Mann unter Feuer

„Gott vergibt ihnen, nicht ich. Ich führe sie nur zusammen.“ Tony Scott schickt Denzel Washington in zum Teil betörenden Bildern auf die reaktionärste und faschistoideste Reise ins Jenseits, die er sich ausdenken konnte. Fast im Vorbeigehen inszeniert er dabei die Dekonstruktion des postmodernen Kinos schlechthin.

Mann unter Feuer (Man on Fire)

Denzel Washington stirbt fast zweieinhalb Stunden lang und übertrifft damit sogar noch Johnny Depp als Dead Man (1995). Seit den späten achtziger Jahren verdingte sich Washington eineinhalb Jahrzehnte lang fast ununterbrochen als dunkelhäutiger Saubermann Hollywoods. Seit seiner oscarprämierten Interpretation eines korrupten und über Leichen gehenden Cops in Training Day (2002) scheint er nun seine Berufung gefunden zu haben. Tony Scott, der bereits in Crimson Tide (USS Alabama - Crimson Tide 1995) mit Washington zusammenarbeitete, scheint die Veranlagung erkannt zu haben und lässt ihn als Creasy in der Rolle seines Lebens nun auf die mexikanische Unterwelt los.

An dem von Brian Helgeland verfassten Drehbuch zu Mann unter Feuer (Man on Fire) stimmt rein gar nichts. Oder zumindest setzt Scott es nicht um. Jeder Scott-Fan, der sich einen weiteren kurzweiligen Hochgeschwindigkeits-Videoclip von Mann unter Feuer erwartete, wurde schon am Ticketcounter enttäuscht: Überlängenzuschlag! Scott dehnt den schon milliardenfach gesehenen Racheplot, der sich scheinbar so ideal dem 90 Minuten Format anpasst, auf beinahe zweieinhalb Stunden. In der ersten davon erzählt er von der letzten Liebe eines verkümmerten Mannes, zu dem jungen Mädchen, das er beschützen soll. Scott lässt dabei kein Klischee aus und deutet die vermeintliche Bindung der beiden ausgerechnet in Creasys Funktion als erbarmungsloser Schwimmlehrer an. Drill statt Emotionen. Er lehrt ihr nicht Freude, sondern das Siegen. Dieser Mann ist kalt! Das Mädchen liebt ihn dennoch, was Scott seinem Helden und den Zuschauern an „I love you“-Erklärungen in Form von Tagebucheinträgen verdeutlicht. Dabei handelt es sich allerdings um eine Erwachsenenschrift… Doch hier stutzt der Zuschauer nicht zum ersten und letzten Mal. Denn nachdem sich Scott schon viel zu ausgelassen Zeit für seine pädophile Liaison genommen hat, startet er ein sadistisches Rachekommando, das sich am Ende als völlig sinnentleert herausstellt und zwischendurch immer wieder durch retardierende Momente von der Klimax abgehalten wird.

Mann unter Feuer (Man on Fire)

Immer, wenn der Film auf der musikalischen, Dialog- oder Bildebene an Action oder Fahrt aufnimmt, drosselt der Regisseur wieder auf einer anderen Ebene. Es bleibt beim ständigen Vorspiel, zum Vollzug der Liebenden kann es ja auch nicht kommen. Auf der Dialogebene entdramatisiert Scott seinen Film, wenn er etwa abwechselnd Creasy und die Mutter den Tötungswunsch und Befehl aussprechen lässt. Das funktioniert so: Creasy: „Ich töte sie alle.“ Mutter: „Töte sie!“ Aha! Später fordert sie ihn dann sogar noch konkret auf ihren Mann zu töten. Interessanter als diese Drehbuchscharmützel ist jedoch Scotts Abrechnung mit der eigenen Filmsprache. Als habe er erkannt, dass sein Schnittstakkatokino keine Steigerung mehr innehabe, sprengt Scott seine eigene ästhetische Wucht: fast kein Bild ist mehr in Realzeit abgespielt. Die ständig wechselnden Zeitraffer und Zeitlupen geben dem Film eine psychodelische Wirkung. Unterstützt wird dies durch den Sound. Dort überlagern und zersetzen sich immer wieder Stücke die selbst nur noch Zitate sind. Im famos-bildprächtigen Finale, das Scott ein ums andere Mal überspannt, um schließlich einen überflüssigen quasi authentisierenden Epilog, der die reaktionäre Moral des Films vollendet, zu zeigen, kulminieren die Selbstauslöschung des Regisseurs und die Todessehnsucht seiner Figur.

Mann unter Feuer (Man on Fire)

Während die Filme Quentin Tarantinos, einer weiteren Ikone des postmodernen Gewaltkinos, so liebenswert sind, weil sie von Selbstliebe nur triefen, ist Mann unter Feuer umso destruktiver, weil sein Regisseur sich und den eigenen Film geradezu zersetzt. Dieses in der frühen MTV- und der späten Reagan-Ära geborene postmoderne Blockbuster-Actionkino prallt gewaltig an den eigenen Grenzen ab und wird zurückkatapultiert in die völlige Sinnentleerung und Bedeutungslosigkeit, ins Nichts.

Genau dieses Moment macht einen Besuch des Films so unvergesslich. Nicht nur, dass die Geschichte alle infantilen und sadistischen Männerphantasien auslebt und ihren tötenden Protagonisten selbst tötet, sie ist gleichzeitig das Plateau der Selbstvernichtung eines Regisseurs, der sich und seinen Film in immer gröberen und farbloseren Filmkörnern auflöst. Scotts Sentimentalität zwingt ihn jedoch, einige stimmungsvoll-tragische Bilder als ästhetisches Vermächtnis zu hinterlassen.

 

Trailer zu „Mann unter Feuer“


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Kommentare


Grettli

Die Motivation des depressiven Leibwächters war für mich keine Sekunde zu erkennen und die plötzliche Freundschafts-Liebe-Beziehung zu dem Mädchen das auf einmal in ihm ist unterstreicht die Naivität des Films und seiner Charaktere: Als die Mutter von dem angeblichen Mord an iher Tochter erfährt ist ihre einzige Reaktion ein paar Ohrfeigen und ein bisschen rumgebrülle. Später habe ich ganz vergessen das sie ja eigentlich die Mutter des Mädchens war was man aber anhand ihrer nicht vorhandenen Trauer irgendwie nicht nachvollziehen konnte und auch das er jetz loszieht um einfach alle Entführer, ihrem Mann eingeschlossen, umbringen zu wollen nimmt sie ziemlich cool hin. Insgesamt der blasseste Film den ich je mit einem sonst sehr gut spielenden Washington zu sehen bekommen hab, was nicht nur letzendlich an dem künstlich dramatisch hergeführten Ende liegt.






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