Manila by Night

Lügen, die Trost spenden. Ishmael Bernal stellt mit seinem ungebändigten Großstadtepos die konservative Ordnung der Marcos-Diktatur auf den Kopf.

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Ein Musikclub in der philippinischen Hauptstadt Manila. Ein junger Student mit Mittelscheitel und traurigen Augen sitzt auf der Bühne und singt für das Publikum Teach Your Children von Crosby, Stills und Nash. In dem Song geht es um Kinder und Eltern, die sich voneinander entfremdet haben, um Geheimnisse, die man vor dem Anderen hat und darum, dass dieser Zustand vielleicht gar nicht so schlecht ist, weil man die Wahrheit nicht immer erträgt. Zu Ishmael Bernals Großstadtepos Manila by Night (1980) passt der Song ausgezeichnet, weil es auch hier darum geht, unangenehme Geständnisse zu vermeiden. Der junge Sänger mit den Namen Alex (William Martinez) verheimlicht beispielsweise vor seiner Mutter, dass er Drogen nimmt und neben seiner Beziehung mit einem Mädchen aus gutem Haus auch regelmäßig mit einem Mann schläft. Die Mutter steht ihm jedoch in nichts nach: Sie hat die Herkunft ihres reichen Mannes längst zu ihrer eigenen gemacht, behandelt ihre Angestellten wie Leibeigene und wird erst durch den Besuch einer ehemaligen Kollegin daran erinnert, dass sie selbst einmal auf den Strich gegangen ist.

Auch ansonsten wird im nächtlichen Manila gelogen und betrogen, was das Zeug hält. Dass sich die Menschen nicht die Wahrheit sagen, stilisiert Bernal aber nicht zum Skandal. Es ist schlichter Pragmatismus, der sie dazu treibt. Als der Modedesigner „Sister Sharon“ (Bernardo Bernardo) eng umschlungen mit Alex im Bett liegt, möchte er ein Liebesgeständnis von ihm hören. Sharon weiß natürlich, dass der gemeinsame Moment – auch für ihn selbst – nicht mehr als Sex war, dass Alex eine Freundin und die Beziehung zwischen den beiden Männern keine Zukunft hat. Trotzdem will er ein „Ich liebe dich“ hören; eine Lüge, die erst gar nicht vorgibt, die Wahrheit zu sein, aber zumindest für einen kurzen Augenblick Trost spenden kann.

A code that you can live by

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Doch zurück in den Musikclub, in dem fast alle Figuren des Films versammelt sind. Bernals Protagonisten sind Gescheiterte und Ausgestoßene, deren Überlebensstrategie sich mit einer Zeile aus Teach Your Children beschreiben lässt: „You, who are on the road. Must have a code that you can live by.“ Sie versuchen das Beste aus den begrenzten Möglichkeiten zu machen, die ihnen diese verrottete Stadt zugesteht. Sie, das sind unter anderem eine blinde Sexarbeiterin, eine lesbische Drogendealerin, eine vermeintliche Krankenschwester, die anschaffen geht, oder ein junges, naives Ding vom Land, das sich in der großen Stadt von einem Taxifahrer schwängern lässt, der wiederum mit der Krankenschwester verheiratet ist und ein Verhältnis mit Sharon hat. Sie alle sitzen in dieser frühen Szene des Films beisammen und halten kurz inne. Und kaum werden wir ein bisschen eingelullt von der Musik, holt uns ein Schuss zurück in die Wirklichkeit.

Wie aufgescheuchte Hühner springen die Gäste auf und flüchten aus dem Lokal. Ihre Wege zerstreuen sich, nur um sich im weiteren Verlauf des Films immer wieder zu kreuzen. Obwohl alle Figuren auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind, wirken diese Beziehungen in Manila by Night nicht konstruiert, sondern scheinen sich organisch aus einem sehr viel größeren, nie ganz greifbaren urbanen Geflecht heraus zu entwickeln. Die Stadt ist bei Bernal immer auch selbst Protagonist. Das lässt sich schon an der Kamera beobachten, die sich häufig von rein ökonomischen Bewegungen löst, um abzuschweifen, zu belebten Straßen und Plätzen, schummrigen Clubs oder anderen Orten der Stadt, an denen die Figuren im Getümmel verloren gehen und Bernal nach einigen Momenten der Desorientierung wieder einen anderen Protagonisten findet, mit dem er die Erzählung fortsetzen kann.

