. Die "fehlende Neugier" hat bei diesem Versuch dann eher den Status einer vorsichtigen Zwischenthese, kommt im Text vielleicht (und das dann tatsächlich irgendwie notwendigerweise) ein bisschen zu endgültig daher. Aber Kritik ist ja eh nie abgeschlossen. Also danke nochmal für das Feedback.


Frank Werner Pilgram

Von scharfsichtiger Beobachtung des Kritikers kann nur eingeschränkt die Rede sein, wenn schon die erste Szene falsch gesehen und daher nicht verstanden wird: weit davon entfernt, in einem Flugzeug von Florida nach LA zurückzukommen, reist die von der Meute ihrer Erinnerungen gehetzte Agatha die 2500 Meilen ganz proletarisch in einem Greyhound — allerdings von Cronenberg ironisch so gefilmt, als gleite die Kamera durch den Mittelflur eines nächtlich abgedunkelten Fliegers. Offenbar sind die Mittel dieses gefallenen Engels längst nicht mehr so üppig, wie es die Protagonistin bei ihrer Ankunft nach ortsüblichen Regeln mit der Buchung einer Stretchlimosine vorzutäuschen versucht (… es war dann aber trotz des grandiosen Vorkasse-Trinkgelds an den Callboy-Fahrer doch nur ein einfacher Oberklassewagen zu haben) — und das, obwohl sich die Eltern den Versuch, sie auf der anderen Seite des Kontinents auf Distanz zu halten, einiges haben kosten lassen. Der heilige Hain der medialen Welt, in den sie dann zurücktaucht, ist nur noch eine abgebrannte Ruine, ein Trümmergrundstück mit mageren Resten des einstigen Fundaments; ihr Jetset kämpft im freien Fall um den letzten Fallschirm, und nur dem modernen hit man Ryan Bingham alias George Clooney, der an anderer Stelle den Spezialisten fürs Überbringen von solch schlechten Nachrichten gibt, war es noch vergönnt, für immer ‚up in the air’ zu bleiben und als hero unter die Sterne ans Firmament versetzt zu werden.


Till

Vielen Dank für den Hinweis! Fehler wird korrigiert, Beobachtungsgabe geschärft.






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