Mañana al Mar

Ein Stadtstrand Barcelonas im eisigen Winter – und dennoch kein verlassener Ort. Konzentriert auf einen Strandkilometer gelingt Dokumentarfilmerin Ines Thomsen das Porträt dreier Menschen, ein Stimmungsbild des Alterns und der Lebensfreude am Meer.

Mañana al Mar

Wer aufs Meer schaut, sieht immer auch die eigene Endlichkeit, angesichts der dröhnenden Weite wird der Einzelne ganz klein. Das Kino funktioniert andersherum: Zelluloid konserviert die Zeit und macht das Leben groß. Mañana al Mar bezieht seinen Reiz daraus, dass man vom Kinosessel aus den Wellen zuschauen kann und alten Menschen beim Jungsein. Die Protagonisten sind jenseits der 70, jenseits der 80, dass sie ein bewegtes Leben hinter sich haben müssen, ahnt man. Dass sie lange gelebt haben, sieht man. Jetzt nutzen Paulina, José und Antonio jeden Tag, um ans Meer zu fahren.

Die Tatsache, dass es sich um einen der kältesten katalanischen Winter seit 20 Jahren handelt, hält Paulina nicht davon ab, ins Wasser zu gehen. In den Wellen ist sie wieder beweglich wie eine junge Frau, sie wirft die schweren Beine in die Luft, dreht sich um die eigene Achse und singt kubanische Boleros, ihre Krücke bleibt aufrecht im Sand steckend zurück. Der eher schweigsame Antonio hat sich mit geklautem Zement und in beharrlicher Arbeit auf der Mole eine kleine Sitzburg erbaut, die die anderen Strandbesucher sein „Landgut“ nennen. Hier verbringt er die Tage, schaut aufs Meer und wartet auf Massage-Kundinnen, die nicht kommen. José, der gern Geschichten erzählt, hat im Alter angefangen zu joggen – oder vielmehr im gezügelten Tempo mit gebeugtem Rücken über den Strand zu laufen. Kurz hält er seinen deformierten Fuß ins Bild, der nur in eigens verbreiterte Schuhe hineinpasst und ihn bei Arztbesuchen regelmäßig zur Sensation werden lässt.

Mañana al Mar

Die Kamera registriert, was die Zeit mit den Körpern gemacht hat, die sich trotz sichtbarer Kraftanstrengung immer weiter bewegen wollen, bis es irgendwann eben nicht mehr geht, aber der Film stellt diese Gebrechlichkeit nicht zusätzlich aus. Normal gealterte Menschen im Badeanzug – sie zeigt das Kino sonst selten. Natürlich geht es auch um den Tod – „Wir zählen die Jahre“ ist ein Lieblingsspruch von Paulina, und José hat bereits seine eigene Beerdigung bezahlt. Aber Mañana al Mar ist von einem angenehm unaufgeregten und unpittoresken Blick auf die Protagonisten und ihr Altern geprägt. Geschuldet ist dies vielleicht der Nähe zu Regisseurin und Kamerafrau Ines Thomsen, die selbst ein Jahr in Barcelona lebte, die singende Paulina – „Sie war nicht zu überhören“ – entdeckt und bereits einen Kurzfilm über sie gedreht hatte. Thomsens Langfilmdebüt Mañana al Mar entstand Anfang 2005 während zweier Wintermonate und entbehrt glücklicherweise eines folkloristischen Blicks von außen, mit dem man sich dem Thema auch hätte nähern können.

Die tatsächliche Außentemperatur während der Dreharbeiten ist angesichts der abgehärteten Senioren – Paulina singt selbst im Wasser von der Sonne – nur zu ahnen. Im fertigen Film ist die direkte Präsenz des Teams nie zu sehen und nur zu hören, wenn die Aufgenommenen ihre Dokumentaristen anreden oder „die Mädels“ erwähnen. Was auffällt, ist die Beweglichkeit der Kamera, die zunächst sehr eng, mit fließend auf- und abgleitendem Blick die Menschen begleitet, mit Paulina ins Wasser taucht, um danach wieder ruhige Momentaufnahmen als Totalen einzufangen, die in ihrer Lakonie nicht ohne melancholische Komik sind: diese Nicht-Gegend eines winterlichen Strandes mit Baukränen und leerstehende Bettenburgen am Horizont, die quietschenden Trimm-Dich-Geräte vor dem grauen Sportclub, Bretterverhaue und Stacheldraht und immer wieder eine Gruppe Männer ins Dominospiel vertieft.

Mañana al Mar

Der angenehm stimmige Schnittrhythmus und der Kamerablick, der sich viel für Details interessiert, geben dem Kinobesuch die Atmosphäre eines Tags am Meer – mit geöffneten Sinnen und ohne große Dramaturgie. Da erscheint das Glitzern der Sonne auf den Wellen, die konzentrischen Kreise von Regentropfen, die gischtige Brandung und viel Strandgetier, Krebse und Asseln, das seine eigene Zeit lebt und durch die Makroaufnahmen kriecht. Über all dem tönt einmal täglich aus dem Strandlautsprecher eine obskure Platte des Schwimmvereins Barcelona und schickt ihre knarzige Hymne in die Weite hinaus: „Blau ist der Himmel, blau ist das Meer, blau sind unsere Gedanken.“

In einer weiteren dieser wie nebenbei gedrehten Szenen suchen die Strandgäste bei aufgewühlter Brandung den Sand nach kleinen angespülten Schätzen ab. Ihre Funde tragen sie an den Fingern wie Eheringe. Nach Mañana al Mar bleibt die Überzeugung, dass die Vermählung mit dem Meer eine der schönsten Beziehungen ist – und auch die dauerhafteste, bis dass der Tod sie scheidet.

 

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