Manila in the Claws of Light

Manila in the Claws of Light ist womöglich Lino Brockas Meisterwerk, jedenfalls aber die Arbeit des Regisseurs mit dem größten filmhistorischen Resonanzkörper.

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Der Film folgt der (von der ländlichen Peripherie ausgehenden) Erkenntnisbewegung des Dritten Kinos und nähert sich dem urbanen Zentrum aus der Sicht und an der Hand des Dorfbewohners Julio Madiaga (Bembol Roco), der sich nach Manila aufgemacht hat, um seine verlorene Geliebte Ligaya (Hilda Koronel) wiederzufinden. Die Geschichte vom Landei in der Großstadt kennt man als Komödie, Brockas Genre aber ist das Melodram, weshalb sein Manila von totaler Geworfenheit kündet – und das (nur in Rückblenden verfügbare) Barrio von einer irreparablen Sehnsucht. Manila in the Claws of Light (Maynila: Sa mga kuko ng liwanag) ist unerbittlich, unversöhnlich: Das dörfliche Idyll, nach dem Julio sich sehnt, zerlegt der Film nach und nach in seine imaginären Bestandteile. Am Ende ist das Verlorene klar als rückprojizierte Fantasie erkennbar – ist Julios Verlorenheit „in den Fängen des Lichts“ als absolut erwiesen.

Ligaya am Palmenstrand

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In the claws of light: Das meint die neonfarbenen city lights von Manila, aber auch das verführerische Licht, das aus den Illustrierten und Kinos strahlt. Das Haus an der (sprechenden) Straßenkreuzung zwischen Santa Cruz und Misericordia, worin Julio seine Ligaya (zwangsverheiratet an einen chinesischen Kaufmann) vermutet, kehrt dem draußen ausharrenden Pauper eine kahle Mauer zu, die in Brockas tranceartiger Inszenierung zur Ersatzleinwand wird: Im Sekundentakt alterniert der Film zwischen der leeren Wand und Julios aufgerissenen Augen, bis aus dem Spalt zwischen Schuss und Gegenschuss filmisch bewegte Wunschbilder auf ihn eindringen. Erzähllogisch könnte man diese Bilder auch als Erinnerungen verstehen. Sie zeigen Ligaya, wie sie sich mit einem breiten Lächeln auf den Lippen dem Betrachterstandpunkt nähert, dahinter einen Palmenstrand. Julio ist besessen von diesem Bild, so wie der Arbeitskollege auf der Baustelle, wo Julio zu Beginn des Films eine vorübergehende Anstellung findet, von seinem Nora-Aunor-Gesangsbuch besessen ist.

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Am Bau erlebt Julio Ausbeutung und Lohnerpressung, aber auch Freundschaft und Solidarität. Das in Bau befindliche Haus sieht aus wie eines jener modernistischen Superprojekte, in die das Marcos-Regime gern viel Geld steckte, ohne sich um die Arbeitssicherheit zu scheren: Der Aunor-Fan wird später von einer fallenden Holzplanke getroffen und stürzt aus dem dritten Stock in den Tod. Wenn der Staub sich nach dem Unfall gelegt hat, birgt die Kamera aus dem Bauschutt das zerfledderte Gesangsbuch, das Antlitz des „Superstars“ am Cover.

Ein cruising ground als Obdach

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Nach kurzer Zeit wird Julio wieder entlassen – in ein Hundeleben ohne jegliche Absicherung, erträglich nur in der Hoffnung, eines Tages mit Ligaya wiedervereint zu sein. Nach und nach erfahren wir, dass Julio schon seit Monaten durch die Stadt irrt, von einem menschenunwürdigen Job zum nächsten seiner verlorenen Liebe hinterher. Einst der Name einer realen und nahen Person, ist „Ligaya“ inzwischen zum Phantasma herabgesunken, das wieder in einen Starkörper, nämlich den von Hilda Koronel, einzieht. Neben der Spektakelkritik ist Manila in the Claws of Light aber stets auch ein straightes sozialkritisches Exposé: Widrige Umstände drängen Julio immer weiter abwärts. Unter den Verlorenen findet der Film indes auch große Zärtlichkeit. Als er einmal nachts kein Dach mehr über dem Kopf findet, begibt sich Julio in einen Park, der sich als cruising ground entpuppt. Wie Brocka diese kleine Heterotopie freisetzt – homoerotische Lichtinseln vor überlebensgroßen Neon-Schildern –, ist schon fast eine Quadratur des Kreises: ein authentisches Straßensetting, gewuchtet in Richtung Querelle-Studioästhetik. Die flüchtige Gemeinschaft dieser Nachtwesen ist auch eine Art von Obdach, nicht in geringerem Maß als das verlorene Dorf, und weit wirklicher als jenes, das eigentlich nur noch in Julios Fantasie besteht. Anzüglichkeit und Barmherzigkeit halten sich in etwa die Waage, wenn einer der Parkflaneure fragt: „Do you have a place to go?“ Und warum sollten sie auch nicht: Christliche und fleischliche Liebe sind in diesem Film nie als Gegensätze konzipiert.

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Am Bau, im Slum, im Puff macht Julio harte Erfahrungen. Am Ende wird er Ligaya finden. Das einzige, traurige Ornament an den kahlen grauen Wänden des Hotelzimmers, worin die beiden sich nach so langer Zeit nackt in den Armen liegen dürfen, ist eine winzige gerahmte Farbfotografie mit Sand, Strand und Palmen: Das Idyll, in dem (und als das) Ligaya ihm auf seiner verzweifelten Suche vorgeschwebt war, ist zu einem Postkartenklischee zusammengeschrumpft.

Trailer zu „Manila in the Claws of Light“


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