Manderlay

Selbstzerstörung und Neuerfindung lassen Lars von Triers Filme immer wieder zu einer Überraschung werden. Mit Manderlay setzt er zum ersten Mal auf Kontinuität und schafft es mit diesem Abziehbild von Dogville (2003) wie gewohnt wohlsortierte moralische Kategorien zu demontieren.

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Filmen ist ein Formenspiel, lässt sich aus Lars von Triers letztem Film bequem schließen. In dem kaum beachteten Dokumentarfilm The Five Obstructions (2003), versucht von Trier seinem alternden dänischen Regisseurskollegen Jørgen Leth zu verstehen zu geben, dass ein Filmemacher den eigenen Stil immer wieder aufs Neue sprengen und ohne Rücksicht auf Verluste ab und zu einen gewaltigen Schritt in eine unerwartete Richtung gehen sollte. Man könnte meinen, dass von Trier, der in jedem seiner eigenen Filme diese Infragestellung und Überschreitung der Form durchdekliniert, mit The Five Obstructions so etwas wie einen möglichen Schlüssel für seine stets polarisierenden, ungewöhnlichen Werke liefert. Doch das wäre für den chamäleonartigen Filmemacher wohl eine zu einfach gestrickte, hintertürfreie Botschaft. Denn neben seiner debattenauslösenden, wechselhaften Filmformpolitik, schallt es von der Kanzel Leinwand mit großer Beständigkeit auch inhaltspolitisch in den Kinosaal hinein. Erstaunlich kontinuierlich tanzt dort von Film zu Film das Barbarische im Menschen entblößt im Projektorenlicht und überfällt ohne jede Hemmung den schutzlos im Sitz gefangenen Zuschauer.

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Liebe und Hass vermag der dänische Filmemacher mit seinem changierenden Stil und weltanklägerischen Pamphleten auf sich zu ziehen, deren formelle Instabilität und laute Botschaften sich nirgendwo gefühlskräftiger äußern als in der „Goldherz“-Trilogie. Zwischen der opulenten Landschaftsmalerei in Breaking the Waves (1996), dem kargen Dogma-Stil in Idioten (1998) und dem Musical Dancer in the Dark (2000) mit seinen getanzten Traumsequenzen liegen ästhetische Welten. Die Protagonistinnen der drei Filme verbindet jedoch dieselbe grenzenlose Güte, an deren märtyrerhaften Selbstlosigkeit rücksichtslos das Böse durchexerziert und angeklagt wird. Weniger manichäistisch, aber genauso marktschreierisch wie künstlerisch durchdacht, hat von Trier vor zwei Jahren mit Dogville (2003) den Auftakt für seine USA-Trilogie gegeben, welche zum ersten Mal über drei Filme hinweg eine einheitliche stilistische Linie und den Weg einer einzigen Hauptfigur verfolgt.

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Als Sequel von Dogville führt nun Manderlay die Emanzipationsversuche der Protagonistin Grace von ihrem Gangster-Vater weiter. Diese hatten Grace zunächst in das Bergdörfchen Dogville verschlagen, wo man ihre Integrationswilligkeit bald schamlos ausnutzte, bis sie schließlich von ihrem Vater befreit wurde und das Dorf aus Rache zerstören ließ. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe geraten Grace und ihr Vater diesmal auf die Baumwollplantage Manderlay im Bundesstaat Alabama, wo Sklaverei offensichtlich noch praktiziert wird. Grace ergreift die Gelegenheit, die Verhältnisse dort mithilfe einiger bewaffneter Gangster aus dem Trupp ihres Vaters zu ändern. Sie befreit die schwarzen Sklaven von der weißen Gutsherrenfamilie und versucht sie bis zur nächsten Ernte zu lehren, was Demokratie und Freiheit bedeuten.

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Immer noch auf ein paar Kreidestriche und spartanische Requisiten im dunklen Filmstudio reduziert, sieht auch Manderlay nach kaum mehr als einer minimalistisch dekorierten Theaterbühne aus. Ebenso setzt sich das Ensemble teilweise wieder aus Dogville-Schauspielern zusammen, wenngleich diese meist in gänzlich neuen Rollen auftreten. Die von Nicole Kidman gespielte Hauptfigur Grace wurde hingegen mit der junge Bryce Dallas Howard besetzt. Obwohl so mancher Fan das brilliante Spiel von Nicole Kidman wohl vermissen wird, weiß sich die neue Grace in ihrer zweiten großen Kinohauptrolle nach The Village (2004) gegen den Schatten ihrer berühmten Kollegin zu behaupten und interpretiert die Figur auf ihre eigene Weise. Sie verleiht ihr unbedarftere, naivere Züge, die der selbsternannten Weltverbesserin Grace durchaus gut zu Gesicht stehen.

