Mama

Zwei Adoptivmütter kämpfen um ihre Mädchen. Eine von ihnen ist ein Geist.

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„Es war einmal ...“ Wenn Mama mit diesen in krakeliger Kinderschrift geschriebenen Worten beginnt, stellt man sich unweigerlich auf ein Märchen ein. Was uns der spanische Regisseur Andrés Muschietti in seinem Langfilmdebüt zunächst auftischt, ist allerdings fest in der düsteren Realität verankert. Alles beginnt mit einer Familienkrise, die durch die Finanzkrise ausgelöst wird. Ein junger Geschäftsmann, der nichts mehr zu verlieren hat, tötet einige Arbeitskollegen und seine Ex-Frau, um sich anschließend mit den beiden Töchtern im Wald zu verstecken. Geplant ist ein gemeinsamer Selbstmord, doch es kommt anders als gedacht: Eine bedrohliche Mutterfigur taucht aus der Dunkelheit auf und nimmt die Kleinen in ihre Obhut.

Mama erzählt ein Familiendrama mit den Mitteln des Horrorkinos. Das Ideal einer bürgerlichen, intakten Familie sucht man hier vergebens. Am nächsten kommen dem noch Annabel (Jessica Chastain) und Lucas (Nikolaj Coster-Waldau), der Bruder des amoklaufenden Familienvaters. Die beiden sind nicht verheiratet, leben in einer kleinen Wohnung und in den Tag hinein, sie als Mitglied einer Rockband, er als Zeichner. Als die verschollenen Mädchen nach fünf Jahren gefunden werden, versuchen sich die beiden aus Pflichtbewusstsein als Eltern.

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Allerdings sind die Kinder in der Zwischenzeit zivilisationsfremd geworden, haben das Sprechen weitgehend verlernt und sich von der aufrechten Haltung auf alle viere begeben. In einem von ihrem Psychiater zur Verfügung gestellten Versuchshaus – eher die Parodie eines bürgerlichen Eigenheims als dessen Verwirklichung – beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Wäre da nicht ein dunkler Fleck im Kleiderschrank, der als Türe zwischen dem alten und dem neuen Heim der Mädchen dient und einen Gast ohne gute Absichten anlockt.

Zwei Mutterfiguren konkurrieren in Mama miteinander: eine Frau, der die Mutterrolle aufgezwungen wird, ohne dass sie es will, und der Geist einer schon lange Verstorbenen, die einst ihr Kind verloren hat und auf der Suche nach Ersatz auf die beiden Mädchen gestoßen ist. Muschietti hat einen klassischen, fast ein wenig altmodischen Horrorfilm gedreht, der sein Publikum zwar gerne erschreckt, insgesamt aber mit seinen eleganten Kamerafahrten, sepiabraunen Rückblenden und molligen Klavierklängen mehr auf einen atmosphärischen und poetischen Erzählton setzt. Dementsprechend bleibt die Bedrohung lange Zeit unsichtbar und macht sich durch huschende Schatten, knarzende Dielen und Schmetterlinge als lyrische Vorboten des Grauens bemerkbar.

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Durch seine eher subtile Spannung und das Hauptmotiv der Mutterliebe erinnert Mama an die asiatischen Geisterfilme, die um die Jahrtausendwende in großen Mengen produziert wurden. Wie zum Beispiel in Hideo Nakatas Regiearbeiten Ring – Das Original (Ringu, 1998) und Dark Water (2002) liegt auch bei Muschietti die Bedrohung in einem familiären Trauma begründet. Der Geist ist somit nicht wirklich böse, sondern kann nur nicht zur Ruhe kommen, weil ihm Schlimmes widerfahren ist. Dabei nimmt es Mama in Kauf, das Grauen zu mindern, indem er sich der Erscheinung, vor der wir uns eigentlich fürchten sollen, mit Empathie nähert. Das führt dazu, dass sich zwischen der Heldin und ihrer Gegenspielerin ein eigenartiges, zwischen Angst, Eifersucht und mütterlicher Solidarität wechselndes Verhältnis entwickelt, das sich in kein vereinfachendes Schwarzweiß-Schema pressen lässt.

Etwas von seinem Reiz verliert der Film, wenn er die zunächst noch unsichtbare Bedrohung sichtbar macht. Es ist wie so oft im Horrorkino, wenn es mit dem Übersinnlichen spielt: Je mehr gezeigt wird, desto höher die Gefahr, dass der Vorstellungskraft des Zuschauers Bilder entgegengesetzt werden, die ästhetisch und technisch unzulänglich sind. Wirkungsvoller als in voller Blüte ist das CGI-animierte Muttertier, wenn nur die Haare ein wenig ins Bild flattern oder sie sich als dunkle Gestalt im Hintergrund aufbäumt. Andererseits ist es dem Film aber auch anzurechnen, dass er sich von seinen begrenzten Möglichkeiten nicht aufhalten lässt.

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Nachdem wir mit Wirtschaftskrise, den ökonomischen Zwängen der Figuren und einem Adoptionsstreit mit Lucas’ Schwester in die Handlung geführt werden, verliert Mama mit zunehmender Laufzeit an Bodenhaftung und gipfelt schließlich in einem fantastisch ausufernden Finale. Im gleißenden Vollmondlicht kommt es dabei zum Duell der Mütter, und während sich die Darsteller in emotionale Höhen spielen, lässt sich Komponist Fernando Velázquez mit seinem bombastischen Orchestergewitter nicht von den Regeln des guten Geschmacks zügeln. Man fühlt sich fast ein wenig in die 1980er Jahre, genauer gesagt in die Hochphase von Steven Spielbergs Schaffen zurückversetzt. Doch hinter dem, was vermeintlich reiner Kitsch ist, verbirgt sich mehr: So wenig sich die zwei Mütter in gut und böse trennen lassen, so kompliziert verhält es sich mit der Frage, wie man diesen Konflikt auflöst. Muschietti zeigt sich der Geisterwelt gegenüber fair und wählt einen für beide Parteien schmerzhaften Kompromiss.

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