Mama Colonel

Berlinale 2017 – Forum: Dieudo Hamadi hat erneut einen Film gedreht, der ein unermessliches Land in einem einzelnen Thema aufschimmern lässt. Es ist die Geschichte einer Heldin, die widrigsten Umständen trotzt und sich teils unerträglichem Leid annimmt.

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Wenn es wenig gibt, kann man keine Solidarität erwarten. Wenn es um so gut wie nichts geht, dann ist Hilfe für die einen schnell eine Absage an die anderen. Und so gönnen sich die beiden Opfergruppen nichts, stehen sich die die entehrten Opfer von Vergewaltigungen den versehrten Opfern von Verstümmelungen gegenüber. Wer ist „echtes“, wer „falsches“ Opfer? Der Schmerz der einen ist sichtbar, als körperliche Wunden. Deswegen sind sie offiziell als Opfer anerkannt. Der Schmerz der anderen aber, allesamt Frauen, bleibt unsichtbar. Die verletzten Seelen hüllen sich in Schweigen. Und mittendrin, zwischendrin, steht Colonel Honorine Munyole, von allen nur respektvoll Maman Colonel genannt, Leiterin der Polizeieinheit zum Schutz der Kinder und für den Kampf gegen Vergewaltigungen.

Mit der Kamera dem Koloss Kongo auf der Schliche

Das Besondere der stets wunderbar schlanken, thematisch klar konturierten Filme Dieudo Hamadis ist, dass er sich in seinem für Korruption und Staatsversagen berüchtigten Heimatland Kongo für Institutionen interessiert: das Gesundheitswesen in Women in Waiting (Dames en attente, 2009), Politik und Kirche in Atalaku (2013), der Bildungssektor in National Exam (Examen d’état, 2014). Und nun, in Maman Colonel, die Polizei. Hamadi spürt seine höchst verdichteten soziale Reibungspunkte da auf, wo sich allen systematischen Hindernissen zum Trotz Systeme, Autoritäten, Verfahrensweisen stabilisieren und etablieren wollen. Und wo sie, wenig verwunderlich angesichts grassierender Armut, beständig unterlaufen, subvertiert, umgangen werden. Es sind Institutionen im höchsten Risikomodus. Mit dieser Methode zwingt Hamadi die Widersprüche der DR Kongo, dieses postkolonialen Kolosses, durch die Linse seiner total immersiven Digitalkamera wie durch ein Nadelöhr. So werden sie erkennbar als echte Konflikte von Menschen miteinander und um etwas. Hamadi ist ein Genie, filmische Erkenntnisse mitten aus einer unglaublich vielfältigen, hochlebendigen gesellschaftlichen Textur zu bergen.

Manchmal unaushaltbar

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Maman Colonel ist dabei dennoch ein Sonderfall. Hamadis Filme boten den des Kongo unkundigen Zuschauenden oft gerade deshalb hochinteressante Erfahrungen, weil sie sich stets Personen und Konflikte suchten, die es hierzulande selten in Zeitungen schaffen (zum Beispiel dem Handel mit den richtigen Lösungen für Uni-Zugangstests). Diesmal aber geht es um „Hot Topics“ der NGO-Rhethorik und Afrikaberichterstattung – um die zahllosen Vergewaltigungsfälle im Windschatten des dichten kongolesischen Teppichs an Kriegen und Konflikten, sowie um verstoßene, verprügelte Kinder, denen Hexenfähigkeiten nachgesagt werden. Doch auch wenn Hamadi mit seiner Themenwahl dem westlichen Publikum diesmal in die Erwartungskarten spielen sollte – seine Methode, seine Ästhetik, kurzum, seine Ethik, präpariert diese oft grausamen, manchmal unvorstellbaren Geschichten aus dem konkreten Leben heraus, und sucht sie nicht gezielt mit dem Horrorstory-Interesse des Nachrichtenkorrespondenten auf. Indem er sich an die Fersen seiner Heldenfigur, der ewig perfekt frisierten, zugleich autoritären wie großherzigen Maman Colonel heftet, stürzt das Leid dieses Landes auf ihn und seine Kamera ein.

Wie immer ist Hamadi selbst Kamera- und oft Tonmann, das Ein-Mann-Filmteam. Alles hier spricht Nähe, der Blickwinkel ist das Gegenteil von souverän, ist mitgerissen – und: mitverstrickt. Manchmal hat es Züge von embedded journalism, wenn Hamadi mit der Polizei auf Razzia geht, wenn er der Kindesmisshandlung beschuldigte Frauen direkt bei der Festnahme filmt, ihnen ungefragt beim Sich-Wehren und Kreischen zuschaut. Das ist scharf an der Grenze zur Vorverurteilung. Doch der raue, hochbegewegte, im wahrsten Sinne aufgewühlte Look des Films formt demgegenüber glaubhaft ein Gefühl, dass Hamadi selbst in der Dynamik der Momente mitgeschleudert wird, und sich vor allem selbst tief berühren lässt von dem unausmesslichen Leid, dass die Frauen und Kinder erlitten haben müssen. Es sind teils kaum auszuhaltende Szenen, wenn sichtbar vom Trauma versteinerte Gesichter Maman Colonel von ihren Entbehrungen, von Prügeleien, Misshandlungen erzählen.

Zwischen Überfülle und Ordnung

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Maman Colonel hört mehr als zu. Sie setzt sich ein bis an die Grenze der Selbstentwürdigung, geht mit dem Megafon betteln, um Almosen für gedemütigte Frauen in einem armen Land. Natürlich erntet sie nur Hohn: Warum denn die Regierung nichts zahle – dieselbe Regierung, die ihr nicht mal genug für eine Haushälterin für ihre sieben Kinder zahlt. Solche und ähnliche Konflikte werden im Schnitt klar heraus gearbeitet. Die Montage Anne Renardets ist für den Film von kaum zu überschätzender Bedeutung, wirkt in ihrer Aufgeräumtheit fast wie ein Kontrapunkt zu Hamadis handfester Kameraführung. Durch Renardets Gespür für dramatische Spannungsbögen, für Blickwechsel und Kontraste ordnet sich das Leben bis zu solch einem Grad, dass Handlungsspielräume und Sollbruchstellen erst sichtbar werden. Und in diesem filmischen Raum zwischen Überfülle und Ordnung erscheint die Hauptfigur dann wirklich als Heldin, als Heldin des Lebens wie als Heldin des Filmischen. Sie ist Handlungsmotor für Stories und Change Maker an Orten mit wenig Hoffnung. Weil sie Möglichkeiten sieht, wo nicht zuletzt die internationale Gemeinschaft gern von Chaos und Failed State spricht. Mehr kann man mit 75 Minuten Film schwerlich erreichen.

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