Man muss mich nicht lieben

Stéphane Brizé (Le bleu des villes, 1999) spinnt mit leichter Hand eine Geschichte um den Tangotanz herum, in der es um nicht weniger als die Leere im Leben, die Liebe und das Älterwerden geht.

Man muss mich nicht lieben

Der Tango, angeblich ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann, hat schon oft Filmemacher inspiriert. Entstanden sind dabei so unterschiedliche Werke wie The Tango Lesson von Sally Potter (1997) oder Der Duft der Frauen (Scent of a Woman, 1992) von Martin Brest. In beiden Fällen steht der argentinische Tanz weniger für Traurigkeit, sondern vielmehr für Lebenslust. So ist es auch in Stéphane Brizés zweitem Langspielfilm Man muss mich nicht lieben (Je ne suis pas là pour être aimé). Traurig ist die Hauptfigur Jean-Claude (Patrick Chesnais) schon genug. Mit mühseligen Schritten schleppt er sich zu Beginn, während des Vorspanns, ein Treppenhaus hinauf, und die Tango-Rhythmen der Tonspur sind der schwungvolle Kontrast zu seiner schnaufenden Aufwärtsbewegung. Oben angekommen, eröffnet Jean-Claude einer verdutzten Mieterin, dass ihre Pfändung unmittelbar bevorstehe. Der Verzweiflung der Frau hat der Gerichtsvollzieher außer seinem stoischen Gesichtsausdruck nur ein genuscheltes „Das ist nicht mein Problem“ entgegenzusetzen. In diesem Moment ist der Vorspann beim Titel angelangt, und wahrhaftig, diesen Mann muss man nicht lieben. Dass der Film es innerhalb von 93 Minuten schafft, Jean-Claude doch ins Herz zu schließen, sagt viel darüber aus, wie Brizé seine Geschichte erzählt.

Jean-Claude ist 50 Jahre alt. Er hasst seinen Beruf, lebt allein, hat lange keine Freude mehr empfunden und verbringt quälende Stunden bei seinem kaltherzigen Vater (Georges Wilson), der den Sohn sogar noch bei dessen Besuchen im Altersheim terrorisiert und mit Vorwürfen überhäuft. Auf Anraten seines Arztes sucht sich Jean-Claude einen Sport. Er besucht die Tanzschule, die er von seinem Bürofenster aus sehen kann und in die er schon häufig sehnsuchtsvolle Blicke geworfen hat. Die überdeutliche Symbolik - neben dem Tango und dem Job als Gerichtsvollzieher vor allem die Pflanzen, die Jean-Claudes völlig anders geratener Sohn (Cyril Coupon) über alles liebt und mit denen er als Junior-Partner in das zuvor karge Gerichtsvollzieher-Büro einzieht - nimmt dem Film nichts von seiner Leichtigkeit.

Man muss mich nicht lieben

In dem Tango-Kurs trifft Jean-Claude auf Françoise. Zwischen der jungen, attraktiven, aber von ihrem Verlobten vernachlässigten Frau und dem älteren Mann entwickelt sich eine so unwahrscheinliche wie schöne Liebesgeschichte. Die in Deutschland noch nicht sehr bekannte Schauspielerin Anne Consigny, die zuletzt in Die Frau des Leuchtturmwärters (L’équipier, 2004) zu sehen war, spielt diese Françoise auf bezaubernde Weise. Ihre schüchterne Offenheit und ihr zart-festhaltendes Werben konterkarieren Jean-Claudes an Bill Murray (Lost in Translation, 2004; Broken Flowers, 2005) erinnernde Lethargie. Die unterschiedlichen Charaktere manifestieren sich auch in zwei unterschiedlichen Schauspiel-Stilen. Während Patrick Chesnais seine Mimik fast völlig zurückfährt, kann man in Anne Consignys Gesicht lesen wie in einem Buch. Die Blicke, die beide sich gegenseitig zuwerfen, tragen den ganzen Film.

Der Tango und die Liebe bewirken, wie zu erwarten war, eine deutliche Veränderung bei Jean-Claude, der nun auftaut, seinen Mitmenschen gegenüber freundlich und sogar mitfühlend wird. So vorhersehbar dies auf der Handlungsebene sein mag, so einfühlsam und mit einem aufmerksamen Blick für leise Komik ist es in Szene gesetzt - etwa wenn der so unendlich müde wirkende Jean-Claude in einem Kaufhaus ein Parfum namens „Passion Intense“ kauft.

Man muss mich nicht lieben

Auf einer weiteren Ebene ist Man muss mich nicht lieben weniger ein Film über die Liebe als vielmehr einer über das Älterwerden. Dieser Aspekt wird ausschließlich über die männlichen Figuren transportiert: Jean-Claude selbst, seinen Sohn und seinen Vater. Vor allem bei den quälenden Szenen im Altenheim schlägt Brizé einen ganz anderen Ton an. Rau, ungehobelt, trost- und lieblos geht es da zu. In diesem Zusammenspiel von schwebender Komödie und hartem Vor-den-Kopf-Stoßen findet der Film sein Gleichgewicht. Wie beim Tango besteht die Kunst darin, fließende, langsame Bewegungen mit zackigen Schritten zu kombinieren - und dabei nicht umzufallen. Dem Film gelingt das, und er sieht dabei so elegant aus wie es sich für einen Tango gehört.

Kommentare


Martin Z.

Als der Fünfzigjährige Jean-Claude, den das Leben wirklich nicht verwöhnt hat (geschieden, Herzschwäche, Beruf: Gerichtsvollzieher), den Tanz entdeckt und in Francoise eine um zwanzig Jahre jüngere, kongeniale Partnerin findet, kommt Licht in sein düsteres Leben. Beide vergessen dann den jeweiligen grauen Alltag, den jeder von ihnen hinter sich herschleift und verschmelzen, werden eins beim durchschlagenden Rhythmus und der faszinierenden Musik des Tangos. Das Verhältnis der beiden wird durch Blicke, verstohlenes Händedrücken und den Tanz in einem gespannten Schwebezustand gehalten und kommt ohne Sex aus. Wenn beide über die Tanzfläche gleiten kann man den Genuss am Gesichtsausdruck von Francoise ablesen. Alle Sinne werden befriedigt, sie taucht quasi in ihn ein. . .
Ein leiser, sinnlicher Film, der Lust auf Tango macht.


marie

ein wunderbarer Schauspieler,ein Mann ,der mir so sehr gefällt,daß ich den Film immer wieder ansehen muß---






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