Ein immer wieder gestörter Fokus

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Der mäandernde Blick Bernals markiert den größten Unterschied zu Lino Brockas Manila in the Claws of Light (Maynila, sa mga kuko ng liwanag, 1975) – dem anderen großen Klassiker des philippinischen Kinos, der die Hauptstadt als alles verschlingenden Moloch inszeniert. Und dieser immer wieder gestörte Fokus hat nicht nur mit den verschiedenen Erzählsträngen zu tun, sondern auch damit, dass der Film ständig deutlich macht, dass es noch viele andere potenzielle Geschichten gäbe, die er auch erzählen könnte. Woher etwa der Schuss während des Konzerts kommt, wird nie geklärt. In einer Stadt wie Manila, so vermittelt uns der Film, passiert so etwas eben. Es gibt mehrere solcher Augenblicke, die sich nicht in den Dienst der Handlung stellen lassen. Wenn etwa gegen Ende einer der Protagonisten ermordet wird, interessiert Bernal weder die Identität des Täters noch der Grund für die Tat. Der Film macht seine Grenzen transparent: Der Blick auf eine so große Stadt muss sich zwangsläufig auf einen kleinen Ausschnitt begrenzen.

Interessant ist Manila by Night auch, weil ihn die Fallhöhe des Melodrams nur bedingt interessiert. Es gibt zwar den drogenabhängigen Alex, der wohlhabend ist und eine mögliche Karriere als Musiker vor sich hat, die anderen Figuren sind aber längst im unteren Bereich der sozialen Hackordnung angekommen. Und obwohl sich gegen Ende doch noch einiges Unheil zusammenbraut, ist das, was Bernal vom Leben seiner Protagonisten zeigt, keineswegs ein mitleidiger Streifzug durch das Elend. Sein Film ist von einer erstaunlichen Leichtigkeit geprägt, von einem immer etwas albernen Humor und teilweise sogar von völliger Schwerelosigkeit. Als die Eltern von Alex etwa erfahren, dass ihr Sohn Drogen nimmt, werfen sie in einer comichaft überzeichneten Slapsticknummer die gesamte Wohnungseinrichtung auf ihn. Und während am Rande der Erzählung immer wieder nach christlicher Erlösung gesucht wird, inszeniert der Regisseur ausgerechnet einen psychedelischen Drogentrip als transzendentales Gruppenerlebnis am Meer. Bernal stellt die konservative Ordnung auf den Kopf. Die Sehnsucht nach Liebe kann durch die Begegnung mit einer Prostituierten gestillt werden, während private Beziehungen von ökonomischen Zwängen entromantisiert werden.

Ein propagandistischer Umdeutungsversuch

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Trotz seiner subversiven Kraft hat Manila by Night doch einen Makel; einen Schönheitsfehler, der fast den ganzen Film in einem neuen Licht erscheinen lässt. Im Schnelldurchlauf zeigt er am Schluss, was aus den einzelnen Figuren geworden ist, und rückt damit alles, was von Anstand und Norm abweicht, wieder gerade: Die Kriminellen müssen ins Gefängnis und die Perversen bekehrt werden. Lediglich jene, die zumindest gute Absichten haben, bekommen noch eine Chance. Um diesen plötzlichen Sinneswandel zu verstehen, muss man wissen, dass Manila by Night in den dunkelsten Jahren der Marcos-Diktatur entstanden ist. Während sich das Sexploitationkino in dieser Zeit ungeahnter Freiheiten erfreute, hatte es fast jeder Film schwer, der sich kritisch mit der Heimat auseinandersetzte. Diktatorengattin Imelda Marcos missfiel schon der Titel von Bernals Film, der anschließend in City after Dark abgeändert werden musste. Im Rahmen einer neuen, gesäuberten Schnittfassung muss auch der Einschub mit den Zukunftsaussichten entstanden sein. Und als gewaltsamer Eingriff in einen Film, der gesellschaftlich und politisch in eine ganz andere Richtung zeigt, bleibt er denn auch sichtbar. Interessanterweise steht dieser propagandistische Umdeutungsversuch aber nicht ganz am Schluss. Als wolle Bernal retten, was noch zu retten ist, kehrt er wieder für einige Minuten in die Vergangenheit zurück, zeigt die verlorenen Seelen, wie sie ziellos durch die Stadt schlendern, während langsam die Sonne aufgeht. Gegen die Lügen des Regimes bäumt er sich noch ein letztes Mal mit einem poetisch überhöhten Moment der ungeschminkten Realität auf.

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