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Somit entfaltet sich Manderlay trotz rigoroser Fortführung von Dogville zu einer neu nuancierten, selbständigen Variation von Lars von Triers filmübergreifender Wanderung durch die moralischen Niederungen dieser Welt. Bereits in Dogville gesehen, bricht sich der Blick hier nicht mehr in der eigenwilligen Form. Frei von stilistischen Überraschungen oder schwerer Affektartillerie zählt allein die Entwicklung der Botschaft, die durch ihre Unverstelltheit universeller, konzentrierter und schärfer denn je zu Tage treten kann. Erbarmungslos rückt von Trier seine Figuren auf dem Spielbrett Manderlay in unangenehme Konstellationen zusammen, die, allen Idealen von Gleichheit und Freiheit entgegen, das unterschwellig Rassistische der missionarischen Grace, das skandalös Nützliche an der Sklaverei für die Unterdrückten und mal wieder das Böse im Menschen an die Oberfläche hieven.

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Obgleich von Trier Manderlay mit denselben Effekten knüpft und dasselbe Feindbild USA anvisiert, gelingt es ihm durch sein reflektiertes und timbriertes Sezieren des Sujets Sklaverei einmal mehr einen beunruhigenden, durchaus globalen Blick auf das nicht nur in Amerika verkorkste Zusammenspiel zwischen Gut und Böse, Ideal und Wirklichkeit zu werfen. Im Gegensatz zu den drei „Goldherz“-Frauen, die sich mit ihrer unbefleckten Gutheit nicht aus den Fängen der boshaften Welt befreien können, rettet sich Grace vorerst nur dank ihres maliziösen Kerns aus Dogville und Manderlay. In Washington erwartet sie das nächste Gesellschaftsspiel unter von Triers moralischem Tranchiermesser.

Kommentare


andreas jacke

"Manderlay"
zur Dekonstruktion der Demokratie

Ein schwiergier Film, der eben keineswegs einfach "Dogville" fortführt. Zunächst wird Grace hier in einer lobenswerten Weise vielmehr zu einer Täterin. Damit gibt Trier sein Opferkonzept ein ganzes Stück weit nun engültig auf. Und er richtet es da wieder ein wo es um Erotik geht... aber das ist vielleicht sogar noch verzeihlich...

Dann aber wird die Idee der Demokratie -versus Hierachie auch und vor allem im Sozialen durchgespielt. Wie immer mehr oder weniger ein Experiment. Und das Resultat ist erschreckend, den die Skalven entscheiden sich am Ende für die Versklavung und gegen die Demokratie. Das ist natürlich ein Provokation, trotzdem muß einem das nicht gefallen. Und wenn Trier dann auch noch sagt "Die Geschichte der O" hätte ihn da inspiriert - dann bekommt man ein wenig den Eindruck - das es hier zusehr um Partialtriebe geht und dabei das Eigentliche doch ein wenig auf der Stecke geblieben ist.
Jaques Derrida letzte Werke bemühen sich darum zu zeigen , wie wenig der Gedanke der Demokratie wirklich angekommen ist in unserer Gesellschaft. Trier zeigt nun dasselbe - aber die Resignation und den Rückfall in die Formen davor... das hätte er uns ruhig ersparen können, finde ich. Ein Film der etwas Veraltetes trifft, ohne dabei auf die Höhe unserer Zeit zu gelangen. Denn hinter den Gedanken der Demokratie ist nun wirklich niemand mehr bereit zurüvckzugehen.. Aber das ist eben auch ein historischer Film.. könnte man nun einwenden... Ja und nein, denn auch Manderlay ist ja parabelhaft angelegt.
Nun ich würde mich Derrda anschließen wollen, wenn er sagt das man die Demokratie zuende denken muß.. Wenn wir verstehen lernen müssen was das eigentlich wirklich bedeutet. Triers Film hilf da sicherlich weiter - nur fehlt ihm leider durch den Rückzug auf die Hierachie wohl der Glaube an die Verwirklichung demokratischer Prinzipien. Dafür hat er allen Grund.. das stimmt schon.. Schade und traurig ist das trotzdem. Man sollte die Hoffnung da doch nicht aufgeben und mal sehen das wir gesellschaftlich hinter die Forderungen der Demokratie seit der Aufklärung nie mehr zurückgegangen sind.






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